Heilige, Hure

Die Winterthurer Museen haben die Damenbildnisse ihrer Sammlungen untersucht. Die Ausstellung «Women» zeigt, wie sich die Darstellung der Frau über die Jahrhunderte verändert hat.

Rollenspiele noch und noch. Foto: Videostill «Becoming Julia» (Candice Breitz, 2003)

Rollenspiele noch und noch. Foto: Videostill «Becoming Julia» (Candice Breitz, 2003)

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Gleich wenn man die Ausstellung betritt, wird klar, worum es hier geht. Links und rechts an der Wand hängt je ein Bild der Jungfrau Maria, und dazwischen sehen wir – eine Nutte. Genauer: d i e Nutte, Julia Roberts alias Pretty Woman. Ein mittig im Raum platzierter Bildschirm zeigt im Dauerloop jene Szene, in der sie im engen Cocktailkleidchen zu Richard Gere sagt: «Wenn ich bei einem Kunden bin, dann bin ich wie ein Roboter. Ausser bei dir, natürlich.»

Da haben wir es: das Spannungsfeld zwischen Heiliger und Hure, in dem sich diese Ausstellung bewegt. «Women» heisst sie, speist sich hauptsächlich aus dem Fundus der drei Winterthurer Institutionen Kunstmuseum, Museum Stiftung Oskar Reinhart am Stadtgarten und Villa Flora, die seit Anfang Jahr unter dem gemeinsamen Label «Kunst Museum Winterthur» auftreten, und untersucht das Bild der Frau in der Kunst seit dem Spätmittelalter.

Gerne hüllenlos

«Pretty Woman» hätte die Schau erst heissen sollen, «aber Candice Breitz fand das zu platt», erzählt Museums­direktor Konrad Bitterli schmunzelnd, «als ich sie anrief mit der Info, ihr Werk werde Teil der Ausstellung sein». Breitz, heute die wohl bekannteste Videokünstlerin Südafrikas, hat den besagten Julia-Roberts-Filmausschnitt 2003 nachgestellt – ohne Cocktailkleid, dafür in unschuldig weisser Bluse – und ihre Version dem Original gegenübergestellt. Da spielt also eine Frau eine Schauspielerin, die eine Prostituierte spielt, die wiederum im Film vorgeben muss, keine Prostituierte zu sein. Will heissen: Es ist kompliziert mit all diesen Rollenspielen, in der Kunst wie auch im Leben. Denn spielt nicht jede bisweilen eine Rolle? Sind wir nicht alle ein bisschen Candice?

Dinge wie diese gehen einem durch den Kopf, während man die 70 Exponate der Schau abschreitet. Viele der Werke hat man schon mal gesehen. Bloss hat man die darin abgebildeten Frauen bisher stets als Sujet wahrgenommen, nicht als Subjekt. Kein Wunder: Der Blick ins Bild ist traditionell ein objektivierender, die Aufgabenteilung von Mann und Frau klar: Er hatte seinen Platz an der Staffelei, sie den ihren auf der Leinwand. Und das gern hüllenlos. «Do women have to be naked to get into the museum?», fragte in den 80ern das feministische Kollektiv Guerilla Girls – und monierte, dass im Schnitt 5 Prozent der ausgestellten Kunstschaffenden weiblich seien. Aber 85 Prozent der Akte.

In Winterthur ist dieses Missverhältnis noch verheerender; nicht eines der historischen Werke stammt von Frauenhand, nur die paar zeitgenössischen. Und natürlich gibts nackte Haut à gogo – wobei man amüsiert feststellen darf, dass sich die auf Teufel komm raus beschworene Erotik teils unfreiwillig selbst persifliert: zum Beispiel im Fall jener Nymphe von Arnold Böcklin, der man nicht recht abnimmt, dass ihr das blutte Räkeln auf harten Korallen und glitschigen Fischen wirklich Spass macht.

Die Erotik im Angezogenen

Umgekehrt gibts Fälle, bei denen die Erotik gerade im Angezogenen steckt. Das «Neapolitanische Fischermädchen» (1827) des Westschweizer Malers Louis-Léopold Robert wirft uns einen derart feurigen Blick über die Schulter zu, dass sich mancher Betrachter wohl am liebsten gleich an der Schnürung ihres Trachtenmieders zu schaffen machte.

Aber darf man so was überhaupt noch denken? In #MeToo- und Time’s-up-Zeiten? Wir finden: Man darf. Unter zwei Bedingungen. Erstens: Man begegnet all den Frauentypen, die man hier begafft – die Heiligen, Dirnen, Hausfrauen, Tänzerinnen, Mütter und Edeldamen –, ausserhalb des Museums mit Respekt. Zweitens: Man zieht nach der «Women»-Ausstellung im Reinhart-Museum ins gleich ums Eck liegende Kunstmuseum. Dort schaut man sich an, wie die Deutsche Katinka Bock (geb. 1976) in ihrer ersten Schweizer Soloschau das ach so männliche Metier der Bildhauerei mit sagenhafter Nonchalance zu etwas derart Eigenem, Federleichtem, ja: Weiblichem umformuliert, dass man kurz zu hoffen wagt, die ganzen Geschlechterkämpfe könnten irgendwann obsolet werden. Und wenn nicht? Dann hat man wenigstens richtig gute Kunst zu sehen bekommen.

«Women»: bis 17. 6.; Katinka Bock: bis 2. 4. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 18:55 Uhr

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