Die Meisterfeier

Zum ersten Mal zeigt die Kunsthändlerdynastie Nahmad einen Teil ihrer exquisiten Sammlung. Die Kraft der gezeigten Werke ist so gewaltig, dass sie die Besucher im Zürcher Kunsthaus beinahe überfordert.

Kunsthöhepunkte des 20. Jahrhunderts: Gestern durften die ersten Gäste «The Nahmad Collection» bestaunen.

Kunsthöhepunkte des 20. Jahrhunderts: Gestern durften die ersten Gäste «The Nahmad Collection» bestaunen. Bild: Keystone

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Gut möglich, dass hiesigen Farbfachgeschäften bald die warmen Grautöne ausgehen, weil Scharen urbaner, kulturell beschlagener Trendsetter die entsprechenden Regale leerkaufen. In der Kosmetikbranche gabs schliesslich auch schon entsprechende Lieferengpässe, nachdem die Paparazzi Victoria Beckham mit mausgrau lackierten Fingernägeln erwischt hatten. Die Trendfarbe dieses Herbstes freilich diktiert kein anorektisches Starlet, sondern das Kunsthaus Zürich: Für die heute eröffnete Ausstellung der «Nahmad Collection» wurde der Bührlesaal in teils violett-, teils rotstichiges Grau getaucht. Was sich davor abspielt, ist nichts Geringeres als ein Feuerwerk – der Farben, der Schönheit, der Kunst der Klassischen Moderne.

Monet, Matisse, Miró! Und natürlich Picasso! Und alle gleich mit ganzen Werkgruppen vertreten! Und alles von erstklassiger Qualität! Das Auge hangelt sich gierig von Meisterwerk zu Meisterwerk, man schaut und staunt und glaubt es kaum, dass all diese Herrlichkeiten einer einzigen Privatsammlung entstammen. Rund 100 Werke hat Kunsthaus-Direktor Christoph Becker gemeinsam mit dem 35-jährigen Helly Nahmad aus der Sammlung ausgewählt – und damit zugleich deren exquisiten Kernbestand definiert.

Doppelte Premiere

Angesichts dieser atemberaubenden Spitze fällt es schwer, sich den dazugehörigen «Eisberg» auszumalen. Der lagert derweil, wenig glamourös, in einem Depot des Genfer Zollfreilagers; man munkelt von mehreren Tausend Quadratmeter Lagerfläche, von Aberhunderten von Werken, 4 bis 5 Milliarden sollen sie wert sein. Fakt ist, dass die aus Syrien nach Mailand emigrierten Nahmads in den Sechzigern ins Kunstbusiness einstiegen. Mittlerweile in der zweiten Generation tätig, gehören sie heute zu den internationalen Top-Playern der Branche, mit Filialen in London und New York – und einer Privatsammlung, die in Quantität wie Qualität ihresgleichen sucht.

Da nur ein Bruchteil davon die nahmadschen Villenwände ziert, derweil der Rest in Genf lagert, bot die Einladung des Zürcher Kunsthauses, die Sammlung öffentlich zu zeigen, der Familie erstmals Gelegenheit, einen Teil ihres üppigen Kunstbesitzes als Einheit zu erleben. Eine Weltpremiere ist die Ausstellung der «Nahmad Collection» also nicht nur für die Museumsbesucher, sondern auch für die Sammler selbst.

Beharrlich unkühn

Wer Kühnheit erwartet, wird freilich enttäuscht sein. Die Nahmads sind konservative Sammler. Sie wagen keine Experimente, gehen kein Risiko mit zeitgenössischer Kunst ein. Stattdessen setzen sie auf sichere Werte, kaufen Klassiker. Daran ist nichts Verwerfliches: Auch so kommen beachtliche, ja grossartige Sammlungen zustande. Man denke etwa an jene des Winterthurer Industriellen Oskar Reinhart, der in den Dreissigern Impressionisten und deren Vorläufer kaufte – Werke also, die mindestens ein halbes Jahrhundert früher entstanden waren und sich bewährt hatten. Vergleichbar die Strategie der Nahmads: Ihre jüngsten Gemälde datieren aus den Siebzigern.

Wer nun unkt, mit einem solchen Sammlungskonzept und entsprechendem Budget sei es ein Leichtes, eine beeindruckende Kollektion zusammenzutragen, der halte sich vor Augen, wie viel Geduld und strategisches Geschick zum Aufbau einer solchen vonnöten sind. Teilweise dauert es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis ein begehrtes Objekt überhaupt verfügbar wird. In diesen Momenten zur Stelle zu sein und zuzuschlagen, erfordert Ausdauer, Hartnäckigkeit und einen langen Atem.

Persönliche Vorlieben der Sammlerfamilie

Und wie ist sie nun, die «Nahmad Collection»? Herrlich. Und herrlich bunt: Schon ob der intensiven Farbigkeit der zum Auftakt präsentierten Monets fühlt man sich an die Sammlung Merzbacher erinnert, die 2006 in denselben Räumen zu sehen war. Das Farbspiel zieht sich wie ein roter Faden vom Impressionismus über den Kubismus bis hin zum Surrealismus und zur Abstraktion. Bisweilen meint man, in einen riesenhaften kunsthistorischen Lehrband gefallen zu sein, in dem sich Seite für Seite – oder eben Koje für Koje – die Höhepunkte der Kunst des 20. Jahrhunderts offenbaren.

