H. R. Giger bleibt für die Zürcher Kunstwelt ein Ausserirdischer

«Zu wenig avantgardistisch», «sexistisch»: Die Museen werden den Verstorbenen weiterhin kaum berücksichtigen.

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Zürich – Der Oscar für die visuellen Effekte von «Alien» bescherte dem Schweizer Künstler H. R. Giger Weltruhm. Das war 1979. Seine Kunst, die albtraumhafte Verschmelzungen von Mensch und Maschine zeigt, wurde danach international in Ausstellungen für moderne Kunst gewürdigt. In Zürich, wo Giger seit 1962 wohnte, waren seine Kunstwerke dagegen kaum präsent. Dies hat den am Montag Verstorbenen stets irritiert. Eine Einzelausstellung im Kunsthaus war bis zuletzt sein grosser Wunsch.

Zwar zeigte das Kunsthaus in den 70er-Jahren und 2008 Arbeiten Gigers in Themenausstellungen. Neben einem Gemälde, das in die Kunsthaus-Sammlung aufgenommen wurde, kam dem berühmten Zürcher aber keine weitere Beachtung zu. «Kein Künstler hat einen Anspruch auf eine Einzelausstellung», heisst es dazu beim Kunsthaus: «In den letzten acht Jahren wurde im Kunstrat immer wieder über Giger diskutiert. Man konnte sich aber nicht auf eine Ausstellung einigen», sagt Mediensprecher Björn Quellenberg.

«Gestalterische Eigenwelt»

Die Reaktion des Kunsthauses zeigt exemplarisch das Problem von Gigers Kunst – sie polarisiert stark. So ist es bei wichtigen Ausstellungen und Kunstpreisen, die stets von Gremien beschlossen werden, schwierig, eine Mehrheit für Giger zu finden. Für die einen Kunstrichter ist er ein Fabrikant von Heavy-Metal-Kitsch, für andere, wie Kunsthistorikerin Claudia Müller-Ebeling, ein wichtiger Vertreter des fantastischen Realismus, «der die glatte Oberfläche der vom Fortschritt paralysierten Moderne aufbricht» (siehe Buch rechts).

Sebastian Egenhofer vom Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich sieht bei Giger keine Avantgarde – und auch keinen Realismus, sondern «verspäteten, grau gefärbten und von Symmetrieeffekten befallenen Surrealismus. Eine Giger-Ausstellung», sagt der Professor, «würde mich nicht interessieren.» Umgekehrt sieht Peter Haerle, Direktor der städtischen Kultur, Giger «als einen herausragenden Zürcher Künstler, der einen einzigartigen Stil pflegte und damit auch stilbildend war». Laut Haerle war Giger mindestens ein Mal Thema für den Zürcher Kunstpreis, doch schaffte er es in der Kunstpreiskommission nie auf den ersten Platz. So stellte die Kommission dem Stadtrat auch nie Antrag, Giger mit dem Kunstpreis zu ehren.

Barbara Basting, Ressortleiterin Bildende Kunst bei der Stadt, bestätigt, dass Giger wiederholt im Gespräch für den Kunstpreis war. Auch sie attestiert ihm eine «gestalterische Eigenwelt», die aber künstlerisch zwischen Stuhl und Bank falle und so in einem Gremium kaum mehrheitsfähig sei. Verfemt sei Giger nicht gewesen, und in der jüngeren Kunstszene sei teilweise ein vermehrtes Interesse an ihm zu spüren.

Zu «künstlerisch», zu wenig «gestalterisch»

Die Entscheide der städtischen Kulturkommissionen werden nicht im Detail begründet. Beim Kunsthaus ist man da deutlicher. «Wir zeigen Künstler, deren Werke sich im kunsthistorischen Kontext bereits etabliert haben oder ein überdurchschnittliches Potenzial dafür aufweisen», so Björn Quellenberg. Es spreche zwar nichts gegen Gigers Stil an sich, aber gegen die Motivik – seine Werke seien ziemlich sexistisch.

«Eine grosse Retrospektive zu Lebzeiten war Gigers Traum», sagt sein Assistent Tom Fischer. Nach den wiederholten Absagen des Kunsthauses fassten Freunde von H. R. Giger deshalb den Plan, den Künstler in einem anderen Zürcher Museum stattfinden zu lassen: dem Museum für Gestaltung. Dieses prüfte vor einem Jahr den Vorschlag, kam aber zum Schluss, dass eine Giger-Einzelausstellung nicht ins Museum passe. Zu «künstlerisch» sei sein Werk, zu wenig «gestalterisch». Allenfalls könne man sich Giger als Teil einer Themen-Ausstellung vorstellen. Für Tom Fischer ist diese Begründung nicht nachvollziehbar; der studierte Industriedesigner Giger, der auch Stühle entworfen hat, würde «perfekt zum Museum für Gestaltung passen».

Nun kommen einige Künstler bekanntlich erst posthum zu Ehren. Zumindest was Gigers Traum einer Kunsthaus-Ausstellung angeht, sind solche Aussichten allerdings eher düster, wie das Museum bestätigt: «In der Planungsphase der nächsten vier Jahre ist nichts vorgesehen.» H. R. Giger bleibt in Zürich wohl auch in Zukunft ein Ausserirdischer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2014, 09:01 Uhr

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Grof Stanislav: HR GIGER and the Zeitgeist of the Twentieth Century. Nachtschatten Verlag, 2014.

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