Eine Nase von Meisterhand

Kunst, nicht Ritual: Das Museum Rietberg zeigt in seiner neuen Ausstellung eine beeindruckende Kollektion von Artefakten aus der Côte d’Ivoire.

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Wer das Privileg und das Glück hat, von den Kuratoren Eberhard Fischer und Lorenz Homberger durch die von ihnen während Jahren entwickelte Ausstellung «Afrikanische Meister» geführt zu werden, hat auch Vergnügen.

Zuerst einmal an all den hochkarätigen Exponaten, die aus den besten Sammlungen der Welt stammen. Das Vergnügen resultiert jedoch vor allem aus dem Staunen über Dinge, die man noch nicht gekannt, gewusst, gesehen hat.

Oder darüber, wie die Wahrnehmung durch Vorurteile vernebelt ist und deswegen nie scharf genug sein kann. Es ist ein Lehrstück, das über die Kunst Afrikas hinaus Gültigkeit hat: eine aufklärerische Lektion, wenn auch eine durch und durch anschauliche. Darin gleicht sie der vor zwei Jahren im Museum Rietberg gezeigten Ausstellung «Helden. Ein neuer Blick auf die Kunst Afrikas», wobei der Fokus hier ein ganz anderer ist.

Die beiden Afrika-Spezialisten führen die Besucher in die Kultur, die Kunst und das Leben der westafrikanischen Côte d’Ivoire ein, in insgesamt sechs Regionen, die jedoch mit den Grenzziehungen aus der Kolonialzeit nicht übereinstimmen und so bis nach Liberia, Mali und Burkina Faso reichen. Ein weites Feld also, nicht nur geografisch, sondern auch kulturell.

Und zudem, weil hier überzeugend eine klare These ausgebreitet und untermauert wird: dass afrikanische Kunst nicht «Stammeskunst» und also gewissermassen anonym sei, sondern von identifizierbaren Meistern geschaffen wurde; dass es genau beschreib- und bestimmbare Stilmerkmale gibt, wie es ja auch bei frühneuzeitlichen europäischen Künstlern identifizierbare Nuancen gibt, selbst wenn man den Namen des Künstlers nicht mehr kennt.

Ein individueller Stil

Fischer und Homberger verstehen es, bis in jedes Detail Differenzierungen vorzunehmen. Vor einer Vitrine mit Masken aus der zentralen Region der Guro zeigen sie auf eine bestimmte Nasenform, auf einen schmalen, eleganten Nasenrücken, auf eine bestimmte Form des Mundes. Und siehe da: Der genaue Blick ergibt geradezu markante Unterschiede zwischen verschiedenen Masken, die auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden sind. Eine Gruppe stammt beispielsweise von einem «Meister aus Buafle» und ist zwischen 1880 und 1930 zu datieren; eine andere Gruppe stammt von einem «Meister von Gonate», dessen Werke nachweisbar erstmals in den 30er-Jahren in Paris auf dem Markt aufgetaucht sind.

Von einigen Meistern sind die Namen bekannt. Es gibt Dokumente, die vielfach auf Hans Himmelheber, den deutschen Kunstethnologie-Pionier und Stiefvater von Eberhard Fischer zurückgehen. Eines dieser Dokumente zeigt das Selbstbewusstsein des vor 1955 wirkenden Dan-Meisters Sra. Dieser sagte einmal: «Ich heisse Sra. Sra bedeutet ‹Gott›. Diesen Namen haben mir die Menschen gegeben, weil ich wie Gott mit meinen Händen so schöne Dinge zu schaffen vermag.» Und weiter: «Wenn du irgendwo im Land eine besonders schöne Schnitzerei siehst und ein anderer Schnitzer behauptet, er habe das gemacht, so ist das eine Lüge. Alle die schönen Stücke sind von mir gefertigt.»

«Schöne Stücke»: Das ist ein weiteres Stichwort. Denn, so erfährt man, nicht jedes «Stück» oder eben Kunstwerk dient rituellen Zwecken, wie das der Begriff «Stammeskunst» unterstellt. Manche sind ganz einfach Zierde wie etwa die Webrollenhalter. Andere sind Symbole für Wohlstand oder Einfluss. Solche Statuetten wurden aufgestellt und teilweise gegen Eintrittsgeld Aussenstehenden gezeigt. Dann wiederum gibt es Masken, die Vergnügungstänzen dienten, zum Lachen und Spotten animieren sollten. Das zeigen Filmdokumente.

«Schöne Stücke» meint zudem die technischen Nuancen und die handwerkliche Virtuosität der Meister, die durchaus auch reale Menschen als Modelle nahmen und so Porträts schufen. Und dann, selbstverständlich, die rituellen Funktionen, die Waldgeistermasken, die Kriegs- oder Stärkemasken, die Statuetten, die Wahrsagern oder Wahrsagerinnen bei der Verbindung mit Ahnen oder Geistern helfen. Und die dann auch sagen können, welchen transzendenten Partner man hat, den man sich dann durch einen Meister nach Anweisung der magischen Worte schnitzen lassen kann.

Rituale, zum Teil atemraubende Akrobatiknummern, sind ebenfalls in Filmen dokumentiert. So ergibt sich ein Bild, wie die Masken zusammen mit Kostümen, mit Musik, Gesängen und bestimmten Tanzschritten ein Gesamtkunstwerk ergeben.Die Thematik wäre nicht abgerundet, wenn die Frage nach der Herkunft der Artefakte nicht gestellt würde. In einem ausführlichen Aufsatz im Katalog zeigt Eberhard Fischer den Weg auf, den ein Kunstwerk nimmt, bis es in ein europäisches Museum kommt. Dazu gehört die Entritualisierung, nämlich dann, wenn sich ein Ritual überlebt hat oder wenn es durch neue religiöse Strömungen abgelöst wird.

Die Tricks der Fälscher

Dazu gehört aber auch die Tatsache, dass viele Artefakte schon vor Jahrzehnten für den Handel geschaffen wurden – was keine Qualitätseinbusse bedeuten muss. Diebstahl und unlauterer Handel sind weitere Aspekte, sodass es vielfach kaum möglich ist, nach Jahrzehnten die Provenienz und die Identität eines Meisters zu dokumentieren; erst eine wissenschaftliche Stilanalyse kann Klarheit schaffen. Schliesslich gehören zu diesem Komplex auch die Fälschungen, die vor allem seit den 70er-Jahren den Markt überschwemmen. Fischer schildert die dabei angewendeten Tricks.

«Afrikanische Meister» wird derart noch zu einer weiteren Lektion, zu einer über Kunstethnologie. Sichtbar wird, dass dies keine trockene Wissenschaft ist, sondern eine, die auf jahrzehntelanger Beobachtung, Erfahrung und Analyse beruht. So unternahm Fischer, von 1972 bis 1998 Direktor des Museum Rietberg, seine erste Feldforschungsreise in das Gebiet der Elfenbeinküste zusammen mit Hans Himmelherber bereits 1960; viele weitere folgten, zum Teil mit Lorenz Homberger. Das alles ist getragen von Respekt. Und eben dafür steht auch die zentrale These von den individuellen Meistern; eine These, welche die Werke aus der kolonialistischen Dämmerung hervorholt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.02.2014, 08:27 Uhr

Die Ausstellung

Museum Rietberg, bis 1. Juni.
www.rietberg.ch

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