Ein Museum ist keine Therapie

Ein Zürcher leitet das Deutsche Historische Museum in Berlin. Raphael Gross will Geschichte in Konflikten zeigen. Wie geht das? Und hilft ihm dabei seine jüdische Herkunft?

Humorvolle Gelassenheit, kombiniert mit einem Bestehen auf Genauigkeit: Raphael Gross im Jüdischen Museum in Frankfurt. Foto: Andreas Arnold (Ddp Images)

Humorvolle Gelassenheit, kombiniert mit einem Bestehen auf Genauigkeit: Raphael Gross im Jüdischen Museum in Frankfurt. Foto: Andreas Arnold (Ddp Images)

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Er hat in Zürich, Bielefeld, Berlin und Cambridge studiert, Geschichte, Philosophie und Literatur, hat die Schweiz vor bald 30 Jahren verlassen, hat in Jerusalem gelehrt und in London 15 Jahre lang das Leo Baeck Institute angeführt, eine Forschungsstelle über jüdische ­Geschichte, hat das Jüdische Museum von Frankfurt geleitet, in Jerusalem geforscht, im englischen Sussex und im deutschen Bochum gelehrt und sich in Deutschland als Experte für den Holocaust empfohlen. Seit April leitet Raphael Gross das Deutsche Historische Museum in Berlin, ein riesiges Haus mit 250 Mitarbeitenden und über einer Million Objekten.

Weshalb sich die erste Frage nachvollziehen lässt, die man ihm in seinem grossen, hellen, sparsam mit Bildern behängten Büro stellt, nachdem wir übereingekommen sind, im Dialekt zu reden: Wann haben Sie zum letzten Mal Schweizerdeutsch gesprochen? «Heute Morgen», sagt der 50-Jährige, «mit meinem kleinen Sohn.» Der ist acht Wochen alt, heisst David und kann Schweizerdeutsch noch nicht von Hebräisch oder Koreanisch unterscheiden.

Die zweite Frage bereitet dem Museumsdirektor Schwierigkeiten. Es geht um die Deutsche Bahn, sie wollte einen ICE nach Anne Frank benennen und wurde für ihren Vorschlag attackiert, als führen ihre Züge immer noch nach Auschwitz. Was sagt der Holocaust-­Experte: Darf die Deutsche Bahn Anne Frank auf diese Weise ehren? Gross sagt weder Ja noch Nein. Er habe die Debatte nicht verfolgt, entschuldigt er sich, spricht dann von einer «schnellen Emotionalisierung solcher Sachen» und einer «drohenden Trivialisierung», ­wobei es «immer auf den Kontext» ­ankomme.

«Die Eskalation zurückfahren»

Es sei berechtigt, nach dem Holocaust anders mit der Erinnerung an diese Geschichte umzugehen. «Aber eine Eskalation droht schnell moralisch zu werden. Nur werden dabei ihre Kriterien nicht mehr hinterfragt, sondern die Empörung selber gilt schon als moralisch.» Er habe sich so lange mit Antisemitismus und dem Holocaust institutionell auseinandergesetzt, dass er immer versuche, «die Eskalation zurückzufahren». Verstehen kann er die Bedenken schon. «Ist es vielleicht so, wie wenn man einen Blitzableiter nach Ödön von Horváth benennen würde?» Horváth, der österreichische Theaterautor, wurde 1938 in Paris von einem Baum erschlagen, der vom Blitz getroffen worden war.

Dass das Schicksal und die Rezeption von Anne Frank Gross so nahegeht, lässt sich leicht begründen: Er hat sich jahrelang mit dem Nachlass von Anne Franks Familie befasst.

Warten auf das Wunder

Raphael Gross ist kein sanguinischer Typ. Seinen Zugang zur Welt könnte man als humorvolle Gelassenheit bezeichnen, kombiniert mit einem Bestehen auf der Genauigkeit. Er überlegt sich jede Antwort, beim Überlegen schweift sein Blick aus hellgrauen Augen in die Ecke seines Büros oder auf die Wand, wo ein Holzschnitt der Künstlerin Andrea Büttner hängt, weiss auf blauem Grund steht der Satz: «Waiting for the miracle to come», Warten auf das kommende Wunder. Ironischer könnte man die Schwierigkeit eines Ausstellers nicht beschreiben, der aus dem Alten etwas Neues schaffen möchte.

