«Es gibt zu viele schlechte Bilder»

Eine Zürcher Ausstellung ehrt Maurice Haas. Im Interview spricht der Magazin-Fotograf über sein Erfolgsrezept, den «super Grind» von Sean Penn und den Starmusiker, den er noch ablichten möchte.

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Herr Haas, Sie sind ein renommierter Fotograf, arbeiten für internationale Magazine und lichten immer wieder auch Hollywoodstars ab. Warum ehrt man Sie erst jetzt mit einer Einzelausstellung?
(lacht) Vermutlich, weil ich jedes Mal ein gequältes Gesicht machte, wenn jemand Interesse bekundete. Auch jetzt brauchte es einiges an Überzeugungsarbeit, aber das ist kein Kokettieren, wirklich nicht. Ich bin halt von Natur aus einfach eher ein Zweifler.

Der Titel Ihrer Ausstellung «En passant», also im Vorbeigehen, klingt, als wäre Fotografieren etwas furchtbar Einfaches, das Ihnen so ganz nebenbei gelingt.
Schön wärs. Kreatives Arbeiten kann wahnsinnig anstrengend sein. Und nach einem intensiven Shooting bin ich ähnlich erledigt, wie wenn ich in der Freizeit mit dem Rennrad zwei Alpenpässe überquert habe. Der Titel bezieht sich vielmehr darauf, dass meine Begegnungen oft eher kurz und flüchtig sind.

Ihre Bilder vermitteln aber genau das Gegenteil von Schnelligkeit und Hast. Sie strahlen Ruhe und Ernsthaftigkeit aus. Das Porträt von Sean Penn beispielsweise...
...ist in weniger als einer Minute entstanden. Ich hatte vielleicht 25-mal abgedrückt, da tippte mir der Bodyguard bereits auf die Schulter.

Und trotzdem ist die Aufnahme sehr ausdrucksstark und intensiv. Wie können unter solchen Bedingungen überhaupt Porträts mit emotionalem Gehalt entstehen?
Nun gut, meistens habe ich schon etwas mehr Zeit. Aber Herr Penn ist ein mehrfach Oscar-gekrönter Schauspieler, der meine bescheidenen Regieanweisungen sofort perfekt umsetzen konnte. Hinzu kommt, dass er einfach einen super Grind hat, da kann man nicht viel falsch machen.

Schon wieder dieses Understatement. Ist denn Fotografieren keine Kunst?
Man sollte sich nicht zu wichtig nehmen. Auf alle Fälle gehe ich ganz sicher nicht mit der Absicht an die Arbeit, Kunst zu machen. Andererseits wehre ich mich auch gegen die leider verbreitete Annahme, dass ein Fotograf lediglich auf den Auslöser drücken müsse.

Vermissen Sie die Wertschätzung?
Persönlich nicht unbedingt. Aber dem Berufsstand gegenüber gelegentlich schon. Fötele, wie man in der Schweiz verniedlichend sagt, kann jeder, dazu braucht es heutzutage lustigerweise ja sogar nur ein Telefon. Und was vermeintlich jeder kann, verliert natürlich auch an Wichtigkeit und Wert.

Früher bedrohte die Fotografie die Malerei, bedroht sie sich heute selber?
Es gibt zu viele Bilder und zu viele schlechte Bilder. Bilder sind Massenware geworden. Aber es wird immer auch gute Fotografie geben. Vielleicht findet man sie nicht mehr ganz so leicht in der alltäglichen Bilderflut.

Lassen sich denn gute Bilder planen, oder entsteht bei Ihnen alles im Moment?
Ich verstehe meinen Beruf als technischen und als abwartenden – auf den Moment, in dem alles zusammenpasst. Natürlich braucht es eine gewisse Vorbereitung. Wer aber zu viel plant und stur eine Idee verfolgt, der kann auch das Wesentliche verpassen. Vielleicht liegt der Schlüssel darin loszulassen und nicht zu sehr zu wollen, sondern eben zu erkennen und festzuhalten, was der Moment oder die Person preisgibt.

Um festzuhalten, lassen Sie los?
(lacht) Das klingt jetzt furchtbar esoterisch, aber ja, so ist es, glaube ich. Aber natürlich muss das auch das Gegenüber können.

Täglich entstehen auf der Welt Millionen von Fotos. Ist nicht jedes Bild schon gemacht? Oder anders gefragt: Gibt es eines, das Sie trotzdem gerne noch machen würden?
Mein Ziel ist nicht unbedingt etwas Einmaliges, nie Dagewesenes zu schaffen. Sehr wahrscheinlich wurde auch schon fast jede Tonfolge einmal gespielt – trotzdem entstehen immer wieder wunderbare Songs. Sehr gerne ablichten würde ich Thom Yorke von Radiohead – ein interessanter Kopf.

Mit welchem Gefühl sollen die Besucher Ihre Ausstellung verlassen?
Ich suche nie das Laute und Unverbindliche. Wenn man das meinen Fotografien ansieht und wenn beim Betrachter etwas hängen bleibt, dann bin ich zufrieden.

Erstellt: 18.09.2013, 15:26 Uhr

Die Bildhalle in der ehemaligen Akryla-Fabrik in Kilchberg zeigt Werke von Fotografen, die sich im Spannungsfeld zwischen persönlichem Werk und Auftragsarbeiten bewegen. Die Ausstellung «En passant» dauert vom 19. September bis zum 7. November 2013.

Maurice Haas (38) stammt aus Chur und lebt und arbeitet in Zürich. www.mauricehaas.ch

(Bild: jessica wolfelsperger)

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