Ein bisschen Dalí und ein bisschen Super Mario

Die Swiss Art Awards werden einmal mehr politisch korrekt verteilt. Schräge Positionen gingen leer aus.

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Es gibt diese eine Ecke an den diesjährigen Swiss Art Awards, die hat es in sich. Acht Sittiche liegen da auf Sockeln, alle herrlich bunt – und mausetot. Die Künstlerin Vanessa Safavi hat sie, wenig zimperlich, arrangiert: Bäuche gen oben, Schwanzfedern parallel. Ein bitterböser Kommentar zur Lage der Kunst: wunder­hübsch anzusehen, aber uniform und blutleer.

Noch einen drauf setzt Mark Boulos, dessen Videoarbeit nur wenige Meter weiter an die Wand projiziert wird. Es ist ein filmisches Selbstporträt – anhand der Aussagen von Boulos’ Psychoanalytikerin. Wir verfolgen die Sitzung quasi der Therapeutin vis-à-vis sitzend, also aus der Sicht des Künstlerpatienten, dessen Aussagen jedoch stumm geschaltet wurden. Nur die Psychoanalytikerin ist zu hören, die von Erniedrigung spricht, von Selbstzerstörung und Triumph­gefühlen. So weit ist es also gekommen mit der Kunst: Sogar sie braucht einen Seelenklempner.

So wunderbar bissig diese zwei Positionen, so aufschlussreich die Tatsache, dass keine von beiden prämiert wurde. Die Jury, bestehend aus der siebenköpfigen Eidgenössischen Kunstkommission, war geistesgegenwärtig genug, den Künstlern nicht auf den Leim zu gehen. Oder war sie zu humorlos? Auch Othmar Farré, der auf einem überdimensionierten Pinsel zu Bonnie Tylers «Holding Out For a Hero» todes­mutig eine Skipiste hinunter­sauste, das Ganze auf Video festhielt und schafft, was im Kunstbetrieb sehr, sehr selten geworden ist – nämlich, das Publikum zum Lachen zu bringen –, kam nicht in die Kränze. Schade. Die Preise sind, einmal mehr, politisch korrekt und statistisch fair verteilt worden. 75 Prozent für die Deutschschweizer, der Rest ins Welschland; die Damen räumen immerhin 42 Prozent ab – und das, obwohl nur 37 Prozent der insgesamt 390 Bewerbungen von Frauen stammten.

Der Jüngste und der Älteste

Dazu passt, dass sowohl der jüngste wie auch der älteste Bewerber einen der elf mit je 25'000 Franken dotierten Preise nach Hause tragen dürfen. Als wolle man die Kontinuität im hiesigen Kunstbetrieb, genauer: in der hiesigen Malerei beschwören, werden die beiden nebeneinander präsentiert – was weder den Künstlern noch dem Medium gut bekommt. Hier der 52-jährige Zürcher Andreas Dobler mit einer haarsträubend banalen Persiflage auf die SBB, da der Wahlberliner Yves Scherer mit seinen 28 Lenzen und einer lustvoll hingerotzten Allegorie des Twilight-Teenagertums. Letzteres ist zwar visuell nicht ganz reizlos. Trotzdem: Wenn dies das Best-of der Schweizer Malerei ist, dann sieht es für selbige zappenduster aus.

Die Installation scheint in besserer Verfassung. Schön schnoddrig Mathis Altmanns Abgesang auf die bausparende, konsumgeile Ich-AG (man nehme Beton, Abflussrohre sowie Werbebotschaften und vermenge alles zu kitschig-kaputten Mini-Arrangements); wunderbar unterkühlt Gilles Furtwänglers Kommentar zur orientierungslosen, aber ­dafür veganen Generation iPhone (man nehme Leim, schreibe damit zynische Slogans an die Wand und färbe alles mit biologisch abbaubarem Schwarztee ein). Herrlich skurril schliesslich Mélodie Moussets «Dreifaltigkeit der Körperlichkeit»: ein vergoldeter Kleiderständer mit Organen statt Haken; eine Cyberspace-Brille, mit der man dank Joystick virtuell an einem verpixelten, ebenfalls mit Organen gespickten Traumstrand lustwandeln kann. Ein bisschen Dalí ist das und ein bisschen Super Mario – und eine überaus zeitgeistige Verschmelzung von Innerlich- und Äusserlichkeit sowie von Cyberästhetik und dem L’art pour l’art.

Zu Recht wurde Mousset ausgezeichnet. Auch wenn ihr dritter Streich – eine an Menschenhaut erinnernde, meterlange Latexbahn, aufgerollt wie ein Stoffballen – arg an Pamela Rosenkranz erinnert. Deren mit fleischfarbener Wabbelmasse gefüllter Pool für die Venedig-Biennale wird gerade allerorts abgefeiert. Mit Inkarnat kann man derzeit nichts falsch machen, wird sich die Jury gesagt haben, und schlug zu.

Treffend ist Moussets Arrangement allemal, zumal in einer Zeit, da niemand mehr weiss, was von der Kunst zu erwarten sei. Ist sie Freund oder Feind? Dekoration oder Pranger? Oder einfach Investmentobjekt? Zeit für die Kunst, Position zu ergreifen. In der Mitte der Basler Messehalle 4, wo die Ausstellung zu den Swiss Art Awards traditionell stattfindet, steht ein niedriges, schwarz gebeiztes Bänkchen von Paul Humbert, der als einer der wenigen Architekten ins Rennen ging. Hier werden alle öffentlichen Führungen ihren Anfang nehmen. «PLEASE TAKE A SEAT» steht daneben. Wehe dem, der dies mit regenfeuchter Kleidung tut: Er wird mit schwarzem Hosen­boden nach Hause gehen.

Ausstellung bis 21. Juni, jeweils 10–19 Uhr. Messe Basel, Halle 4. Eintritt frei. 18. Juni, ab 15 Uhr: Performances und Lesungen; Führungen täglich 11 und 16 Uhr. www.swissartawards.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 19:17 Uhr

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