Farbenfrohe Giftigkeit

Der in Tokyo lebende Schweizer Fotograf Andreas Seibert hat den 1000 Kilometer langen chinesischen Fluss Huai bereist. Seine aufrüttelnde Reportage ist derzeit in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Ausstellung beginnt mit zwei idyllischen Landschaftsaufnahmen, die das Quellgebiet des Huai He zeigen. Nichts stört die Natur, das Wasser ist klar, die Ufer sauber. Doch dieses Bild verändert sich bereits etwas weiter flussabwärts. Die Landschaft, die Seibert hier fotografiert hat, ist ein ökologischer Alptraum.

«Alles im Fluss» ist mehr als nur ein zweideutiger Titel für diese Ausstellung, für die Andreas Seibert den Huai-Fluss von der Quelle bis zur Mündung bereist hat. Er hat eine Bestandesaufnahme vorgenommen, in der auch die Landbevölkerung zu Worte kommt.

Die industrielle Entwicklung hat es mit sich gebracht, dass vom Fluss streckenweise nicht viel mehr geblieben ist als eine tote Kloake, aus der die Menschen dennoch holen, was sie holen können. Entsprechend hoch ist die Krankheitsrate.

Unprätentiöse Bildsprache

Seiberts Bildsprache ist unprätentiös und oftmals sehr lakonisch. Es liegt ihm fern, schreiend auf sein Thema aufmerksam zu machen. In seine Bilderwelt taucht man sachte ein. Erst nach und nach entwickelt sich ein umfassendes Bild, das aus vielen Mosaiksteinen besteht.

Diese Puzzleteile zeigen mitunter stark verseuchte Flussabschnitte - auf den ersten Blick ist es eine schöne Landschaftsaufnahme. So farbenfroh sich die Wasseroberfläche präsentiert, sie ist hochkontaminiert und bringt Krankheit und Tod in die Dörfer.

Verzweifelte Menschen

Der Fotograf lässt auch Menschen zu Wort kommen und zeigt viele der Bewohner dieser Flussabschnitte in ihrer Umgebung, von der es für sie kein Entkommen gibt. Die Menschen sind verzweifelt, angesichts dieser ausweglosen Situation. Und gleichwohl versuchen sie, ihre Würde zu behalten. Aus Angst vor Repressalien haben sich nicht alle Menschen fotografieren lassen. Der Fotograf gibt kurze Hinweise, wo dies geschehen ist und in Gedanken entstehen imaginäre Bilder von grosser Aussagekraft.

Andreas Seibert richtet seinen Blick aber auch auf die Verursacher dieser Umweltverschmutzung und zeigt die Fabriken, die ihre giftigen Abwässer ungeklärt in den Fluss und seine Nebenarme führen. Sein Blick gilt auch stillgelegten Fabriken, die nach und nach verfallen. «Huai He - alles im Fluss» ist ein ungekünsteltes Werk, für das es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen. Kurze Kommentare des Fotografen rücken die Aufnahmen in den gewünschten Kontext und erzeugen so ihre tiefgreifende Wirkung.

(dj/sda/Renato Bagattini, sfd Kritik)

Erstellt: 26.10.2012, 14:44 Uhr

Infobox

Andreas Seibert: Huai He – Alles im Fluss. Zu sehen vom 27. Oktober 2012 bis 3. März 2013 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. www.fotostiftung.ch

Artikel zum Thema

Der Mensch im Tier

In kunstvollen Kompositionen stellt der preisgekrönte Fotograf Tim Flach eine emotionale Nähe zwischen Mensch und Tier her, die den Betrachter überrascht und berührt. Mehr...

Barrikaden, Taglöhner, Klingeltöne

Interview Afghanistan wird seit Jahren aus dem Ausland massiv unterstützt. Trotzdem bleibt die Lebensqualität eine der tiefsten dieser Welt. Der Fotograf Roberto Schmidt hat das triste Leben in Bildern festgehalten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

Sweet Home Oster-Tischlein deck dich

Geldblog Lausige Beratung? Wechseln Sie die Bank!

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...