«Ich bin ein Arbeitstier und ein Tüpflischisser»

Pipilotti Rist wird 50 – wir widmen ihr ein Porträt mit 50 eigenen Zitaten aus verschiedenen Interviews. Pipilotti Rist über ihren Erfolg, Feminismus und Blondinenwitze.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie ist die berühmteste Künstlerin der Schweiz, fröhlich, farbig und eigensinnig. Dieses Jahr feiert sie ihren fünfzigsten Geburtstag, ab Juni ist zudem ihre neue Ausstellung im Kunsthaus St. Gallen zu sehen. Anstatt über sie zu schreiben, lassen wir Frau Rist lieber selber zu Wort kommen. Aus verschiedenen Interviews haben wir die aussagekräftigsten Aussagen zu einem Porträt zusammengestellt – das sich mit den wichtigsten Themen in ihrer Kunst beschäftigt.

Zu ihrer Kunst:

  • Ich würde gerne daran glauben, dass Kunst die Welt verändern kann.
  • Ich bin ein grosser Fan davon, die Freude und die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein.
  • Ich habe eine stark schwermütige Seite, die ich zwar nicht als Inhalt in meiner Arbeit thematisieren will, aber sie ist meine wichtigste Motivation zum Arbeiten.
  • Melancholie heisst für mich auch Versöhnung mit dem Unperfekten.
  • Nebenerscheinungen wie Erfolg und Erwartungsdruck finde ich nicht spannend. Mich interessieren menschliche Grundkonflikte: das Geborenwerden, das Älterwerden, das Sterben, Liebeskummer, Sexualität, Themen von allgemeiner Bedeutung.

  • Meine Arbeiten sind komplexer geworden, ich sehe heute viel mehr Zwischentöne und stelle mich schneller infrage.

  • Entertainment bedeutet für mich nicht, kommerziell erfolgreich zu sein, sondern sorgfältig mit der Zeit umzugehen.

  • Die Tendenz, unsere Ausscheidungen zu verteufeln, gab es immer. Als Mensch möchte man sich ja lieber in Richtung Porsche entwickeln als in Richtung Murmeltier.
  • Für mich sind alle Blöffsäcke dumm, darunter gibts sicher auch ein paar Künstler.
  • Ich verstehe nicht, warum die Leute ihre LCD-Monitoren nicht an die Decke hängen, dann hätten sie mehr Platz im Wohnzimmer und könnten sich zum TV-Gucken hinlegen.

  • Ich glaube, dass viele Menschen Schönheit nicht ertragen, weil sie sich von ihr ausgeschlossen fühlen.
  • Dem Fahrgast, der vor Ihnen sitzt, aus Freundlichkeit eine Frisur zu kämmen, könnte Ihr Leben ändern. Versuchen Sies mal.
  • Mich irritieren auch Städter, wenn wir uns untereinander im Alltag ignorieren oder unhöflich behandeln, obwohl wir uns freiwillig für eine zusammengerottete Lebensweise entschieden haben.

Zu Kind und Mutterschaft:

  • Ich kann mir nicht vorstellen, wie durch ein bisschen Fleisch-ineinander-Drücken und Sekretemischen ein so komplexer Mensch kreiert werden kann. Obwohl der in mir gewachsen und aus mir rausgerutscht ist.
  • Mein Sohn heisst Himalaya Yuji Ansgar. Himalaya ist mein Lieblingswort, mein Mantra.

  • Während meiner Schwangerschaft hat mich ein Journalist von einem Zürcher Gratisblatt angerufen und gefragt, wie das Kind denn heissen werde. Die USA begannen sich gerade auf den Krieg im Irak vorzubereiten, und ich antwortete: Wir nennen ihn «Antiimperialista Frieden Jetzt». Am nächsten Tag stand das genau so in der Zeitung. Ich hatte dann alle Hände voll zu tun, meine Verwandtschaft wieder zu beruhigen.
  • Die Kindbettdepression war hart. Es ist der Hammer, wenn der Hormonpegel plötzlich wieder sinkt. Ich habe ein paar Liter geheult.

