Hinauf in den Wartsaal des Todes

Manon wurde in den 70er-Jahren mit ihrer Kunst der Selbstinszenierung zum Star der Schweizer Avantgarde. Das Kunsthaus Interlaken zeigt jetzt neben bekannten Arbeiten neue Installationen.

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Es könnte auch so gehen: Man betritt das Kunsthaus Interlaken, atmet tief ein und stürmt, nur das Ende vor Augen, rechts gleich die Treppe hoch, im ersten Stock vorbei an sechs Schwarzweissfotografien einer androgynen Femme ­fatale in lasziven Posen, passiert in der zweiten Etage einen Raum, in dem die ­fiktive Biografie einer ehemaligen Schönheitskönigin im Rimini der 70er-Jahre durchgespielt wird – was alles aus ihr hätte werden können, von der welkenden Diva im Leopardenlook über die kahlköpfige Krebspatientin bis hin zur verhärmten Dame mit züchtig geschlossener Bluse. Um schliesslich, verfolgt von den Blicken dieser Ex-Beautyqueen und vorbei an der Mensch-Maschine «Frau in Gold», in eine Art Mausoleum zu gelangen, in dessen Mitte ein weiss gekachelter, raumgrosser Quader steht. Dort ist das Ende.

Erotische Hitze, klamme Kälte

Angestrahlt von Scheinwerfern, ­befindet sich an der Rückseite des Quaders ein schmaler Eingang. Auch das heruntergekühlte Interieur ist mit weissen Kacheln ausgeschlagen, schmucklose schwarze Stühle laden nicht unbedingt zum Verweilen ein in dieser Kühlbox. Alle 15 Sekunden gibt eine weibliche Stimme die Zeit durch. ­Unerbittlich verrinnendes Leben in diesem «Wartsaal des Todes», wie Manon den Quader nennt, die Schöpferin dieser neuen Installation «Reise nach Sibirien». Neben dem virtuosen Spiel mit Identitäten haben die Vergänglichkeit und der Tod im Werk der Künstlerin in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. «Die gesammelten Ängste» nennt sich eine andere Installation: eine unüberhörbar tickende Wanduhr vor grünem Hintergrund.

In dieser beklemmend-sterilen Umgebung von jeder willkommenen Ablenkung abgeschnitten, denkt man unweigerlich an den atmosphärischen Gegenpol, mit dem 1974 die Karriere der in Bern als Rosemarie Küng geborenen Künstlerin ihren fulminanten Anfang nahm: Für die Installation «Das lachsfarbene Boudoir» zügelte Manon kurzerhand ihr Schlafzimmer in die Zürcher Galerie von HR Gigers Lebensgefährtin Li Tobler – und schockierte mit der Zurschaustellung dieses verspiegelten Tempels weiblicher Wollust, zu dem unter anderem ein zerwühltes Bett, Alkoholika, verstreute Liebesbriefe und Fotos von Geliebten gehörten. Notabene 24 Jahre bevor Tracey Emin ihr «Bed» in die Londoner Tate stellte.

Für Emin gab es 1999 eine Turner-Prize-Nominierung. Manon schaffte es immerhin auf die Frontseite des «Blicks», als sie 1975, inspiriert von den in Schaufenstern ausgestellten Amsterdamer Prostituierten, zum feministischen Gegenschlag ausholte und ein Tab­leau vivant mit sieben Männern arrangierte. «Manon stellt lebende Männer aus und sagt: Das ist Kunst!», titelte die Boulevardzeitung. Die Künstlerin verabschiedete sich indes bald von den Liveperformances und machte stattdessen ihr Gesicht und ihren Körper in fotografischen Selbstinszenierungen zu ihrem Experimentierfeld – zeitgleich etwa mit den «Film Stills» von Cindy Sherman. Weltberühmt wurde die Amerikanerin, aber Manon begegnete ihr mindestens auf Augenhöhe.

Das kleine, aber feine Kunsthaus Interlaken ist nicht gerade der Nabel der Schweizer Museumswelt. Entsprechend verwundert es, dass der heute 69-jährigen Manon gerade im Berner Oberland eine Ausstellung ausgerichtet wird, die nicht nur einige ihrer wichtigsten Arbeiten, sondern auch etliche speziell für diese Schau geschaffene Werke versammelt. Heinz Häsler, der künstlerische ­Leiter und Initiator des 2009 eröffneten Kunsthauses, verweist auf so bedeutende Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Meret Oppenheim oder Pipilotti Rist, die in den vergangenen Jahren in Interlaken ebenfalls zu prominenten Auftritten kamen. Und er hält nicht ohne Stolz fest: «Es war Manon, die an uns herangetreten ist und von den für ihre Arbeiten perfekten Proportionen unserer Räume schwärmte.»

Obwohl (oder gerade weil) Manon als Pionierin der Performance- und der Fotokunst zunehmend unter (geschlechter)politischen Vorzeichen rezipiert wurde, interpretierte sie ihr eigenes Werk immer äusserst zurückhaltend. Lieber überlässt sie es dem Betrachter, zu den ausgestellten Objekten mögliche Geschichten zu imaginieren. In «Die chinesische Geliebte» reichen dafür ein Paar Lackschuhe mit einem schwindelerregenden Neigungswinkel, als Fe­tischobjekt auf einen hohen, weissen ­Sockel gestellt, daneben ein asketisches Feldbett aus Aluminium, das sich mit seinem gepolsterten blauen Satin­überzug in eine Lustwiese verwandelt.

Aus der Fotoserie «Hotel Dolores» (2008/12), die rund 200 grossformatige Bilder umfasst, sind in Interlaken ebenfalls einige Werke vertreten. Über mehrere Jahre hinweg suchte Manon fast wöchentlich drei leere, abbruchreife Bäderhotels in Baden auf. Diese Räume an diesem «Schmerzensort» mit Bauschutt, abblätternden Tapeten und einem zusammengeklappten Bettgestell sind die perfekte Bühne für anspielungsreiche Inszenierungen, die mit roten Federkleidern von vergangenem Glamour ebenso erzählen wie von einer latent unheimlichen Versuchsanordnung: Da ist ein mit Seilen «gefesselter» Stuhl, Schläuche führen ins Lavabo, an der Wand hängt ein Blutdruckmessgerät, und ein Scheinwerfer beleuchtet diese Szenerie zwischen Behandlungszimmer und Folterstätte. Verstärkt wird der ambivalente Eindruck durch die am Boden mit Kreide markierten Umrisse eines Menschen: le lieu du crime.

Manon in Interlaken 2015: Das ist die Begegnung mit einer Künstlerin, die früh zur Legende wurde, in ihrer künstlerischen Selbsterforschung aber, das Ende vor Augen, beeindruckend ­lebendig bleibt.

Bis 3. Mai. www.kunsthausinterlaken.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2015, 18:08 Uhr

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