«Für üs si mir die Gröschte»

Am Samstag holen sie in der Nähe von München den Salzburger Stier ab: Das Berner Künstlerduo Schertenlaib & Jegerlehner wird für «seinen Schalk, seine Spinnereien und seine stupende Musikalität» ausgezeichnet.

Ihr Stern leuchtet immer heller: Michel Gsell (links) und Gerhard Tschan in der ehemaligen Kartonfabrik Deisswil.

Ihr Stern leuchtet immer heller: Michel Gsell (links) und Gerhard Tschan in der ehemaligen Kartonfabrik Deisswil. Bild: Adrian Moser

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Sie sind ganz hoch eingestiegen, nachher konnte es mit der Bühnenkarriere nur noch abwärtsgehen. Im Bärensaal Thun spielten Michel Gsell und Gerhard Tschan als 14-Jährige in einem lateinischen Stück zwei Liktoren, Leibwächter für höhere Staatsbeamte im Römischen Reich. Der Lateinlehrer traute dem in seinem Fach eher unterdurchschnittlich reüssierenden Duo keine grössere Sprechrolle zu.

Bekleidet waren die beiden Jünglinge, die sich weniger als Schöngeister und mehr als Sportstypen verstanden, je mit einem weissen Tischtuch. Während der Vorstellung standen sie stumm im Hintergrund und durften erst am Ende an die Rampe treten und gemeinsam den Satz sagen: «Nunc, spectatores, valete et nobis clare plaudite» - «und jetzt, verehrtes Publikum, wünschen wir ihnen gute Gesundheit und uns einen schönen Applaus».

Fast vier Jahrzehnte nach diesem Auftritt sitzen Michel Gsell alias Schertenlaib und Gerhard Tschan alias Jegerlehner in der alten Kartonfabrik Deisswil und amüsieren sich, wenn sie ihre unfreiwilligen künstlerischen Anfänge aufleben lasen.

Auch wenn sie seit 38 Jahren Freunde sind und sich nie aus den Augen verloren haben: Zusammen treten sie erst seit gut zehn Jahren auf, vorher war Gerhard Tschan mit seinem Clowntheater bekannt geworden, Michel Gsell hatte sich als Sprachpoet einen Namen gemacht und war einige Jahre Mitglied der A-cappella-Band Little Big Men.

«Zwee i de beschte Jahr»

Jeden Donnerstag treffen sie sich im Bernapark in ihrem Übungsraum, einst die Rechnungsstelle der 2010 geschlossenen Kartonfabrik. Hier feilen sie an ihrer Spezialität, den «Auftragsarbeiten», die dann als Programme «Päch» und «Schwäfu» heissen. Hier wird getestet und geprobt, was auf der Bühne im besten Fall die «Heiterkeit verbreitern» soll.

Schertenlaib & Jegerlehner leben von der stupenden Musikalität der bei Bedarf gurgelnden, zwitschernden und jodelnden Protagonisten - der musikalische Klangteppich changiert von Reggae über Schlager bis zu bluesigem Groove -, sie haben eine Vorliebe für skurrile Arrangements und poetisch-verspielten Sprachwitz, der mühelos zwischen höherem Blödsinn und sorgsam getarntem Tiefsinn pendelt; und sie huldigen einer Komik, die gerne die alltäglichen Beziehungsdramen zwischen den beiden Männern in mittleren Jahren aufgreift.

Wobei keiner der beiden Anarcho-Bünzlis das dominierende Alphatier ist, sie begegnen sich als leicht marode Tanzkapelle oder 2-Mann-Männergruppe auf Augenhöhe und schenken sich nichts, am Ende eines Abends lautet das Verdikt zwischen diesen liebenswerten «Grümscheler-Sieche, wo im Nüt inne nüschele» (Gerhard Tschan) unentschieden. Früher verglich man sie oft mit Stiller Has, heute sind sie als kurioser Hase eigener Prägung unterwegs.

Das Landei und der Grossstadtneurotiker

Während Jegerlehner mit einem hellblauen Anzug ab Stange und Panamahut eher das bodenständig-schlitzohrige Landei markiert, strahlt der elegant gewandete Kollege Schertenlaib eine zuweilen grosstadtneurotische Nervosität aus, die sich urplötzlich in derwischartigen Tanzeinlagen entladen kann. Sie sind eben «zwee i de beschte Jahr, mit angerene Wort, die guete si verbi, mir si im Ufboutraining, mir gös langsam ah.»

Bei allem Understatement wissen sie um ihre Qualitäten, wenn sie im Lied «Mir si» selbstbewusst ihre Visitenkarte abgeben («Für üs si mir di Gröschte») und sich als vermeintliche Biedermänner mit unbändiger Lust auf verbale Brandstiftung in Szene setzen: «Mir si dr Flammewärfer, mir si dr Fürwehrmaa (...) mir si dr Hebammechor, mir sie hardcore.»

In der Ecke steht das Schlagzeug, neben der Ukulele ist es Schertenlaibs Domäne, am Boden auf einem Teppich verstreut ist der Instrumentenpark von Herrn Jegerlehner, Handorgel, Mundharmonika, Tuba und Trompete. Mittendrin ein kapitales Hirschgeweih, Schertenlaib hat eine Schwäche für Trophäen dieser Art.