  • Ich war einmal bei einer Freundin dabei, bei der die Geburt ganze 16 Stunden dauerte. Sie schrie dauernd: «I don’t wanna be a mother!» Die zweite anwesende Freundin flüsterte ihr zu: «Now it’s too late, honey.» (lacht).

Zur Expo:

  • Es war ein langer Prozess, bei dem ich mich am Schluss isoliert fühlte.

  • Bei der Expo bestand während meiner Mitarbeit eine Grundstruktur, die eher einem Massenkonzept entsprach als dem, was wir dem Publikum bieten wollten, und auch nicht meinem Auftrag, ein kohärentes Ganzes zu schaffen.

Zur Politik:

  • Ich wähle traditionell links. Aber ich habe auch genug Selbstbewusstsein, um diese Ohrfeige als eine Beflügelung für nötige Diskussionen und Selbstkritik unter den Linken zu empfinden.
  • Ich bin noch lange keine linke Künstlerin, nur weil ich links wähle.

Zur Schweiz:

  • Ich schätze an der Schweiz, in welchem Ausmass sich die Leute hier für ihren Job verantwortlich fühlen.

  • In der Schweiz fühlt sich ein Grossteil der Leute noch als ein Teil des Staates, die Hierarchien sind flacher.

  • Als ich aus Amerika zurückkam, ist mir an der Schweiz vor allem eines aufgefallen: die vielen hässigen alten Leute in diesem Land. Sie wohnen im Paradies, und ich habe mich gefragt: Wie kann es einem so gut gehen und wie kann man wegen Nichtigkeiten den ganzen Tag so verbittert sein?
  • Dem Glück steht immer auch die Angst vor Verlust im Wege, und wir haben hier in Mitteleuropa recht viel zu verlieren.

Zum Feminismus:

  • Ich komme aus dem kulturfeministischen Umfeld und bin noch immer Feministin.
  • Ich kann mich daran erinnern, als es in meiner Kindheit darum ging, das Frauenstimmrecht einzuführen. Wir waren vier Mädchen und ein Bub. Mein Vater hat sich mit ausgebreiteten Armen vor den Fernseher gesetzt, damit wir das nicht sehen.
  • Frauen haben die Tendenz, ein liebes Mädchen zu sein, und sie können Widerstand schlecht aushalten. Ich muss stur sein, um meine Arbeiten fertigzukriegen, um keine Kompromisse zu machen und um nicht aus Bequemlichkeit aufzugeben. Diese Art Vorbild ist mir viel sympathischer als die Vorstellung, talentierter zu sein als alle anderen.
  • Für viele Frauen bin ich möglicherweise ein Symbol. Ich mache so weit wie möglich, was ich will. Doch leider bin ich nicht halb so wild, wie viele meinen.
  • Ich finde Geschlechterdifferenz supergut. Ich will nicht, dass sich die Geschlechter angleichen.
  • Wir haben starke Backlashs im Feminismus, viele sind von Frauen selber getragen. Frauen lieben es scheinbar, hart zu sich zu sein.

Zum Thema Männer:

  • Es gab in meinem Leben zwei Arten von Männern. Die einen waren die künstlerisch talentierten, aber nicht lebensfähigen Jungs. Denen habe ich die Mama gespielt. Die besten sind dann Künstler geworden. Der andere Typus kam nur einmal vor, hielt dafür aber am längsten: Er war der Daddy und ich das verrückte Kind.

  • Mein Mann findet es total unromantisch, dass ich Stunden brauche, um in Stimmung für Sex zu sein und darum gerne im Voraus die Zeit dafür genau abmachen will.
  • Wozu habe ich einen Mann? Im Ernst: Ich höre das Kindchen nie, wenn es schreit. Er hört es immer.
  • Ich hatte noch keinen One-Night-Stand.
  • Ich wünsche der neuen «Weltwoche», dass sie mich nie mehr für ihre Werbung braucht. Und dem Roger Köppel wünsche ich eine Frau.