Dabei ist Raphael Gross kein Zauderer. Er mag es deutlich, und er scheut auch keine Kontroverse. Beides wird ihm bei seiner neuen Aufgabe zu Hilfe kommen: Sie besteht darin, das Deutsche Historische Museum (DHM) zu reformieren, zu modernisieren und also zu beleben. Das DHM hat soeben sein 30-Jahr-Jubiläum gefeiert, 25 000 Menschen kamen an einem Sonntag zu Besuch, das sind sehr viele. Auch dass an normalen Tagen die Hälfte der Besucher aus dem Ausland stammt, lässt sich als Kompliment auffassen.

Das bedeutet, uns um Konflikte zu kümmern»

Trotzdem hatte das Museum beim Berliner Lustgarten, in einem ehemaligen Zeughaus, lange Zeit eine schlechte Presse. Als es 1987 von Helmut Kohl eröffnet wurde als Austragungsort einer Erinnerung für die Deutschen in Ost und West, kam sofort der Verdacht auf, den der Philosoph Jürgen Habermas am schärfsten formulierte: dass hier ein revisionistisches Geschichtsbild umgesetzt werde, bei dem die Nazizeit und der Holocaust zu einer Fussnote der deutschen Geschichte verkümmerten.

Davon kann keine Rede sein, wenn man sich den letzten Teil der Dauerausstellung ansieht. Was aber stimmt: Das Deutsche Historische Museum wirkt, nun, museal. Der Besucher schreitet riesige Säle ab und fühlt sich von der schieren Menge der ausgestellten Objekte wie erschlagen. Wie will der Neue das ändern, wie will er dem Deutschen Historischen Museum Dringlichkeit verleihen, Relevanz für die Gegenwart aus Sicht einer über tausendjährigen Vergangenheit? Was haben Fahnen, Rüstungen, Dokumente, Gemälde, Alltagsgegenstände und Schautafeln mit uns zu tun?

Gross verortet seinen Ansatz zwischen Aufklärung und Postmoderne: «Eine aufklärerische Forderung besteht darin, sich an die Fakten zu halten. Mein Zugang ist eher, nicht chronologisch und faktuell im engsten Sinn vorzugehen, aber auch nicht postmodern. Was mich inspiriert, ist, die Geschichte von der Gegenwart aus zu sehen. Das bedeutet, uns um Konflikte zu kümmern.»

Beide Zugänge leuchten ein, zumal sie miteinander zu tun haben. Die Frage ist aber, wie aus diesen Forderungen Ausstellungen entstehen können. Was hat der Museumsdirektor als Nächstes vor? Raphael Gross nennt drei Themen, die er in Sonderausstellungen konflik- tuell präsentieren will.

Deutsche Medien in politischen Krisenzeiten (2019): Auch hier will Gross ein historisches Thema aus der Gegenwart heraus anschauen, wobei das Historische für ihn bis ins Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurückreicht: Es geht ihm um die Rolle der Medien während einer Krise der politischen Öffentlichkeit. «Wenn ich einen Lautsprecher zeige, ist das nicht so zufällig wie der Hut, den Napoleon bei Waterloo verloren hat. Sondern es ist ein Objekt, das selber die Öffentlichkeit verändert, in der es zur Anwendung kommt. Ohne Lautsprecher hätte Hitler niemals solche Massenveranstaltungen abhalten können. Aber auch Linke haben ihn verwendet. Und Jazzmusiker.»

Kein Ort der Therapie

Dieselbe Ambivalenz gelte für das Radio, früher habe sie für den Buchdruck gestimmt und seinen Einfluss auf die Reformation. Heute gelte sie für Facebook. Dabei warnt der Museumsdirektor davor, Medien allzu leicht in Gut und Böse zu unterteilen. Es brauche Abstand, um zu verstehen, wie sich unsere Denk­formen und unsere Öffentlichkeit verändert hätten. «Als historisches Museum ist es gut», sagt er, «diesbezüglich keusch zu bleiben.»

