Interview

«Erdogan ist ein Lügner und Heuchler»

Der 29-jährige türkische Galerist Tankut Aykut war erstmals an der Art Basel. Nun kehrt er auf den Taksim-Platz zurück. Er und seine Freunde wollen den Kampf weiterführen.

Schockiert über die Bilder aus der Heimat: Tankut Aykut, Galerist aus Istanbul.

Schockiert über die Bilder aus der Heimat: Tankut Aykut, Galerist aus Istanbul. Bild: Basile Bornand (13 Photo)

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Was sagen Sie zu den Ereignissen in Istanbul?
Ich bin sehr besorgt. Die Bilder, die uns in den letzten Tagen erreichten, haben mich schockiert. Anderseits muss es wohl so kommen, wenn ein Grössenwahnsinniger an der Macht ist, der nicht aufhört, seine fundamentalistischen, rückständigen Ideen zu verbreiten.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie den Alkoholkonsum. Wann immer Erdogan darüber spricht, redet er sich in Rage. Neulich stellte er die lächerliche Behauptung auf, das Joghurtgetränk Ayran sei das türkische Nationalgetränk. Er war von Anfang an alles andere als aufgeschlossen. Im Laufe der Zeit hat sich das verschärft.

Aussenstehenden erschien er anfangs nicht so fundamentalistisch. Er ging die Kurdenfrage an und half der Wirtschaft auf die Beine.
Der Grund, warum Erdogan aufgeschlossen rüberkam, war, dass die Regierungen, die wir zuvor während Jahrzehnten hatten, vergleichsweise undemokratisch waren. Erdogan setzte auf Demokratisierung. Nur deshalb konnte ein Mann, der islamistische Wiederbelebungsideen hatte, moderat erscheinen. In Tat und Wahrheit war die Demokratisierung der Türkei für Erdogan nur Mittel zum Zweck. Er will das Land führen, und um sein Ziel zu erreichen, war und ist er zu allem bereit.

Manche Kritiker haben Erdogan mit Putin verglichen.
Zu Recht. Beide sehen sich als Vater einer Nation – als strengen Vater, wohlverstanden – und deshalb befähigt, mit dem Volk umzuspringen, wie es ihnen beliebt. Erdogan wird nichts unversucht lassen, um an der Macht zu bleiben. Und das kann er auch: Was immer er in den letzten zwölf Jahren getan hat, er tat es, um Macht zu erlangen. Er bog sich die Gesetze so zurecht, dass sie ihm nützlich sind. Nun gleicht er einem Imperator: Was immer er sagt, das geschieht.

Aus diesem Grund entzog er etwa dem Militär seine Macht?
Genau. Das war eigentlich eine gute Sache. Aber eben auch gut für Erdogan: So konnte er seine eigene Armee aufbauen, die Polizei. Sie ist Erdogan hörig, und sie ist rücksichtslos. Es würde mich nicht wundern, wenn der Konflikt noch viele Menschenleben kostete.

Die Ereignisse der letzten Tage sind also keine Überraschung für Sie.
Kein bisschen. Schon am 1. Mai demonstrierten die Leute auf dem Taksim-Platz. Und auch dort instruierte Erdogan die Polizei, rigide durchzugreifen. Seither lag eine grosse Spannung in der Luft. Die Leute schienen nur darauf zu warten, dass irgendwas passiert, das dem Status quo ein Ende setzen würde. Schlimmer kann es nicht werden: Unser Premier ist ein Lügner und Heuchler, und die Leute haben genug von seiner Art zu politisieren. Sie haben genug von den dubiosen Gestalten in der Wirtschaft, dem ewigen Auf und Ab unseres Landes – davon, dass die Minister heute etwas sagen und morgen das Gegenteil. Sie werden weiter protestieren, solange es nötig ist.

Ist Istanbul wirklich repräsentativ für die Stimmung im ganzen Land?
Mehr, als Sie denken. Es wäre ein Trugschluss, zu glauben, die ländliche Bevölkerung sei für Erdogan und die Städter seien gegen ihn. In Istanbul vermischen sich liberale und konservative Stimmen ebenso stark wie im Rest der Türkei.

Wer unterstützt Erdogan?
Seine Wähler finden sich vor allem an den Rändern der Grossstädte. Das sind ehemalige Landbewohner, die vor 50, 60 Jahren in die Metropolen zogen, weil sie hofften, vom versprochenen Wirtschaftsaufschwung zu profitieren. Mittlerweile ist die dritte Generation dieser Leute geboren, und ihre Erwartungen wurden noch immer nicht erfüllt. Diese Leute setzen auf Erdogan.

Inwiefern ist das, was nun in der Türkei geschieht, mit dem arabischen Frühling zu vergleichen?
Bis zu einem gewissen Grad gibt es Übereinstimmungen. Junge Leute, die genug haben von der Dummheit der älteren Generation, gehen auf die Barrikaden. Allerdings gibt es keine Gruppe, die mit den Muslimbrüdern in Ägypten gleichzusetzen wäre. Ausserdem: Die Demonstranten in Istanbul sind extrem friedfertig. Man ist gut organisiert, hat Sanitätsstationen eingerichtet, geht sehr höflich miteinander um.

Typisch für die Türkei?
Eher etwas, was für Menschen mit guten Absichten typisch ist. Für solche, die die Gewissheit haben, dass das, was sie tun, am Ende Besserung bedeutet. Alles, was sie tun müssen, ist, geduldig zu bleiben und sich nicht von der Brutalität der Polizei abschrecken zu lassen.