Zu Amerika:

  • Ich habe mich nach 17 Jahren protestantischem Fleiss auf die faule Haut gelegt, ich lag viel am Strand vor unserem Häuschen am Venice Beach, habe mich mit den Strassenmalerinnen angefreundet und in Ruhe gekifft... Ach ja: Dann habe ich ja noch ein Kind geboren (lacht).

  • Ein extrem kreativer Ort, dessen Entstehung ich mir etwa so ausmale: Eine riesige Welle von Menschen wurde angespült, beim Zurückziehen der Welle blieb ein Strandgut aus extremen Freigeistern, Religiösen, Kreativen und Sehnsüchtigen. Hier sind sie gestrandet, weiter nach Westen geht es nicht mehr, ausser man lernt Japanisch.
  • Das Handwerk in den USA ist brutal lausig. Amerika ist made in China.

Zu Venedig:

  • Mir gefällt diese Stadt, sie stellt ein fast absurdes Bild der menschlichen Willenskraft dar: Wie man diese Häuser ohne Maschinen auf Pfähle stellte, ist unglaublich.

Zu sich persönlich:

  • Was die Leute lieben, ist meistens ihr eigenes Konstrukt, das sie aus meinen Kunstwerken, meinem Vornamen, den Berichten über mich, den Fotos und Wünschen zusammensetzen. Dieses Bild ist nicht identisch mit mir, es ist eine Figur neben mir.

  • Mich nur als Person zu zeigen, das interessiert mich nicht. Und dafür bin ich auch zu scheu. An Anlässe, an denen es mehr als zehn Leute hat, gehe ich prinzipiell nicht.
  • Ich bin ein Arbeitstier und ein Tüpflischisser. Meine Hauptangst ist eigentlich immer dieselbe geblieben, ich fürchte mich davor, irgendeinen Wix zu produzieren, eine Arbeit abzuliefern, die ausser für mich selbst keine Relevanz hätte.
  • Wer wilde Sachen machen will, muss ein ruhiges Leben führen.

  • Blondinenwitze sind meine Lieblingswitze.

  • Ich kenne keine Drogenerfahrung, die ich im nüchternen Zustand nicht auch kennen würde.
  • Ich betrachtete meine Brüste übrigens nicht als speziell attraktiv, eher als unförmige Ziegenzitzen.

  • Meine Naturhaarfarbe ist Schweizer Kuhbraun, zwischen Grau und Braun, einfach nichts.

Quellen: Berliner Zeitung, Basler Zeitung, Weltwoche, Jungle World, Stadt/Kunst, Süddeutsche Zeitung, NZZ a.S., Die Zeit, B.Z., Interview Magazine, Neue Luzerner Zeitung, Das Magazin.

Erstellt: 31.05.2012, 13:16 Uhr

Infobox

Pipilotti Rist wurde 1962 als Elisabeth Charlotte Rist in Grabs (SG) geboren. Sie besuchte die Videofachklasse in Basel und spielte in der Frauenband Les Reines Prochaines. In den Neunzigerjahren wurde sie mit ihren Videoarbeiten und Installationen zu einer der bekanntesten Gegenwartskünstlerinnen. Im Jahr 2009 präsentierte sie zudem ihren ersten Spielfilm «Pepperminta». Rist lebt mit ihrem Sohn und ihrem Mann in Zürich. Im kommenden Jahr wird sie sich eine Auszeit nehmen.

Artikel zum Thema

Das Gesicht der linken Intelligenzija

Der Berner Guy Krneta organisiert den Widerstand gegen die Führung der «Basler Zeitung». Mehr...

Internationale Presse mässig begeistert von Pipilotti

Anders als in der Schweiz, wo die positiven Stimmen deutlich überwiegen, sind die internationalen Reaktionen auf Pipilotti Rists Film «Pepperminta» durchzogen. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...