«Die Schweiz muss sich endlich um ihre Raubkunst kümmern»

Das Kunstmuseum Bern hat entschieden: Es nimmt das Gurlitt-Erbe an. Mit welchen Folgen? Dazu Raubkunstexperte Thomas Buomberger.

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Die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters meinte, die Unterzeichnung der heutigen Vereinbarung stelle einen «Meilenstein in der Aufarbeitung der Deutschen Geschichte dar». Stimmt das?
Ich hoffe, dass sie zu einem Meilenstein werden wird. Im Prinzip hätten seit dem Abkommen von Washington 1998 alle 43 unterzeichnenden Staaten – darunter die Schweiz und Deutschland – Zeit gehabt, intensiv an der Aufarbeitung von Raubkunst in ihren Museen zu arbeiten. Viele haben das nicht getan, so auch die Schweiz. Deutschland war zwar aktiver, hat aber insgesamt auch zu wenig unternommen. Ich hoffe, dass der Fall Gurlitt Schweizer und internationalen Museen nun einen Impuls gibt, ihre Bestände endlich gründlich aufzuarbeiten.

Christoph Schäublin, der Stiftungsratspräsident des Berner Kunstmuseums, meinte, man stehe «am Anfang eines langen Weges». Wie interpretieren Sie diese Aussage?
Sie bezieht sich einerseits konkret auf das Konvolut Gurlitt: Da besteht zweifellos ein grosser Bedarf an Nachforschungen. Die werden noch Jahre dauern, denn gerade bei weniger bekannten Werken sind Provenienzen sehr schwierig zu recherchieren. Andererseits würde ich Herrn Schäublins Aussage auch auf den ganzen Kulturplatz Schweiz ausdehnen: 90 Prozent der hiesigen Museen haben ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht. Es braucht einen gewissen Druck vonseiten der Behörden, damit endlich etwas passiert. Der heutige Entscheid könnte diesen Druck mit sich bringen, weil alle Augen auf die Schweiz gerichtet sind. Da will man nicht tatenlos herumsitzen.

Sie glauben also, dass der heutige Entscheid den Umgang mit Raubkunst in der Schweiz verändern wird?
Das ist zumindest sehr wünschenswert. Insofern ist die Causa Gurlitt eine grosse Chance: Dass mit der Raubkunst im Land nicht dasselbe passiert wie damals in den 90er-Jahren mit den nachrichtenlosen Vermögen. Man darf das Problem nicht wieder einfach aussitzen, sondern muss es proaktiv angehen.

Die Provenienzforschung der Sammlung Gurlitt wird weiterhin der bayerischen Taskforce unterliegen – allerdings liegt die Entscheidung über eine Übergabe an die Taskforce beim Kunstmuseum Bern, das die Entscheidung aufgrund einer eigenen vorbereitenden Provenienzforschung treffen wird. Das könnte das Vorankommen verzögern.
Absolut. Das wird mit Sicherheit zu Komplikationen und Überschneidungen führen. Das Problem, das sich hier stellt, ist auch folgendes: Wer wird in Bern entscheiden? Momentan verfügen sowohl Bern als auch die Schweiz als Ganzes über zu wenig Know-how, um eine solche Entscheidung zu treffen. Man wird wohl ausländische Experten hinzuziehen müssen. Wichtig dabei ist, dass die Berner Forschungsgruppe so besetzt wird, dass sie nicht die Interessen des KM Bern vertritt, sondern jene der Opfer.

Macht es für die Nachkommen der Geschädigten einen Unterschied, ob die wissenschaftliche Aufarbeitung von der Schweiz oder von Deutschland geleistet wird?
Vermutlich nicht. Sowohl Bern als auch die deutschen Behörden haben sich verpflichtet, streng nach den Regeln des Washingtoner Abkommens vorzugehen.

Der Präsident des jüdischen Weltkongresses hatte Bern im Vorfeld von einer Annahme des Gurlitt-Erbes abgeraten. Muss das KM Bern nun mit einer Prozesslawine rechnen?
Die Bilder bleiben in Deutschland, die Rechtskosten übernimmt der deutsche Staat. So ist Bern aus dem Schussfeld, wenn es Klagen aus den USA oder anderswoher gibt. Damit hat das Kunstmuseum einen sehr guten Deal gemacht. Ich befürchte allerdings, dass man dies dem KMB als Rosinenpickerei auslegt. Es wäre ein Zeichen der Verantwortung gewesen, moralisch wie auch finanziell, wenn man die Aufgabe – so gross sie auch erscheinen mag – gänzlich übernommen hätte. Nun entsteht der Eindruck, man schiebe die Probleme nach Deutschland ab.

Erstellt: 24.11.2014, 15:46 Uhr

Thomas Buomberger ist Historiker und Raubkunstexperte.

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