Eine Band aus Solisten

Das Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich ist neu eröffnet: Seine erste Schau gilt der grandiosen, emotional hoch aufgeladenen Musik- und Videoinstallation des Isländers Ragnar Kjartansson.

Erträgliches Pathos: Szene aus Ragnar Kjartanssons Videoinstallation «The Visitors» (2012).

Erträgliches Pathos: Szene aus Ragnar Kjartanssons Videoinstallation «The Visitors» (2012). Bild: Migros-Museum

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Es hat länger gedauert als geplant: Wegen baulicher Schwierigkeiten konnte das Migros-Museum erst gestern statt bereits Anfang September eröffnet werden (TA vom 25. 8.). Nun aber sind die neuen, hellen Ausstellungsräume bereit. Gleich nach dem Eingang zum Löwenbräu-Kunstkomplex führt der Zugang im Erdgeschoss in zwei Räume, wo fortan vor allem Sammlungspräsentationen stattfinden sollen. Zur Eröffnung ist es eine Ausstellung, die sich auf die Problematik aktueller Skulptur und deren Positionierung im öffentlichen Raum konzentriert.

Ausserdem steht neu ein Veranstaltungssaal zur Verfügung und im oberen Stock ein grosser Saal für Wechselausstellungen, von denen es vier bis fünf pro Jahr geben soll. Insgesamt verfügt das Museum im Löwenbräu-Areal nun über eine Ausstellungsfläche von 1300 Quadratmetern. So verspricht der Neuanfang räumlich-architektonisch, aber auch inhaltlich-visuell und intellektuell viel.

Die Hausband spielt

Dazu trägt in erster Linie die monumentale Musik- und Videoinstallation des 36-jährigen Künstlers Ragnar Kjartansson bei. Sie ist überwältigend. Denn insgesamt neun Bild- und Tonkanäle umgeben die Besucher in dem Raum. Starke Bilder sind es, die von der klassischen Einheit von Ort und Zeit zusammengehalten werden. Es sind Bilder von musizierenden, singenden Menschen, die alle dasselbe Musikstück spielen, die Vertonung des Gedichtes «Feminine Ways» von Ásdís Sif Gunnarsdóttir, der Partnerin des Künstlers.

Das wäre nun nicht unbedingt spektakulär. Aber spektakulär und emotional aufgeladen ist «The Visitors» unbedingt, bedingungslos. Er wolle, sagt Kjartansson, mit seinen Musik-Performances und -Installationen verführen, ein «Casanova der Musik» sein – und die Freundschaft und die Familie pflegen. Viel Pathos also, aber erträgliches. Die Szenerie: Der Künstler und ihm eng befreundete Musiker sind in einem idyllischen, zweihundertjährigen Landgut am Hudson River in Upstate New York zu Besuch. Das Haus an sich, seine Räume und alle Objekte erzählen eine Geschichte, sind Geschichte.

In diesem Ambiente nun versammelten sich die Musikerinnen und Musiker an einem frühen Abend, um jenes «Feminine Ways» zu intonieren – und zwar alle jeweils für sich in einem eigenen Raum, in der Bibliothek, in einem Schlafzimmer, in der Küche, im Salon. Nur über Kopfhörer sind sie miteinander verbunden. Gemeinsam und doch individuell spielen und singen sie, ein Crescendo, Decrescendo, beinahe Stille, ein neuer Ton.

Versunken im Mantra

Es entsteht eine fast wohlige Spannung, die auch von den Musizierenden ausgeht. Diese sind sehr präsent – und doch in sich versunken, versunken in Melodie und Worte, durch die sie mit allen anderen verbunden sind. Wieder ein Crescendo. Dann ein Kanonenschuss. Wieder beginnt die Melodie. Und es ertönen in ständiger Wiederholung, erklingen aus voller Kehle, dann wieder leise, folgen sich während Dutzenden von Minuten wie ein Mantra die Worte des Gedichts: «Once again I fall into my feminine ways / A pink rose, in the glittery frost / Once again I fall into my feminine ways.»

Der Besucher wird von dieser grossen Installation eingelullt, geht im Raum umher, ist mal näher bei der Cellistin, dann wieder beim Künstler, der in der Badewanne sitzt und Gitarre spielt, dann beim fast in Meditation versunkenen Schlagzeuger. «The Visitors» ist bezirzend, wühlt auf. Und zwar, weil man Teil eines komplexen Experiments wird, das der Freundeszirkel von Kjartansson voller Hingabe – das ist das richtige Wort – realisiert.

Der isländische Künstler, bereits seit Jahren international präsent, hat mit solchen Musikinszenierungen vermutlich ein neues Genre geschaffen, das von der Folkmusik ebenso geprägt ist wie von der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts, von den Experimenten eines John Cage oder Karlheinz Stockhausen.

Kunst aus vollem Herz

Heike Munder, die Direktorin des Migros-Museums, nennt im Katalog dieses neue Genre die «nostalgisch-romantische Raummusik». Und Kjartansson, ursprünglich Musiker in verschiedenen Bands, erklärt in einem Interview: «Als Musiker hatte ich immer das Gefühl, dass ich nur so tue, als sänge ich ein Lied. Das war nie, als käme es direkt aus dem Herzen. Irgendwie funktioniert meine Ehrlichkeit im Kunstbetrieb besser.»

Auch das mag etwas pathetisch sein, aber herzhaft ist es und ein klein wenig herzergreifend. Wie «The Visitors».


bis 27. 1. www.migrosmuseum.ch.

Erstellt: 18.11.2012, 19:55 Uhr

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