Fleisch, das wuchert und vergeht

Das Kunsthaus Zürich wagt ein Experiment und kombiniert den grossen Egon Schiele mit der zeitgenössischen Malerei von Jenny Saville. Das funktioniert, ganz hervorragend sogar.

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Es gibt Geschenke, die haben es in sich. Man denke an das Trojanische Pferd. Oder an das kleine, gelbe Päckchen mit roter Riesenschleife, das sich die Schlümpfe in jeder Folge gegenseitig überreichen. Der Beschenkte zieht an der Schur und – wumm! Das Ding fliegt ihm um die Ohren.

Nun mag man argumentieren, dass die Schlümpfe weder mit der griechischen Mythologie kombiniert gehören noch in den Kulturteil einer Zeitung. Allerdings dürfte so mancher Besucher die neue Doppelschau im Kunsthaus Zürich als genauso deplatziert empfinden: Da wird doch tatsächlich der grosse Egon Schiele mit Gegenwartskunst gepaart. Der Mann, der dafür verantwortlich zeichnet, ist Oliver Wick: Der Neu- und auch bald Ex-Kurator, den man erst freudig von der Fondation Beyeler an den Heimplatz holte und den man nur Monate später, als er über einen falschen Rothko gestolpert war, ebenso freudig wieder ziehen liess. Das ist ein Jammer. Denn was Wick mit seiner Schiele-Saville-Schau eingefädelt hat, gehört zum Frischesten, was das Haus in den letzten Jahren gezeigt hat.

Wie frisch geronnenes Blut

Aber schön der Reihe nach und also zurück zum Trojanischen Pferd. Als man vor rund einem Jahr verkündete, das Kunsthaus werde 2014 Schiele zeigen, war der Jubel gross; manch einer frohlockte ob der Aussicht auf eine klassische Schau im Stile eines Best of Wien um 1900. Nun: Wer derartiges sucht, begebe sich bitte direkt in den Museumsshop, wo Schiele traditions­gemäss neben dem ewigen Klimt aufliegt. Alle anderen schnallen sich bitte an – und lassen sich in den Bührle-Saal treiben. Wo, gewissermassen als geflüsterter Auftakt, ein kaum A4-grosser Schiele hängt. Und darauf, wie Christus ab dem Kreuze, ein der Länge nach ausgestreckter Nackter; dürr, wie sich das fürs Bildpersonal des Österreichers gehört, und hinterm Rücken die Hand zur Kralle verkrampft. Dann tritt man um die Ecke – und das Geschenk explodiert.

Sicher drei Meter hoch ist der erste Saville dieser Schau, ungerahmt und auch sonst furchtbar roh. Pinselstriche wie Peitschenhiebe, dunkelrote Farbspritzer wie frisch geronnenes Blut – und das alles auf einem zarten Mädchengesicht. Wobei man damit noch geschont wird. Was in den folgenden Kojen hängt, ist schwerere Kost. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Es ist, als vervielfache Jenny Saville das Fleisch ihrer Aktmodelle beim Malen. Bäuche, Busen, Schenkel; wulstig wuchert das rosa Gewebe vom einen Bildrand zum andern. Dass das nicht schön sein will, liegt auf der Hand.

Faszinierend ist es aber allemal, weil in jeglicher Hinsicht extrem. Extrem schwer die Modelle, extrem gross die Formate – und extrem das Wechselbad der Gefühle für den, der davor steht. In diesen Bildern pulsiert einerseits das Leben – bisweilen meint man, die Körperwärme der riesigen Leiber zu spüren. Doch andererseits ist ihr Ende derart ­implizit, das einen das Grauen packt.

Wie sollte es anders sein? Die 1970 geborene Jenny Saville ist eine Meisterin ihres Fachs. Sie weiss genau, wo sie den Betrachter abholen muss. Türmt üppige Frauenleiber aufeinander – und bindet sie zusammen, sodass die Schnur tief ins Fleisch schneidet. Man schaut, leidet mit – und stellt sich vor, wie die 1,50 Meter kleine Frau in ihrem Atelier mit diebischer Freude auf ihre Leitern steigt und diese Schinken produziert. Klarer Fall: Sie ist ein Kind der Neunziger. Jener Jahre also, als London über Nacht zum Nabel der Kunstwelt wurde, als Tracy Emin ihr ungemachtes Bett ins Museum stellte, als Damien Hirst seinen Hai ­einlegte und Supersammler Saatchi für ­alles bezahlte.

Auch im Fall von Saville, die ihre Fleischberge gegen Atelier, Material und Publicity tauschte. Warum auch nicht? Die Kunst, die sie macht, ist wie eine Ohrfeige. Fadengerade, eiskalt, aufschreckend. Der Punkt ist nur: Genau das tat Egon Schiele (1890–1918) schon ein knappes Jahrhundert früher. Zeigte Kinder mit gespreizten Beinen, Kardinäle in inniger Umarmung mit Nonnen, blutige Neugeborene, hilflos und hässlich wie aus dem Nest gefallene ­Küken. Dass er es tat, erstaunt nicht. Wenn man die Schwester im Kindesalter verliert und den Vater an die Syphilis; wenn man kometenhaft aufsteigt und vor dem eigenen Erfolg aufs Land flüchtet; wenn man dann dort an den Pranger gestellt wird wegen wilder Ehe und vor den Richter, weil man sich Kinder ins Atelier holte: Dann ist das, zumal für einen 22-Jährigen, schon viel Leben auf einmal. Da kommt man mit Blumenstill­leben nicht sehr weit.

Umgekehrt lauert der Tod überall: in den grünlichen Farbschlieren im fahlen Inkarnat; im grausligen Mumiengesicht der «Mutter mit zwei Kindern». Und natürlich, explizit, in «Der Tod und das Mädchen», wo Ersterer als väterlicher Tröster auftritt.

Die Schuhsohle als Signatur

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass das Wiener Belvedere dieses Prunkstück letztmals ins Ausland hat ziehen lassen. Doch dieser Coup ist nicht das Einzige, wozu man Kurator Wick gratulieren möchte. Die unkonventionelle Paarung – die doch so naheliegend erscheint, hat man sie nur erst gesehen – verzichtet auf ein plumpes Vis-à-vis. Wer Parallelen orten möchte, muss sie suchen. Nach der Präsenz des Künstlers etwa, die sich bei Schiele bisweilen als Fingerabdruck in der Farbe zeigt und als Schuhsohle bei Saville, die ihre Bilder auch schon mal auf dem Boden bearbeitet. Oder nach der Lust am Selbstbildnis, das oft nicht als solches deklariert ist: Schiele inszenierte sich als düstere Hälfte der zwei «Eremiten», Saville malte sich splitternackt, spreizbeinig und hochschwanger, in den Armen gleich ein halbes Dutzend Kinder, alle schemenhaft ineinander verschlungen wie in einem bewegten Comicstrip: ein Sinnbild fürs Werden und Wachsen, für das Schiele, ein paar Räume weiter, das morbide Gegenstück parat hat. Seine Schwangere – kein Gesicht, dafür viel Bauch, Scham, Busen – liegt da wie gekreuzigt. So, als ginge es nach dem Gebären gleich ans Sterben.

Ist es nicht so? Wo es lebt, da zerfällts. Im Anfang ist ein Ende. Nur hätte man sich das Ende der Ära Wick nicht so früh gewünscht. Nun, wenigstens ein Trojanisches Pferd hat er uns geschenkt.

Bis 25. Januar 2015. Im Kunsthaus Zürich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.10.2014, 20:40 Uhr

Egon Schiele und Jenny Saville:
Im Kunsthaus Zürich.

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