Hergiswil als Schicksal

Pravoslav Sovak, gebürtiger Tscheche und Heimatloser aus Überzeugung, hat hierzulande ein grosses Werk geschaffen. Es hängt in renommierten Museen – doch in der Schweiz kennt man ihn kaum.

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«Der Fall» heisst eine Fotomontage von Pravoslav Sovak aus dem Jahr 2006. Sie zeigt einen Mann mit schütterem Haar knapp vor dem Ertrinken in einem verschlammten Swimmingpool. Eine umstürzende Tanne muss ihn vom Gartenstuhl gerissen haben, auf dem er eben noch sass. Als ich an einem Herbstabend im nidwaldnerischen Hergiswil das Haus betrete, zu dem der Pool gehört, kommt mir die Szene in den Sinn. Der Künstler, den ich nach langer Zeit zum ersten Mal wiedersehe, atmet schwer. «Ein plötzlicher Blutdruckabfall», entschuldigt sich der 88-Jährige. «Der Besuch, die Aufregung, das alles wächst mir allmählich über den Kopf.»

Er lässt es sich freilich nicht nehmen, mit einem Glas Rotwein anzustossen. Mit wiederkehrender Vertrautheit löst sich seine Zunge. Dennoch bedrückt mich der Gedanke, die «Installation imaginaire» am Schwimmbassin könnte an eben diesem Ort eines Tages zur traurigen Wirklichkeit werden.

Sitzen in der Traumlandschaft

Pravoslav Sovak floh nach dem Einmarsch der Sowjettruppen in Prag 1968 in den Westen. In der Schweiz erhielt er politisches Asyl. Neun Jahre lang wohnte er in Luzern, dann baute er sich dieses Haus an einem Ausläufer des Pilatus. Vom Wohnzimmer aus blickt man auf den Vierwaldstättersee mit Bürgenstock, Rigi und dem Alpenkranz; an der Rückseite des schlichten Betonbaus steigt Wiesland gegen den Hang hin an, gesäumt von Teichen, Gehölz, einem Bach. Ein weisses Bänkchen, auf der grünen Kuppe platziert, vollendet den Eindruck einer Traumlandschaft, die der Künstler aus seiner böhmischen Heimat mitgebracht zu haben scheint.

In diesem Umfeld schuf Sovak Bilder, die heute im Museum of Modern Art in New York, in der Wiener Albertina und in Sammlungen rund um den Globus hängen. Doch hierzulande kennt ihn kaum einer. Zwar stellte er 1969, bald nach seiner Übersiedlung in die Schweiz, im Kunstgewerbemuseum in Zürich aus – an der zugehörigen Fachhochschule unterrichtete er danach zwei Jahre lang Diplomanden –, und da und dort zeigte eine Galerie seine Arbeiten.

«Der unbekannte Meister»

Doch insgesamt blieb Sovak in unserem Land «der unbekannte Meister», als den die Zeitschrift «Du» ihn betitelte, die dem Grafiker und Maler jüngst eine ganze Ausgabe widmete. Künstlerische Arbeit, die tief gehe, sei stets auch «eine Art der inneren Emigration», sagt Sovak. Das erklärt einiges – auch über sein Verhältnis zu seinem heutigen Domizil.

Natürlich ist der Zuwanderer froh, dass Hergiswil ihn 1987 eingebürgert hat. Seither stimmt er regelmässig ab – «auch bei lokalen Angelegenheiten!» –, schätzt es, dass die Gemeindeverwaltung funktioniert und die Beamten, wenn es sein muss, auch Hochdeutsch sprechen.

Mit den Millionären, von denen es in der Nidwaldner Steueroase nur so wimmelt, hat er jedoch nichts am Hut. Die protzigen Villen, die dort in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind, ­ärgern ihn. Seine Nachbarn sind ihm fremd. Sovaks Frau Hana hat gerne für Freunde gekocht. Dann wurde sie krank. Zehn Jahre lang pflegte der Künstler sie. Erst nach ihrem Tod 2004 realisierte er, wie einsam es in der inneren Emigration werden kann. Noch nie habe ihn ein Schweizer privat auch nur zu einer Tasse Tee eingeladen. «Was solls», meint er, «ich habe das Exil ja selbst gewählt.»

Geschichte auf der Druckplatte

Sovak, 1926 in der böhmischen Kleinstadt Vysoké Myto geboren, wächst in einer Arztfamilie auf, die sein Interesse an Literatur und Kunst fördert. Er ist noch keine 13, als Hitler das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet, gut 21-jährig, als die Kommunisten an die Macht gelangen. Am 21. August 1968 bereiten die Panzer des Warschauer Pakts dem Prager Frühling ein jähes Ende. Sovak ist inzwischen 42, als Künstler hat er erste internationale Erfolge gefeiert. Noch eine Besatzung will er nicht erleben. Mit Hana verlässt er gleichentags das Land.

1969 gibt der Bucher-Verlag in Luzern Pavel Kohouts «Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs» heraus – illustriert mit Druckgrafiken von Sovak. Um seinen Zeugnissen mehr Authentizität zu verleihen, montiert er bereits veröffentliche Pressefotos vom Prager Herbst auf die Druckplatte. Diese Dokumente verfremdet er wieder, rastert sie auf, unterlegt sie mit Zeichen und malerischen Elementen. So gewinnt er dem Zeitgeschehen eine allgemeingültige Aussage ab.

Die Vermischung der Mittel handhabt er auch in den «Indirect Messages» virtuos. Das Mappenwerk, das die Condition humaine reflektiert, wird 1972 erstmals in New York ausgestellt und trägt Sovak Vergleiche mit Robert Rauschenberg ein. Wie der grosse Amerikaner überlistet auch der Tscheche die Sehgewohnheiten reizüberfluteter Betrachter. Ohne expressionistischen Überschwang verleiht er einem Lebensgefühl der Moderne, diesem In-die-Welt-Geworfen-Sein, seine eigene Expressivität.

In Zeichnungen, Gouachen und digitalen Arbeiten der folgenden Jahrzehnte thematisiert Sovak die Wüste und andere Räume, die den Menschen klein werden lassen, weil sie auch ohne ihn existieren: das Meer, vom Nebel verhangene böhmische Wälder, die Schneeverwehungen am Lopper.

Ein letzter Tupfer

Auf Papier, das er teils schon in tschechischen Zeiten erstmals bemalte, klebt Sovak neuerdings Erinnerungsfetzen aus seinem eigenen Leben: einen Stadtplan von New York, ein Frauengesicht aus einem liegen gebliebenen Modejournal, das Etikett der letzten Farbtube, die ihm der Vater schenkte. Der Wanderer zwischen Welten, ein Heimatloser aus Überzeugung, ist bei sich angekommen.

Sein Haus in Hergiswil, ein Ort zwischen zwei Welten, nennt er sein «Schicksal». Als ich es bei einbrechender Nacht verlasse, winkt mir der Künstler zum Abschied zu. Sein blaues T-Shirt erlischt in der Dunkelheit wie ein Farbtupfer auf einem seiner Bilder.

Pravoslav Sovak, der unbekannte Meister. «Du» Nr. 850, Oktober 2014. 20 Fr. Zu bestellen über www.du-magazin.com. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 18:05 Uhr

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