«Ich hätte mit Hansruedi noch mehr vorgehabt»

Mitten in Berlin hat der Schweizer Künstler Claude Steiner des verstorbenen H. R. Giger gedacht – mit einer Kunstperformance der speziellen Art.

«Samen für mehr»: Giger-Hommage an der Warschauerstrasse in Berlin.
Video: Sarah Bischof

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Montagnacht, 23.30 Uhr, Zürich schlummert bereits, nicht aber Berlin. Eine S-Bahn erreicht die Warschauer Brücke. Ein Rudel Jugendlicher strömt zum nächsten Dönerstand ums Eck. Mitten auf der Brücke, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet, steht eine Gruppe Musiker, Kunstaffine und Giger-Fans. Sie blicken erwartungsvoll nach oben, zum sechsten Stock des Gebäudes an der Warschauer Strasse 33. Dort drückt gerade der Zürcher Multimediakünstler und Giger-Freund Claude Steiner auf den Play-Knopf seines Laptops und eine Lichtprojektion beginnt.

Auf den bisher in der Nacht dunkel wirkenden Fensterfronten erscheint ein Frauenmund, verführerisch rot wie die Flammen, die daneben auftauchen. Es folgt eine Nase, umgeben von grösser und kleiner werdenden grünen Spiralen. Nicht einfach zu verstehen. «Ganz im Stil von Giger», sagt jemand aus der Zuschauergruppe auf der Warschauer Brücke. Sechs riesige LED-Bildschirme im fünften und im sechsten Stock werden von einem Computer aus einzeln mit Animationen bespielt. Sie sind schon vom anderen Ende der Brücke in Kreuzberg sichtbar.

Albert Hofmann und Giger

Die Bilder formen sich immer mehr zu einem in sich versunkenen Frauengesicht. Dem Bild, das Giger als Plattencover für die britische Band Emerson, Lake and Palmer gemacht hat. Es erinnere ihn an Gigers verstorbene Ex-Freundin, Li Tobler, die sich vor Jahren das Leben nahm und bei H. R. Spuren hinterlassen habe, sagt Steiner. «Gerade der Tod ist ein spezieller Moment, der auf gewisse Art und Weise gefeiert werden darf.»

Für Steiner passt Giger zu Berlin. «Hier sammeln sich alle Aussenseiter. Die, die nicht bewertet werden können», sagt er. So einer sei Giger gewesen. Eine kontroverse Person eben. Für Steiner selbst ist Giger ein Künstler- und Familienfreund. Vor 30 Jahren waren es Steiners Eltern, die für ihre Kunstdruckproduktionen mit dem Alien-Erfinder zu arbeiten begannen. Als besonders speziellen Moment bezeichnet Steiner die Verbindung, die er zwischen dem ebenfalls bereits verstorbenen Entdecker des LSD, Albert Hofmann, und Giger herstellen konnte. Sie resultierte 2008 in der auf Gigers Schloss in Gruyère zu Ehren Hofmanns stattfindenden Ausstellung «Psychonauten». «Eigentlich hätte ich mit Hansruedi noch mehr vorgehabt – auch in Berlin», so Steiner.

Erneute Performance

Gemeinsam mit dem befreundeten Visual-Artist Bruno Bez aus Brasilien hat Steiner innerhalb von drei Tagen die Tributaktion in Berlin auf die Beine gestellt. Steiner hatte die Idee, Bez den Kontakt zu W33.TV, ein Projekt, das Künstlern diese Projektionsfläche an der Warschauerbrücke zur Verfügung stellt - ein Ort, der täglich von mehr als 100 000 Menschen passiert wird. Auf Basis des «Emerson, Lake & Palmer»-Bildes, umrahmt von Layers und Animationen, haben die beiden einen einstündigen Videomix gemacht. Das sei der Sinn von Kunst: dass etwas zurückgegeben werden könne.

Claude Steiner hat sich inzwischen zur Gruppe auf der Warschauer Brücke gesellt. «So beginnen Sachen. Leute aus der Kunstszene kommen zusammen und man erschafft – wie Hansruedi – etwas», sagt Steiner, der seine Installation als «Samen für mehr» sieht. Nächste Woche soll sie an gleicher Stelle, mit etwas mehr Vorbereitungszeit, nochmals gezeigt werden. Der Frauenmund auf den Screens formt derweil gerade «Goodbye H. R. Giger». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2014, 15:08 Uhr

Artikel zum Thema

H. R. Giger bleibt für die Zürcher Kunstwelt ein Ausserirdischer

«Zu wenig avantgardistisch», «sexistisch»: Die Museen werden den Verstorbenen weiterhin kaum berücksichtigen. Mehr...

Der Schwarzromantiker

Für «Alien» gewann H. R. Giger 1980 einen Oscar. Aber die Zusammenarbeit des Künstlers mit Hollywood war nicht reibungslos. Mehr...

«Der Kunstfilz hat ihn abgestraft»

Der Metal-Musiker Tom Fischer arbeitete zuletzt als Gigers Assistent. Im Interview spricht er über das Verhältnis des verstorbenen Künstlers zu «Alien» und seine letzte Begegnung mit ihm. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Ein Höhepunkt namens Sonntag

Tingler 5 Irrtümer der Küchentisch-Philosophie

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...