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Hinterbühne des touristischen Wahnsinns

Mit gnadenlosen Fotografien entlarvt der Tiroler Künstler Lois Hechenblaikner den Wachstumsfuror des Skitourismus. Im Spiegel, den er uns vorhält, kann man auch die Schweiz erkennen.

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«Sie sehen nicht, was sie sehen», sagt Lois Hechenblaikner, 54, er zieht am Ärmel seines Outdoorhemdes, und in seinem sonnengebräunten Gesicht vertiefen sich die Lachfalten. Die Kunst des österreichischen Fotografen, der sich vor und nach dem Gespräch in die aufwendige Einrichtung seiner eben eröffneten grossen Ausstellung «Intensivstationen» im Alpinen Museum kniet, besteht darin, zu sehen.

Seit fast 20 Jahren dokumentiert und sammelt er mit seiner Grossbildkamera akribisch, sommers und winters, Ansichten des Tiroler Skitourismus. Er hat sich damit in seiner Heimat zu einer Persona non grata gemacht, jedoch ohne seine gute Laune zu verlieren. Mit seiner Langzeitbeobachtung arbeitet er einen unbeugsamen Blick auf eine schwindelerregende Entwicklung heraus. Er hilft uns, wirklich sehen zu können, was wir sehen. Auch vor unserer Haustüre.

Weltcupexpress Wengen

Wenn man in der Herbstsonne von der Kleinen Scheidegg hinuntergeht Richtung Wengernalp, stösst man derzeit auf eine imposante Grossbaustelle. Eine mächtige, 28 Meter breite Brücke wird aus dem Hang über das Geleise der Wengernalpbahn gebaut, damit die Skifahrer im Winter staufrei die Lauberhornschulter hinunter bis ins Wixi fahren können.

Dort werden sie ab dem kommenden Winter von einem neuen leistungsfähigen Sechsersessellift namens Weltcupexpress mit einer Beförderungskapazität von 2400 Personen pro Stunde in die Höhe transportiert. Kostenpunkt der Erneuerung: rund 12 Millionen Franken. Man installierte 13 neue Masten, entfernte ein kleines Wäldchen, erweitert den Perimeter der aus dem künstlichen Wengensee gespiesenen maschinellen Beschneiung – alles mit dem Plazet der zuständigen Raumplanungsbehörden und der Umweltverbände.

An der Lenk im Berner Simmental wird derzeit die Talstation der Gondelbahn auf den Betelberg umgebaut. Das ist bloss die Ouvertüre für eine furiose Wachstumsstrategie, in die die Lenk Bergbahnen in den nächsten vier Jahren 55 Millionen Franken investieren wollen. Geplant sind die Erneuerung der Seilbahn auf die Metsch sowie der Bau eines grossen, 75'000 Kubikmeter Wasser fassenden Speichersees für die künstliche Beschneiung.

Zwang der Beschleunigung

Lois Hechenblaikner kennt die Berner Oberländer Ausbauvorhaben nicht aus eigener Anschauung. Sie sprechen für sich – wenn man sie durch den intellektuellen Zoom des hartnäckigen Tirolers betrachtet: «Das Drama des Skitourismus ist es, dass er sich immer wieder neu hervorbringen muss», sagt Hechenblaikner.

Er veranschaulicht das am Skilift vor seinem Elternhaus, für den er sich als Kind mit Schneestampfen Gratisfahrten verdiente. Kürzlich sei dieser Lift demontiert worden – er sei so langsam gefahren, dass man unterwegs Zustände bekommen habe. «Das ist es doch», ruft Hechenblaikner, «der Lift fuhr immer gleich schnell. Wir sind es, die das nicht mehr aushalten.» Die Betreiber beschleunigen ihre Anlagen, setzen damit neue Reize für die Kunden – und zwingen die Konkurrenz, ihr Angebot nachzujustieren. Wenn man diese Entwicklungslogik konsequent zu Ende denke, müsse man die Skifahrer dereinst mit einem Katapult auf den Berg schiessen.

Absurd unterwegs

Hechenblaikner muss lachen ob dieser Vorstellung. Er ist kein verbitterter Aktivist. Er liebt, womit er sich auseinandersetzt. Er hat den Gastronomiefähigkeitsausweis und «kann mit jedem Berggasthofbesitzer ein Fachgespräch führen». Er versteht sich als «fotografischen Schmerzkörper Tirols» und fährt trotzdem selber gerne Ski. «Es ist wichtig», sagt Hechenblaikner, «dass wir uns das Bewusstsein erhalten, welchen Prozessen wir uns unterwerfen und wie absurd wir gelegentlich unterwegs sind.» Die Welt verändern wird das nicht.

Wenn wir in die verschneiten Berge fahren, suchen wir Entspannung, Freiheit, Wildnis. Was wir vorfinden, ist Dichtestress unter rasenden Carvern, Kanalisierung auf eingezäunten Pisten, künstlichen Schnee und beheizbare Sessellifte. «Wir erleben», sagt Lois Hechenblaikner, «ein Herdenmanagement, härter als im Sommer mit den Kühen auf der Alp.»

Wir haben die Fähigkeit verloren, uns eigenverantwortlich im Wintergebirge zu bewegen. Wir brauchen flach gewalzte Pisten als direkte Fortsetzung der Autobahn, auf der wir hergefahren sind. Wir verlassen uns auf Warntafeln, Lawinenblinklichter, Absperrungen. Die Berglandschaft können wir uns ohne künstliche Speicherseen schon fast nicht mehr vorstellen. «Und das Verrückte ist», sagt Hechenblaikner: «Je weniger echte Bergwelt wir vorfinden, desto forcierter und fröhlicher wird sie inszeniert.»

Sedimente des Skitourismus

Mit ethnologischem Ehrgeiz hat sich Lois Hechenblaikner der volkstümlichen Industrie ausgesetzt. Unzählige Male lief er auf Hansi Hinterseers Fanwanderungen mit. Die Zillertaler Schürzenjäger lässt er kaum aus den Augen. Stunden verbrachte er in proppenvollen Skihütten, neben denen sich Bierfässer türmen. Er riskierte ein Handgemenge, um eine Palme im Nieselregen vor einem Alpstuberl abzulichten. Er wanderte tagelang auf Baggerspuren, um die landschaftsgärtnerischen Monsterprojekte zur Anlage von massentauglichen Skipisten zu dokumentieren. Er kletterte im Sommernebel auf Skiliftmasten, um den mit weissen «Leichentüchern» abgedeckten Stubaier Gletscher zu fotografieren. Jahrelang pilgerte er zum Entsorgungshof, um an Bruchstücke geschredderter Skis zu kommen.

Er hat Spuren gesichert wie ein Detektiv, weil wir schnell vergessen, was war. Lange musste Lois Hechenblaikner diese Sedimente des Skitourismus für sich behalten, weil seine Sicht für Tirol zu heftig ist. In deutschen Magazinen konnte er Bilder publizieren, in kleineren Galerien ausstellen. Im Alpinen Museum präsentiert er sein Werk nun erstmals mit voller Wucht.

Sein Blick ist geschärft. Unserer kann es werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.09.2012, 19:10 Uhr

Ausstellung

«Intensivstationen» im Alpinen Museum, Helvetiaplatz 4, Bern, Di bis So 10 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr, bis 28.3.2013.

Lois Hechenblaikner (Bild: zvg)

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