Die mächtige Kuratorin und ihre Nebengeschäfte

Was hinter dem überraschenden Rücktritt von Beatrix Ruf als Direktorin des Stedelijk-Kunstmuseums in Amsterdam steckt.

Eine der mächtigsten Figuren in der Welt der Kunst: Beatrix Ruf. Foto: Sophia Kembowski (DPA, Keystone)

Eine der mächtigsten Figuren in der Welt der Kunst: Beatrix Ruf. Foto: Sophia Kembowski (DPA, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie war Direktorin der Zürcher Kunsthalle, stand zuletzt einem der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst vor und gehört insgesamt zu den mächtigsten Figuren in der Welt der Kunst. Nicht nur, wenn man dem «Power»-Index der «Art Review» folgt, in dem Beatrix Ruf zurzeit auf Platz elf rangiert. Nun ist bekannt geworden, dass die 1960 geborene Deutsche von ihrem Posten als Direktorin des Amsterdamer Stedelijk-Museums zurückgetreten ist.

Als Grund für den Rückzug werden vertragliche Abmachungen mit dem deutschen Sammler Thomas Borgmann sowie der Betrieb einer eigenen Firma genannt, die Dienstleistungen «im kul­turellen und künstlerischen Bereich» anbietet, wie es im Schweizer Handelsregister heisst.

Aus Rücksicht gegenüber dem Stedelijk, dessen Interessen sie höher gewichte als ihre eigenen, habe sie beschlossen, sich zurückzuziehen, teilte Beatrix Ruf gestern mit. Für weitere Fragen stand sie nicht zur Verfügung. So ist zurzeit völlig unklar, ob Ruf überhaupt etwas unternommen hat, was allenfalls ruchbar sein könnte.

400'000 Euro Nebenverdienst

Belegt ist aber, dass Beatrix Ruf mit ihrer Firma Currentmatters 2015 einen Gewinn von rund 430'000 Euro erzielt hat. Seriöserweise könne man für Beratungstätigkeiten nur 2000 Euro pro Tag verlangen, sagen Kenner. Ruf hätte mit ihrer Firma also ein Volumen erreicht, das einer Haupttätigkeit entspräche.

Ins Schweizer Handelsregister eingetragen wurde Currentmatters bereits im Juni 2013, also noch während Rufs Zeit als Direktorin der Zürcher Kunsthalle. Im Jahr darauf wechselten die Anteile der Firma zusammen mit der Kuratorin nach Amsterdam, wo unter gleichem Namen eine weitere Firma gegründet wurde. Deren Jahresbericht kann – anders als in der Schweiz – jeder einsehen, der bereit ist, eine kleine Gebühr zu zahlen.

Welche Leistungen Rufs Firma für den Gewinn erbringen musste, geht aus dem Jahresbericht nicht hervor.

Welche Leistungen Rufs Firma für den Gewinn erbringen musste, geht aus dem Jahresbericht nicht hervor. Keine honorierten Leistungen hat sie für den Schweizer Verleger Michael Ringier erbracht, dessen Sammlung Ruf als Beraterin und Kuratorin massgeblich mitaufgebaut hat. «Beatrix Ruf hat seit 2015 weder ein vertragliches noch ein finanzielles Engagement mit Ringier, also keine bezahlte Tätigkeit», teilt der Unternehmenssprecher mit. Die Frage, ob Ringier die Dienste von Currentmatters in Anspruch genommen hat, also über Rufs Firma weitere Personen beschäftigte, blieb unbeantwortet.

Nachweislich wurden aber Werke aus der Sammlung Ringier in Amsterdam gezeigt, was nichts Ungewöhnliches ist. Jährlich würden Werke aus der Sammlung «in 20 oder 30 anderen Museen der Welt» ausgestellt, teilt Ringier mit. Ebenfalls nachweisen lässt sich, dass Ruf in der Funktion «Kunst-Koordination» am Jahresbericht 2016 von Ringer mitgearbeitet hat, der jeweils von einem Künstler gestaltet wird. Dabei soll es sich aber lediglich um eine beratende Tätigkeit gehandelt haben. Belegen lässt sich auch, dass Ruf im Schweizer Handels­register als Mitglied des Verwaltungsrates von JRP geführt wird, dem Kunstverlag von Ringier. Im Verzeichnis von Rufs Nebentätigkeiten, das rund zwanzig Positionen umfassen soll, war dieses Verwaltungsratsmandat gemäss Artnet nicht aufgeführt – aufgrund eines «Verarbeitungsfehlers», wie das Stedeljik mitteilte.

Mit Auflagen verbunden

Offene Fragen gibt es auch um die Sammlung Borgmann, aus der das Stedelijk 600 Werke übernahm. Darunter Werke von Wolfgang Tillmans, Lucy McKenzie und Cosima Von Bonin. Hinzu komme eine Gruppe mit grossen Werken von Isa Genzken und Martin Kippenberger. Bemängelt wird in diesem Zusammenhang, dass einzelne Werke aus der Sammlung Borgmann vom Museum erworben wurden. Darunter sechs Arbeiten des deutschen Künstlers Michael Krebber für jeweils 125'000 Euro sowie eine monumentale Installation von Matt Mullican für 750'000 Euro. Insgesamt wird das Museum bis im nächsten Jahr 1,5 Millionen für die Sammlung Borgmann aufgewendet haben. Verbunden mit der Leihgabe seien auch gewisse Auflagen.

So etwa, dass die Sammlung während mindestens zweier Monate ausgestellt werden muss, sonst würde eine Konventionalstrafe von 250'000 Euro fällig. Solche Auflagen wie auch der Teilankauf von Leihgaben sind aber nichts Aussergewöhnliches, wenn Werke aus einer privaten Sammlung an ein Museum gegeben werden.

Das Stedelijk hat nun eine unabhängige Untersuchungskommission eingesetzt, die die Vorgänge rund um das Museum unter die Lupe nimmt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2017, 20:33 Uhr

Artikel zum Thema

Beatrix Ruf verlässt das Stedelijk Museum

Ruf tritt aufgrund umstrittener Nebentätigkeiten als Direktorin des renommierten Stedelijk Museum in Amsterdam zurück. Mehr...

Zappend durchs Museum

#letsmuseeum sind schräge Führungen durch drei Zürcher Museen. Die Guides sind keine Experten, sondern Fans, und sie zeigen ihre Lieblingsobjekte. Wir waren im Kunsthaus dabei. Mehr...

Ein Selfie mit Warhol

Lange Zeit war es verboten, Werke in Museen zu fotografieren. Heute ist es in Zürich fast überall erlaubt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Wettermacher Kalt gegen Serbien, heiss gegen Costa Rica

History Reloaded Neuer Feminismus, alte Rollenbilder

Die Welt in Bildern

Feuerball: Sonnenaufgang über Kairo. (19. Juni 2018)
(Bild: /Mohamed Abd El Ghany) Mehr...