Auch Sie waren vor der Art Basel im Gezi-Park präsent. Werden Sie nach Ihrer Heimkehr wieder zu den Demonstrierenden stossen?
Natürlich! Die meisten meiner Freunde sind ebenfalls dort. Man geht zur Arbeit, und nach Feierabend stösst man zu den Demonstranten. Dort bleibt man bis drei, gar vier Uhr früh, schläft ein paar Stunden und geht dann wieder zur Arbeit. Die Energie dafür schöpft man aus der Gewissheit, auf friedvolle Weise etwas Sinnvolles zu tun.

Erdogan betitelte die Demonstranten als Terroristen.
Erdogans Berater lassen die Wahrheit gar nicht zu ihm durchdringen. Über die Demonstranten auf dem Taksim-Platz wird man ihm gesagt haben, das sei ein Grüppchen dummer Jugendlicher, die Lust an der Provokation haben. Dass es sich dabei um eine ganze Generation handelt, dringt nicht zu Erdogan durch. Seine Wahrnehmung vom Zustand des Landes und die Realität sind immer stärker auseinandergedriftet. Ausserdem ist Erdogan überzeugt, dass die ganze muslimische Welt hinter ihm steht – und er selbst ihr Anführer ist.

Auch die Social Media scheinen Erdogan ein Dorn im Auge zu sein. Drohen der Türkei chinesische Zustände?
Vieles ist heute schon verboten! Von 2007 bis 2009 war Youtube in der Türkei nicht zugelassen. Antireligiöse Seiten sind sowieso unzugänglich.

Inwiefern spürt man den politischen Widerstand des Volkes in der Kunst?
Vieles wird in der Ära Erdogan zum Politikum: Trinkst du Alkohol oder nicht? Trägst du Kopftuch oder nicht? Zeitgenössische Kunst steht ebenfalls am Pranger. Vor nicht allzu langer Zeit wurde eine Reihe von Ausstellungseröffnungen in Istanbuler Galerien von radikalen Islamisten gewaltsam gestört, nachdem Erdogan sagte, er halte «diese Art von Kunst» für sinnlos. Daher ist allein die Tatsache, dass die ausgestellten Künstler ihre Arbeit weiterverfolgen, ein Statement gegen die Regierung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2013, 06:51 Uhr

Tankut Aykut

Tankut Aykut (29) ist Direktor der Dirimart-Galerie für zeitgenössische Kunst in Istanbul, die dieses Jahr erstmals an der Art Basel teilnahm. Aykut ist in Istanbul geboren und aufgewachsen. Er hat in der Türkei und in Deutschland Kulturwissenschaften studiert.

«Hot Spot Istanbul» im Museum Haus Konstruktiv in Zürich

Zeitgenössische Kunst von 21 Kreativen
«Diren Gezi! / Gezi resist!» hat der Künstler Can Altay an den schlichten Holzverschlag gesprayt, an seinen Beitrag an die aktuelle Gruppenausstellung im Haus Konstruktiv. Eine klares politisches Statement in dieser sonst überraschend unpolitischen Schau – die gleichzeitig Dorothea Strauss’ Abschiedsgruss an das Zürcher Publikum ist, bevor sie das Direktorium des Museums an Sabine Schaschl abgibt.

Nein, brisante Botschaften sucht man in «Hot Spot Istanbul» tatsächlich vergebens. Der Titel bezieht sich freilich auch nicht auf die aktuellen Ereignisse in der Supermetropole – die Schau wurde geplant, als auf dem Taksim-Platz noch geschäftiger Alltag herrschte –, sondern auf deren Qualitäten als Quell für zeitgenössische Kunst. 80 Werke von 21 Kreativen verteilen sich nun über vier Stockwerke, und natürlich sind es solche, die – der Tradition des Museums entsprechend – konkrete oder konzeptuelle Ansätze verfolgen.

Angefangen bei Altays Konstruktion, die fast die gesamte Eingangshalle einnimmt und mehr Kulisse für die Exponate seiner Mitstreiter ist denn eigentliches Werk: Ein gutes Dutzend Arbeiten wurde an dem Objekt montiert (und teils solchen der Zürcher Konkreten gegenübergestellt), das man nach Herzenslust erklimmen und begehen kann. Dabei taucht man ein in die fremde und doch seltsam vertraute Welt der türkischen Abstraktion. Es ist ein «Spaziergang für die Seele», schrieb ein Vernissagebesucher ins Gästebuch.

In der Tat: Traum-, ja fast rauschhaft sind die mannshohen Werke der in Istanbul geborenen Wahlbaslerin Renée Levi, deren Palette die Pupille auf einen regelrechten Trip schickt; hypnotisch die grellen Leinwand-Kreise von Ekrem Yalçındag. Ebenso klug wie witzig die interaktive Installation der 28-jährigen Erdem Tasdelen: Wer in den Lichtkegel des an der Decke montierten Scheinwerfers tritt und draufloszappelt, wird musikalisch entlöhnt – mit einem aus verschiedensten Popsongs zusammengeschnittenen Medley, bestehend einzig aus dem Wort «You». Ein herrlich bissiges Porträt der Generation Casting.

Allerdings: Nicht alles in dieser Schau ist derart leicht zugänglich, und bisweilen wünschte man sich dringend einen (Audio-)Guide. Ein Projekt für die neue Direktorin? (psz)

Bis 22.9. Führungen: Mi 18.30/ So 11.15 h

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