Die Kontroversen der Hannah Arendt (2020): Von Arendt stammt der Begriff «politische und historische Urteilskraft», den Gross immer wieder verwendet. Hannah Arendt habe neben vielem anderen über Adolf Eichmann geschrieben und Konrad Adenauer, über den Vergleich von Nazismus und Bolschewismus, über Studentenbewegungen und Feminismus, amerikanische Rassentrennung und das Schicksal von Flüchtlingen. Gross will aber keinen historischen Überblick anbieten, weil dieser Zugang verdunkle, was er klären möchte. Er suche eine aufklärerische Aussage, welche die Kontroversen der Hannah Arendt aushalte. So findet er ihre Analyse von Adolf Eichmann völlig falsch, «da sie dessen ideologische und antisemitische Motivation für seine Morde als solche eher auszublenden scheint». Auch ihre Vergleiche zwischen Stalins Herrschaft und derjenigen von Hitler finde er oftmals problematisch.

Die Geschichte der Documenta als neuer Zugang zur Welt (2021): Auf dieses Thema wäre sonst niemand gekommen, was reizt ihn daran? Die weltweit grösste Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst finde alle fünf Jahre in Kassel statt, sagt er: die Documenta. «Sie ist eine hervorragende Vorlage, wenn man sich ihre Geschichte anschaut.» Zum einen habe sie von allem Anfang an versucht, die Zeit in Kunst zu fassen, und er wolle lernen, wie sie das getan habe.

Zum anderen sei die Documenta 1955 erstmals abgehalten worden, also in einem Moment der Geschichte, als es um Fragen ging wie: «Wie verhält man sich neu in einer völlig veränderten ­Geschichte und einer total zerstörten Stadt, einem zerstörten Kontinent? Wie verhält man sich zum Kalten Krieg, zur sozialistischen Kunst, zum Nationalsozialismus und zur vom Nationalsozialismus als entartet bezeichneten Kunst? Die Documenta war ja direkt dagegen konzipiert.» Und wo verortet er den Bezug zur Gegenwart? Deutschland befinde sich in einer hochinteressanten, aber ähnlichen Situation, sagt er, in der man Koordinaten suche gegen Trump, gegen Putin, gegen Europa, gegen den Brexit.

Das Museum sei kein Ort der Therapie, hat Raphael Gross in einem Interview gesagt, was heisst: Seiner Meinung nach können sich die Deutschen in ihrem Museum nicht von der Vergangenheit heilen lassen. Auch diese Aussage zeigt, wie sehr den Direktor die Konflikte der deutschen Geschichte interessieren.

In Deutschland kommt er mit dieser Haltung gut an. Als er im Frühling die Leitung des DHM übernahm, reagierten die deutschen Medien überschwänglich. Gross wurde als meisterhafter Aussteller gelobt, als Intellektueller mit Überblick, als Garant dafür, das Umständliche, Ältliche, Gräuliche an seinem neuen Arbeitsort zu überwinden. Wie sieht er sich selber? Hält er seine nationale und religiöse Prägung als Schweizer und Jude für einen Vorteil, oder nimmt er sie als Schwierigkeit wahr?

Bloss nicht langweilig werden

Raphael Gross lächelt: «Jeder hat seine Geschichte. Jeder, der Ausstellungen organisiert, versucht, eine aufklärerische Haltung einzunehmen, die keine partikulare ist.» Aber man könne eine aufklärerische Haltung erst einnehmen, wenn man reflektiere, «dass man Weisser ist, seit zwei Jahren einen VW Golf fährt, verheiratet ist und ein Baby hat, aus der Schweiz stammt, aus einer jüdischen Familie kommt». Das sei sicher kein Fehler, deswegen aber noch kein Vorteil. Es könne nämlich sein, dass man gegen Vorurteile antreten müsse und deshalb besonders sensibel sei und versuche, dem Vorwurf zu entgehen und noch allgemeiner zu werden. «Daraus ergibt sich die Gefahr, langweilig zu werden.»

Raphael Gross, der Weitgereiste, hat viele Jahre in England gelebt und gearbeitet, also in einer Kultur, die von der Langeweile nichts hält und von der intellektuellen Langeweile überhaupt nichts. Seine humorvolle Gelassenheit, sein direkter Zugang, sein Sinn für Unterhaltung weisen ihn als Angelsachsen aus. Stimmt das? «Am meisten gefallen hat es mir in London», gibt er zur Antwort: «Schon die erste Beiratssitzung mussten wir mehrere Male unterbrechen, weil wir so gelacht haben.»

Man wäre nicht darauf gekommen: Wer ein Museum leitet, betreibt eine fröhliche Wissenschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2017, 19:01 Uhr

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