Die wilden Jahre der ewigen Verführerin

Österreichs einstiger Bürgerschreck Valie Export stöberte im Privatarchiv und gewährt nun im Kunsthaus Bregenz Einblick in ihr umfangreiches Œuvre. Und in ihr Leben von der Klosterschülerin zur Aktionskünstlerin.

Das legendäre «Tapp- und Tastkino» erfunden: Die österreichische Künstlerin Valie Export eröffnet ihre Ausstellung in Bregenz.

Das legendäre «Tapp- und Tastkino» erfunden: Die österreichische Künstlerin Valie Export eröffnet ihre Ausstellung in Bregenz. Bild: Keystone

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Da hängt sie also, die blaue Jeans, kaum getragen, aber tausendmal abgebildet wegen ihrer in der Scham ausgeschnittenen Öffnung. Mit der «Aktionshose: Genitalpanik» schockierte Valie Export 1969 die Massen, als sie mit einem Gewehr im Anschlag durch die Parkettreihen eines Münchner Kinos ging und sich dabei begrapschen liess. Das damals entstandene «obszöne Struwwelpeter-Foto» («Die Zeit») gehört heute zu den Ikonen der zeitgenössischen Kunst und ist im Kunsthaus Bregenz mit 850 weiteren Objekten aus dem Archiv der aufmüpfigen Wienerin ausgestellt.

«Die Idee ist der wichtigste Teil der künstlerischen Arbeit», sagt die heutige Kunstprofessorin, die kaum mehr an die wilde Feministin der 60er-Jahre erinnert. Vor Ideen sprühte sie damals in der Tat. Und sie hielt ihre Konzepte auf Notizzetteln, in Drehbüchern und Skizzen fest, die der Bregenzer Archivschau nun zugrunde liegen.

Die Busen-Box

Am Anfang der Ausstellung erlebt man in einem Fernsehbeitrag den Auftritt der jungen Aktionskünstlerin mit dem legendären «Tapp- und Tastkino». Mit einem Kasten vor der entblössten Brust forderte Export die Leute auf, in die Kiste zu greifen und Kino live zu ertasten. Die Aktion wollte die Besucher, die üblicherweise Sex im Dunkeln konsumierten, mit ihrem voyeuristischen Verhalten zu konfrontieren. Heute schaut man eher belustigt auf die Männer, die vor dem «mobilen Kino» Schlange stehen. Und man betrachtet mit Vergnügen die Karikaturen, die in Filmmagazinen die Wirkungsgeschichte illustrieren.

Insgesamt verschaffen 57 Vitrinen im ersten Geschoss Einblick in das immense Œuvre der Kunstpionierin. Eine Herausforderung, die man selektiv angehen muss, will man nicht vor der Fülle des Materials kapitulieren.

Radikal, provokativ, katholisch

Valie Export wurde 1940 in Linz als Waltraud Lehner geboren. Ihr Vater, ein Nationalsozialist, kam während des Kriegs 1942 in Afrika ums Leben. Zurück blieb die Mutter mit drei Mädchen. Valie Export begann schon früh zu zeichnen und liess bereits als Klosterschülerin einen gewissen Hang zur Provokation erkennen. Auf einer ihrer frühesten Zeichnungen stellt sie etwa das weibliche Geschlecht als heilige Monstranz dar, sekundiert von betenden Händen und einem erigierten Penis, dem eine Flamme aus dem Docht steigt. Nach der Kunstgewerbeschule in Linz studierte Export erst einmal Textilkunst und Modedesign in Wien. «Es hätte meiner Mutter schon gefallen, ich wär bei dieser Art von Kunst geblieben», schmunzelt sie.

Mitte der 60er-Jahre begann sich die Künstlerin ganz dem «Expanded Cinema», dem erweiterten Kino und dem experimentellen Film, zuzuwenden. Dabei waren ihr die Dadaisten Vorbild und Ansporn. Ansonsten mochte sie aber nicht auf Überväter zurückgreifen. Um sich von der (männlich dominierten) Szene der Wiener Aktionisten abzuheben, legte sie sich 1967 den Künstlernamen zu. «Ich wurde als Künstlerin nicht wirklich ernst genommen», erinnert sie sich. Mit dem einer Zigarettenmarke entliehenen Logo Export wollte sie die reaktionären Denkmuster der Nachkriegsjahre aufmischen, «Ideen exportieren» und Weitläufigkeit signalisieren. Bereits 1968 wurde die Experimentalfilmerin für den interaktiven Film «Ping Pong» ausgezeichnet. Zur Preisverleihung in Wien marschierte sie aber mit dem «Tapp- und Tastkino» auf, was zu tumultartigen Szenen führte.

Bis an die Schmerzgrenze

1970 liess sich die Künstlerin in einer öffentlichen «Body Sign Action» ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren. Einmal Verführerin, immer Verführerin, lautete das Verdikt, das sie sich als Erkennungsmerkmal wie einen Stempel aufdrücken liess. Die daraus entstandene Fotostrecke und weitere fotografische Schlüsselwerke ergänzen die Installation «Fragmente der Bilder einer Berührung»: Beweglich montierte Glühbirnen tauchen von oben in Reagenzgläser, die mit Wasser, Milch oder schwarzem Altöl gefüllt sind. Man denkt an Penetration; an einen rituellen Akt gar, der Reinigung, Lebensspende, aber auch Zerstörung symbolisiert.

Dann der Höhepunkt: 30 Filme und Videos spulen im obersten Geschoss synchron über Leinwände und Monitoren. Trouvaillen wie «Adjungierte Dislokation», wo Export mit je einer Kamera auf dem Rücken und vor der Brust den Raum auslotet, ist ein konzeptuelles Meisterstück. Und der Kurzfilm «Body Politics» zeigt Frau und Mann auf einer Rolltreppe, während sie sich einen Geschlechterkampf der heiteren Art liefern. Kaum zu ertragen sind hingegen die Bilder des 16-mm-Streifens «Remote, remote», in denen die Künstlerin mit einer Rasierklinge unter ihre Nägel fährt und die blutenden Finger in Milch taucht: Ausdruck verletzter Identität. Valie Export thematisierte mit neuen Kunstformen weibliche Identität und Selbstbestimmung. Dass sie sich in ihrer anspruchsvollen Archivschau auf die 60er- und 70er-Jahre konzentriert, hat seinen Grund: Nie war sie provokativer, innovativer und wirkungsvoller.

Erstellt: 04.11.2011, 10:42 Uhr

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