London im Kunstwahn

Heute wird in London die Kunstmesse Frieze eröffnet und die britische Hauptstadt in einen einzigen Kunstzirkus verwandelt. Ein Kurator sagt, welche Ausstellungen man auf keinen Fall verpassen sollte.

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Seit 2003 pilgern Galeristen, Sammler, angehende Künstler und Kunstliebhaber jeweils Mitte Oktober nach London. Denn es ist Frieze – eine der spannendsten Messen für zeitgenössische Kunst, die die gesamte Stadt in eine Art Kunsthysterie versetzt. Keine Galerie, die diese Woche nicht zur Vernissage ruft, Museen, die ihr Programm auf «zeitgenössisch» stellen, und auch Auktionshäuser, die wichtige Versteigerungen auf das Wochenende vom 13.–16. Oktober 2011 legen – sie alle wollen von den angereisten Kunstfans profitieren. Wer mit Kunst nichts am Hut hat, sollte London ab heute meiden wie die Pest, denn es gibt kein Entkommen.

Ins Leben gerufen wurde der Kunstevent «Frieze», der jeweils in einem Messezelt im Londoner Regent's Park stattfindet, von den Herausgebern der gleichnamigen Kunstzeitschrift, Amanda Sharp und Matthew Slotover. Das Messezelt wird übrigens jedes Jahr von angesagten Architekten entworfen. Zu den diesjährigen «Frieze»-Highlights gehören mit Sicherheit die Aquarien mit merkwürdigen Meerestieren von Pierre Huyghe, die Arbeiten von Bik Van der Pol, die Luxusjacht von Christian Jankowski, aber auch die Kunstgespräche mit John Bock, Daniel Buren oder Alison Knowles.

Doch locken auch ausserhalb der Messe unzählige Ausstellungen und Events, die einen Besuch allemal wert sind. Weil man bei einem derart grossen Angebot rasch den Überblick verliert, fragte Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Londoner Kunstkurator Sheyi Bankale nach seinen persönlichen Geheimtipps rund um die «Frieze»-Messe 2011. Hier sind sie:

White Cube – Eröffnung in Bermondsey
Eine der wichtigsten Galerien für zeitgenössische Kunst hat – nach den bestehenden Galerieräumen in St. James und Shoreditch – diese Woche einen wirklich spannenden, dritten Ableger in Bermondsey im Süden Londons eröffnet. Im gewaltigen ehemaligen Lagerhaus (auf 5400 Quadratmetern) hat es mehrere Ausstellungsräume, ein Auditorium und einen Buchshop. Dabei soll ein Teil der Ausstellung jeweils Künstlern gewidmet sein, die bisher noch nicht in der renommierten Galerie präsentiert wurden. Das Grand Opening vom Dienstag war das Stadtgespräch und hat viele dazu bewogen, sich «südlich des Flusses» zu bewegen – ein Trend, der sich übrigens immer stärker abzeichnet. Aktuell sind unter anderem Arbeiten von Andreas Gursky, Damien Hirst, Gary Hume, Sergej Jensen, Jacob Kassay, Brice Marden, Agnes Martin, Gabriel Orozco, Eileen Quinlan, Sterling Ruby, Erin Shirreff, Hiroshi Sugimoto und Jeff Wall zu sehen.

The House of the Nobleman
Die Ausstellung «The Return», ein weiterer Teil der «The House of the Nobleman»-Serie, findet dieses Jahr in einer 1400 Quadratmeter grossen Villa mit Sicht auf den Regent's Park und die Frieze-Kunstmesse statt. Zu sehen sind seltene und zum Teil noch nie gezeigte Werke alter Meister sowie von bedeutenden zeitgenössischen Künstlern aus internationalen Kunstsammlungen: Francis Bacon, Salvador Dali, Zaha Hadid, Damien Hirst, Claude Monet, Auguste Rodin, Peter Paul Rubens, Yves Klein, Peter Fischli und David Weiss – um nur einige Namen zu nennen. Die Ausstellung, kuratiert von Victoria Golembiovskaya, erkundet die Idee des Sakralen in der Kunst, im Design und im zeitgenössischen Denken.

«Super Brand» im Hyatt-Hotel Andaz Liverpool Street
Konsum ohne Ende: Das Lifestyle-Hotel Andaz an der Liverpool Street präsentiert «Super Brand». Die Ausstellung untersucht unsere individuellen Beziehungen, die immer stärker von Konsum beeinflusst sind, und hinterfragt die unglaubliche Macht, die Marken über uns haben.

«Irreducible Complexity» bei Next Level Projects
Die Galerie befindet sich in einer Querstrasse zur berühmten Brick Lane im Londoner It-Quartier Shoreditch. Gezeigt wird eine aufregende, neue Installation in einer glitzernden schwarzen Box mit menschhohen Wachsfiguren der Schweizer Künstlerin Andrea Hasler. Die aktuelle Installation ist Teil der «Time Out First Thursday Art Bus Tour». Eine Bus-Tour, die von wichtigen Londoner Kuratoren geführt wird und die Besucher jeweils zu den spannendsten Kunstevents Londons bringt.

