Die starke Frau an Le Corbusiers Seite

Eine Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung zeigt Charlotte Perriand als Designerin, Fotografin und Aktivistin.

Charlotte Perriand auf der Chaiselongue aus dem Atelier Le Corbusier (1930).

AChP / 2010, Pro Litteris, Zürich

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Man steht vor der Sitzgruppe und denkt: Wow, so etwas Prägnantes und Formschönes sieht man heute nur selten! Zwei gerade geschnittene Sessel auf Flachstahlkufen in rostrotem Stoff, ein tiefer, schwarzer Holztisch mit leicht gerundeten Kanten, an denen man gern mit der Hand entlangfährt, und eine japanisch inspirierte Sitzbank aus Holzlamellen mit ungezwungenen, losen Lederkissen: Die spannungsvolle Sitzgruppe aus den 50er-Jahren kann man sich heute ohne weiteres in die eigenen vier Wände stellen, denn sie wirkt überaus wohnlich und hat doch eine starke eigene Formensprache. Wie alle Modelle aus dem Büro Le Corbusier/Pierre Jeanneret/Charlotte Perriand wird sie vom italienischen Möbelhersteller Cassina produziert.

Nun steht Charlotte Perriand (1903–1999), die immer erst an dritter Stelle der renommierten Pariser Ateliergemeinschaft von Le Corbusier genannt wird, endlich einmal im Mittelpunkt des Interesses. 350 Exponate hat das Museum für Gestaltung zusammengetragen und in einer facettenreichen Schau gebündelt, hauptsächlich Leihgaben aus dem Centre Pompidou und von Privatpersonen.

Geteilte Copyrights

Wer war diese Frau, die als junge Innenarchitektin 1927 in das Atelier von Le Corbusier und Pierre Jeanneret eintrat? Und welchen Anteil hat sie am Werk von Le Corbusier? Dies fragt man sich, wenn man den grosszügig angelegten Ausstellungsparcours durchschreitet, der Charlotte Perriand als Möbeldesignerin, Fotografin und Aktivistin zeigt. Die Frage nach dem Einfluss auf Le Corbusier ist nicht leicht zu beantworten, denn das Copyright der Entwürfe wurde bereits damals von allen dreien gemeinsam postuliert. Studiert man jedoch Perriands eigenwillige Arbeitsweise und schaut sich ihre späteren Entwürfe an, die sie nach dem Bruch mit Le Corbusier ab 1937 produzieren liess, kommt man zum Schluss, dass ihr Einfluss beträchtlich gewesen sein muss.

In den Jahren 1932 bis 1937 unternimmt sie mit Pierre Jeanneret, ihrem damaligen Lebenspartner, und dem befreundeten Maler Fernand Léger lange Spaziergänge am Ärmelkanal bei Dieppe. Die drei Wandervögel steigen in die Steinbrüche von Bourron hinab, spazieren durch die Wälder von Fontainebleau und suchen nach Objekten mit markanten Naturformen – Steine, Knochen, Hölzer. Einige dieser Fundstücke sind in der Ausstellung zu sehen, viele weitere als Schwarzweissfotografien. Für Perriand waren sie eine wichtige Ideenquelle für ihre Entwürfe. Auch die Stühle und Tische, welche die Ateliergemeinschaft damals entwirft, sind «natürlich». Das kühle, glänzende Stahlrohr der frühen Jahre ist dem Werkstoff Holz gewichen.

Studien auf Schrottplätzen

Normalerweise haben Designer und Architekten einen Skizzenblock in der Tasche – Charlotte Perriand hatte stets ihre Kamera dabei. Sie fotografierte Fischknochen im Querschnitt und dokumentierte Hühnergerippe von der Seite, was sie zu neuen Linienführungen für ihre Möbel inspirierte. Später, als sie mit Vorliebe auf Schrottplätzen Formstudien machte, kam sie auf die Idee für klapp- und faltbare Sitzmöbel – kluge und preisgünstige Vorfahren unserer heutigen, flexiblen «Nomadenmöbel», mit denen Perriand in den späten 30er-Jahren die prekären Wohnverhältnisse in der Pariser Banlieue verbessern wollte.

Die ehrgeizige Tochter einer Pariser Schneiderin war gestalterisch höchst begabt, sozial engagiert und dazu noch eine schöne Frau. Gern liess sie sich von Pierre Jeanneret fotografieren, der ihr als Lebenspartner speziell nahekommen konnte. Auf den Fotografien sehen wir eine selbstbewusste Frau, sportlich-dynamisch und attraktiv gebräunt vom Bergsteigen in den französischen Drei- und Viertausendern. Eine Frau auch, die genau wusste, wie sie ihr Erscheinungsbild zu inszenieren hatte, um charismatisch zu wirken. Das war sicher nicht abträglich, als sie später, nach ihrem Bruch mit dem Atelier und der Trennung von Jeanneret, zu Aufträgen kommen musste und Inneneinrichtungen für Industrielle, Verleger und Kunstsammler entwarf.

1937 verliess sie das gemeinsame Büro. Ihre politischen Ambitionen, die zeitweise stark vom Kommunismus durchdrungen waren, gingen dem Macher Le Corbusier zu weit – er wollte bauen, sie damals vor allem politisieren. Ohnehin hatte Le Corbusier ihr Verhältnis zum Atelierpartner Pierre Jeanneret stets mit Skepsis betrachtet.

Kennenlernen in Tokio

Doch Perriands Zukunft sollte sich erfolgreich entwickeln. Kurz nach Kriegsausbruch wurde sie nach Tokio berufen, um dem traditionellen japanischen Kunstgewerbe neue Impulse zu geben – eine Stelle, die zuvor Bruno Taut innehatte. Hier lernte sie ihren späteren Mann kennen und eine fremde Kultur, die Perriand, offen und multikulturell interessiert, gekonnt in ihr Formenrepertoire aufnahm. Rattan und Geflecht kamen hinzu, die Sitzhöhen wanderten nach unten, was zu einem neuen, modernen Look führte. Ein Beispiel dieser Melange aus Ost und West ist die Bank aus Holzlamellen, die im Eingangsbereich der Ausstellung zum Sitzen einlädt. Völlig selbstverständlich steht sie da, in jede Zeit passend.

Museum für Gestaltung, bis 24. Oktober. Im Gewerbemuseum Winterthur läuft bis 22. August eine Ausstellung unter dem Titel «Résonance. Charlotte Perriand und ihre Spuren in Brasilien».

Erstellt: 20.07.2010, 19:37 Uhr

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