«Hornusser und Pontoniere heissen so»

An der Wand sticht ein Plakat ins Auge: Am 4. Mai werden in Fürstenfeldbruck bei München die Salzburger Stiere übergeben. Den renommiertesten Kleinkunstpreis im deutschen Sprachraum erhalten Schertenlaib & Jegerlehner als Schweizer Gewinner 2013 für «ihren Schalk, ihre Spinnereien und ihre stupende Musikalität».

In bayrischen Landen ist das Berner Künstlerduo aber nicht mutterseelenallein. Der frühere Thuner Stadtpräsident und Kabaretthistoriker Hansueli von Allmen hat kurzerhand eine Supporterfahrt zur Preisverleihung organisiert. Die 50 Plätze in einem Reisecar der Mittelklasse seien innert kürzester Zeit von Freunden und Bekannten weggebucht gewesen, erzählt Michel Gsell: «So wird im Saal in Fürstenfeldbruck eine Kolonie von Schweizerinnen und Schweizern das Fähnlein der Aufrechten hochhalten und gegen die Übermacht anschreien, das ist doch schön, oder?» Gerhard Tschan ist da gleicher Meinung und findet, dass eine solche Carfahrt nicht schlecht zu Schertenlaib & Jegerlehner passe.

Und wie sind die beiden überhaupt zu ihren Künstlernamen gekommen? Ganz einfach: Schertenlaib und Jegerlehner seien schon immer gängige Namen in ihrer Gegend gewesen. «Hornusser und Pontoniere heissen so», sagt Michel Gsell, «Namen für Männer eben», ergänzt der gebürtige Thuner Gerhard Tschan.

Die Eroberung der Deutschschweiz

Für die Preisverleihung haben sie ein spezielles Programm einstudiert mit deutschen Übersetzungen der Mundarttexte. Ansonsten ist ihnen die Deutschschweiz gross genug: «Wenn wir beide 20 Jahre jünger wären, dann würden wir jetzt wohl «gäsele», sagt Gsell. Seit der Bekanntgabe des Preises Anfang Dezember hätten die Anfragen markant zugenommen. «Vorher kannte man uns ja vor allem im Bernbiet», sagt Gerhard Tschan, «aber jetzt erobern wir unaufhaltsam die restliche Deutschschweiz.»

Das Duo tritt in der Regel nicht mehr als achtmal im Monat auf. Der zweifache Familienvater Michel Gsell arbeitet noch als Coach für Migranten, die auf eine Lehre vorbereitet werden. Gerhard Tschan ist nebenbei als Moderator und Tagungsbegleiter tätig, seine Soloprojekte muss er allerdings wegen eines schweren Bergunfalls und einer langen Rekonvaleszenzphase vorderhand zurückstellen.

Schöpferische Pause beim Brünig

Von den schwermütig-schrägen Liedern gibt es bisher erst eine Single: den Reggae-Song «Sämi» über Andis Vater, einen etwas speziellen Bauern, der «verlade» auf seinem Traktor in die Landi tuckert, «scho vor em Mäuche e Joint roucht» - und eben ein Rastaman mit Leib und Seele ist. Während Michel Gsell überzeugt ist, dass das Duo auch auf einem Tonträger funktioniert, hat Gerhard Tschan bislang sein Veto eingelegt («Ich bin da streng, uns muss man live sehen»). Jetzt haben die beiden, die eine offensive «Streitkultur» pflegen, einen Kompromiss gefunden: Eine Live-CD, der Mitschnitt eines Auftritts im Thuner Schadausaal kommt im Herbst in die Läden.

Die wachsende Popularität bringt es mit sich, dass die beiden Herren für längere Autofahrten zu Auftrittsorten einen Fahrer engagieren. «Wir haben einen Chauffeur und eine PR-Dame, wir sind ein kleines KMU geworden», sinniert Tschan, und man weiss nicht genau, ob ihm diese Entwicklung behagt. Und Gsell schüttelt staunend den Kopf: «Vor drei Jahren hätten wir jemanden, der uns mit einer solchen Zukunftsperspektive gekommen wäre, mit einem ‹Spinnsch!› zum Schweigen gebracht.» So kann es kommen im Leben.

Die Fahrten mit dem Chauffeur haben indes ihre magischen Momente. Beide nehmen jeweils eine CD mit, auf dem Rückweg hören sie dann Musik, «das geht schon», beschwichtigt Gsell, «wir haben ähnliche Geschmäcker», so wie Anfang Jahr, als sie ganz allein nach Mitternacht über den Brünig durch die Nacht glitten. «Bei einer Panne wäre niemand gekommen», betont Tschan.

Sie lauschten der Stimme von Leonard Cohen, während die Schneeflocken übermütig im Lichtkegel der Scheinwerfer umherwirbelten. Auf der Passhöhe, das ist schon Tradition, legen sie immer an der gleichen Stelle eine kurze Pause ein. «Man überblickt von dort das ganze Tal», sagt Gerhard Tschan. «Ja, das ist wirklich ein schöner Fleck», bestätigt Michel Gsell. An dieser Stelle pflegen sie dann ihr Wasser abzuschlagen. In einem solchen Moment muss man sich Schertenlaib & Jegerlehner als glückliche Menschen vorstellen. (Der Bund)

Erstellt: 06.05.2013, 14:35 Uhr

Agenda

Nächster Auftritt: La Cappella Bern, 8. Mai.

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