Frieze Satellite Fairs
Wer nach London reist, um die Frieze zu besuchen, sollte sich unbedingt auch Zeit für die Satellitenmessen nehmen. Nachdem die Zoo Art Fair, die der «Frieze» in Sachen Kunsttrends den Rang abzulaufen drohte, letztes Jahr sang- und klanglos verschwand, ist es eine Freude, dass sich die Sunday Fair und die Moniker International Art Fair nach ihrem letztjährigen Debüt halten konnten. Beide wollen einen Kontrapunkt zur Muttermesse Frieze setzen und dürften von den vielen angereisten Kunstsammlern profitieren und sich so hoffentlich auch für das nächste Jahr durchsetzen können.

Sunday Fair
Im Gegensatz zur «Frieze» kostet die Sunday Fair keinen Eintritt, was schon mal sehr sympathisch ist. Die Messe findet in The Ambika P3, einem 1300 Quadratmeter grossen, unterirdischen Ausstellungsraum ganz in der Nähe des Regent's Parks, statt. Die Messe folgt dem Konzept des letzten Jahres und hat die Ausstellung nicht in Kabinen oder Stände aufgeteilt. Die ausstellenden Galerien zeigen nur Solo- oder Duo-Shows, erwartet wird ein junges, extravagantes Publikum.

Moniker Art Fair
Die Messe findet im trendy East End im Village Underground statt. Das Gebäude, ein grosses viktorianisches Lagerhaus mit einem zehn Meter grossen Glasdach – das für eine perfekte Beleuchtung sorgt –, ist praktisch noch im Originalzustand belassen und steht in grossem Kontrast zur eindeutig jungen Kunst, die gezeigt wird. Als Highlight gelten die Arbeiten des britischen Künstlers Banksy, der eine Menge seiner Kunst im Herzen von Shoreditch realisierte. Am Donnerstag ist die Moniker Art Fair für geladene Gäste reserviert, doch ab morgen ist sie offen fürs Publikum und kostet wie auch die Sunday Fair keinen Eintritt.

The Museum of Everything – Pop-up-Show in Selfridges, Oxford Street
Das Selfridges-Kaufhaus hat schon einige Kunstkooperation seit seiner Gründung vor über hundert Jahren hinter sich gebracht. Dieses Jahr aber hat das Museum of Everything die grösste Kunst-Intervention in der Geschichte des Kaufhauses geplant. In grossen Schaufenstern entlang der Oxford Street und Orchard Street und auf einer Fläche von über 1300 Quadratmetern werden mehr als 400 Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen von internationalen zeitgenössischen Künstlern ausgestellt. Die Kunstaktion wird schon jetzt als grösster Überblick von progressiven Künstlerstudios gehandelt und sollte auf keinen Fall ausgelassen werden.

Partys
Wer die Frieze besucht, will meistens auch feiern. Ein Grund mehr, warum die Messe so beliebt ist. Die berühmte Serpentine Gallery schmeisst heute ihre jährliche Frieze-Party ab 20 Uhr. Ein Must für alle, die im Bereich der Kunst arbeiten und wichtige Kontakte knüpfen wollen. Allerdings wird der Einlass von strikten Türstehern geregelt, die Gäste ohne Einladung nur ausnahmsweise reinlassen. Einen Versuch wert ist es allerdings, denn an der Serpentine-Party amüsiert sich alles, was Rang und Namen im Kunstmarkt hat. Dasselbe gilt für verschiedene Post-Frieze-Partys, wie etwa im berüchtigten Groucho Club, dem Soho House und dem Shoreditch House. Wer sich den Stress mit den Türstehern nicht antun will, kann sich direkt bei ausstellenden Galeristen nach Spezialanlässen erkundigen, oftmals haben sie Einladungen zu vergeben oder wenigstens viele aktuelle Insidertipps.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2011, 14:26 Uhr

Mann mit Sinn für Kunst: Der britische Kurator Sheyi Bankale.

Sheyi Bankale

Sheyi Bankale ist Herausgeber der renommierten Kunstzeitschrift «Next Level» und Kurator der Next Level Projects, einer Galerie für experimentelle zeitgenössische Kunst im Herzen von Shoreditch in London. Zudem ist Bankale als internationaler Kurator für verschiedene Kunstorganisationen und Museen tätig. Zu seinen letzten Projekten gehört die Ausstellung «Alice in Wonderland». Eine Ausstellung über zeitgenössiche Fotokunst, die dieses Jahr in der Europäischen Kulturhauptstadt Turku (Finnland) gezeigt wurde.

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