Besonders reizvoll ist die Ausstellung dort, wo persönliche Vorlieben der Sammlerfamilie spürbar werden. Etwa in jener der Frauendarstellung vorbehaltenen Koje, wo die chronologische Hängung aufgebrochen und ein lasziv-pastellener Akt von Degas zwischen Matisse und Picasso platziert wurde. Spektakulär auch die Serie von sieben Modigliani-Porträts, deren typisch rostiges Kolorit die sonstige Farbigkeit sanft moduliert. Selten ist dieser Künstler in derartiger Werkfülle zu erleben. Die Dargestellten neigen sich in gewohnter Modigliani-Manier steif zur Seite; im lockeren Nebeneinander erwecken sie den Eindruck von sanft sich im Wind wogenden Pappeln.

Wohlig gesättigt

Aufschlussreich auch die Lücken: Cézanne etwa fehlt völlig, ebenso Van Gogh. Dafür ist Picasso allein mit 30 Werken vertreten, Miró mit deren 17. Gegen Ende der Schau treffen die späten Grossformate beider Meister aufeinander. Ausladende Gesten – kraftvoll, fast gewaltsam bei Picasso, bei Miró zart und wie hingehaucht – finden sich hier zu einem lebhaften Dialog, der auch dann noch nachklingt, wenn man das Museum schon längst verlassen hat.

Was man mitnimmt, ist das wohlige Gefühl kultureller Sättigung. Und vielleicht den Vorsatz, die Wände grau zu streichen – Nahmad-grau.

Bis 15. Januar 2012. Katalog 232 S., 45 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2011, 07:00 Uhr

Kündigte einst eine «kleine Ausstellung» in Zürich an: David Nahmad (64). (Bild: PD)

Der Sammler David Nahmad

«Ach, übrigens – im Oktober haben wir eine kleine Ausstellung in Zürich», kündigte David Nahmad (64) im letzten Juni an der Art Basel an. Die Galerie der Nahmads war wieder einer der grossen Anziehungspunkte an der Art. Vor dem Picasso, «Porträt einer Frau», geschätzte 14 Millionen Dollar, sammelten sich die Menschen. David Nahmad beobachtete vom Rande aus. Er hat sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Sein Sohn Helly führt heute die Galerie in New York. Er verhandelt mit Charme und Härte.

Seit den frühen Siebzigern kommt David Nahmad an die Art Basel, war eng verbunden mit dem Galeristen und Sammler Ernst Beyeler. Doch ganz im Gegensatz zum inzwischen verstorbenen Basler Kunstmäzen sind die Nahmads nur bei Kunstkennern bekannt, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Über die Familie, die ursprünglich aus Syrien stammt, ist wenig bekannt. Sie wurde nach der Emigration in den Westen mit Immobilien und Bankgeschäften erfolgreich und besitzt heute – wenn man dem amerikanischen Magazin «Forbes» glauben möchte – einen der weltweit grössten Kunstschätze. Klassische Impressionisten.

David Nahmad hat das Imperium mit seinen beiden Brüdern aufgebaut. Sie sind orientalische Juden, die in einer jüdisch-arabischen Kultur nicht mit bildlicher Kunst aufgewachsen sind, in der das Bildverbot bis heute dazu geführt hat, dass Kunst nicht auf Gemälden, sondern in Architektur, Ornamentik oder Kalligrafie eine wichtige Rolle spielt. Die Abstraktion ist wichtiger als das sichtbare Motiv, das Verborgene wesentlicher als das scheinbar Sichtbare. Zu dieser orientalischen Kultur gehört auch, dass die Familie eine zentrale Rolle spielt. Was im Westen meist abschätzig als Clan bezeichnet wird, ist Teil exportierter orientalischer Lebenskultur: die enge Verbindung zwischen Familien, Geschäft und Gesellschaft, zwischen den Kindern der Brüder Joseph, David und Ezra, wo alles innerhalb der Familie fliessende Übergänge findet und nach aussen klare Grenzen gezogen werden. Gespräche sind meist nicht Austausch, sondern Abgrenzung oder Verhandlung.

«Wir wollen nicht unbedingt Kunst ‹promoten›, uns liegt vielmehr daran, dass Menschen etwas lernen und sich weiterentwickeln. Kunst ist eine Bereicherung. Kunst zu verkaufen, ist für mich weniger wichtig, als Kunst zu erwerben», sagte David Nahmad im Juni im Gespräch mit dem Zürcher Magazin «Tachles». Und da unterscheidet er sich von vielen anerkannten Kunstsammlern, die eine strenge Trennlinie zu Galeristen ziehen. Ein Spagat, den die Familie Nahmad vor allem auch mit einem hohen Mass an Diskretion vollführt. «Ich denke, Diskretion ist in jedem Geschäft und im Leben allgemein wichtig. Leute, die Dinge aufblasen, kann man nicht ernst nehmen.» Wo die Aussagen mit den Realitäten konform gehen, ist nicht immer ganz klar. Denn dieses Geschäft lebt von Emotionen, Verheissungen und der Liebe für das nicht Offensichtliche.

1996 holte sich David Nahmad den Weltmeistertitel im Backgammon. Sheshpesh heisst das Brett- und Würfelspiel, das im arabischen Raum und in Israel ab Nachmittag in den Cafés mit viel Leidenschaft gespielt wird. Ein geografischer Raum, der die Familie bis heute prägt. Geflüchtet aus politischen Gründen und wegen des zunehmenden Antisemitismus, haben sich die Nahmads für den Westen entschieden und sind nicht, wie so viele Juden aus arabischen Ländern im Mittelmeerraum, nach Israel ausgewandert. «Mein grösster Wunsch ist: In Israel soll eines Tages Frieden herrschen. Alle sollen endlich glücklich sein», sagte David Nahmad im Frühjahr unter dem Eindruck der Jasminrevolution.

Nun ist Oktober. Und David Nahmads Satz «Kunst ist für uns pure Leidenschaft» klingt nach in der Intensität der Zürcher Werkschau, die eine kleine Sensation bedeutet.

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