Im Darkroom der Bürgerlichen

Ein Erotomane und gnadenloser Moralist: Der französische Zeichner Tomi Ungerer ist in einer grossen Schau im Zürcher Kunsthaus mit unbekannten Seiten zu entdecken.

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Tomi Ungerer ist in Zürich. Muss man mehr sagen? Oder darf man alles weitere der Neugierde des Publikums überlassen? Das wäre wohl in Ungerers Sinn. Denn dieser ist inkognito in der Stadt, heimlich also, unerkannt, in der Ausstellung «Incognito» im Kunsthaus Zürich. Inkognito in «Incognito», das ist Ungerers Prinzip, der Künstler als multiple Persönlichkeit versteht sich als Chamäleon. In Zürich unterwanderte er die heilig-hehre Bürgerbastei: Der «Chamäleonist» verwandelt sich zum Museumskünstler.

Ungerer vorstellen? Er ist der Erfinder des Kamasutras für Frösche, die in ihrer Geilheit selbst vor dem Nikolaus nicht zurückschrecken. Er zeichnet den amerikanischen Imperialisten als Don Quijote im Kampf gegen russische Öl­förderwindmühlen. Er denkt über den Furz nach, «vom Urknall bis heute». Und natürlich zeichnet er Dominas, immer wieder. Und mit Vorliebe zerlegt in die leckersten Teile.

Er begeistert sich selbst

Ungerer bewundert man, oder man nimmt an ihm Anstoss. Wo Ungerer ist, spaltet sich die Meinung. Er ist genauso ein bekennender Erotomane (seit «Sexmaniak», 1971) wie ein gnadenloser Moralist. Er ist ein Scharfmacher, Scharfrichter, Satiriker, und sein Zeichenstift ist so spitz, dass man ihm den «schärfsten Strich der westlichen Welt» nachsagt. Tomi Ungerer, Weltkünstler mit elsässischen Wurzeln und als Weltbürger heute in Irland ansässig, ist inzwischen 83 Jahre alt, doch er ist geistig noch ­immer so behände wie ein junges Reh.

Wer diesen Ungerer am Donnerstag an der Pressekonferenz in Zürich erlebt hat, hat Menschen, die nur halb so alt sind wie er, in seiner Gegenwart als matte Gespenster empfunden. Er ist ein hingerissenes und hinreissendes Kind ohne Alter, ein Selbstbegeisterer auch, er ist Zündschnur und Pulverfass in einem. Diesen Frühling ehrte das Drawing Center in New York den verlorenen Sohn, er hatte sich dort in den Siebzigerjahren seinen Ruf ruiniert, war als Pornograf verschrien und verboten. Jetzt heisst ihn Zürich willkommen, hier vor allem mit Foto- und Materialcollagen der schwermütig-politischen Art.

Ein besonderer Schwerpunkt sind Werke, in denen Tomi Ungerer seine Kindheit und Jugend verarbeitet, Holocaust und Krieg. Darüber hinaus ist «Incognito» ein Darkroom für den bürgerlichen Autoerotiker. Hier steht der nackte Affe vor sich selbst.

Die Sache mit der Wurst

Doch auf eine subversive Weise ist die Schau auch eine Punktlandung in der ­Aktualität: Dass nämlich der Verzehr von Würsten und Wurstartigem böse, böse, böse ist, das weiss vielleicht die UNO-Gesundheitsorganisation WHO seit gestern. Tomi Ungerer weiss das seit immer. Er zeichnet, collagiert, amalgamiert die bösen, bösen, bösen Würste, seit er weiss, dass man sie nicht nur essen kann. Denn eine solche Ungerer-Wurst ist ja ­immer auch etwas anderes und sieht ­einem spezifischen Geschlechtsorgan zum Verwechseln ähnlich.

Im Kunsthaus hat er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion fliegende Foto-Würste wie Pinkelspuren über, zwischen und unter seine Werke verteilt. «Die Würste waren auf einmal einfach da», wundert sich noch heute die verantwortliche ­Kuratorin, Cathérine Hug. Überhaupt: Wie Zürich zu dieser Ausstellung kommt, gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen in dieser Sache. Geradeso gut kann man sich aber auch fragen: Wieso hat es so lange gedauert? Schliesslich ist die Stadt seit Daniel Keels erster Ungerer-Veröffentlichung von 1960 – «Der schönste Tag» – sozusagen Ungerers Rohrpost in die Welt. Ohne den Diogenes-Verlag gäbe es den Künstler nicht, oder nicht in dieser Form.

Es ist klar, dass auch Diogenes inkognito hinter «Incognito» steckt. Wer Philipp Keels Text über Ungerer im Katalog liest – einer pfundigen und pfundschweren Diogenes-Publikation –, wird in der Annahme bestätigt und erfährt sehr viel Persönliches.

Mit Ungerer aufgewachsen

Philipp Keel, als Sohn von Daniel Keel mit Tomi Ungerers Kinderbüchern aus dem Verlag aufgewachsen, erinnert sich zum ersten Mal bewusst an den flamboyanten Familienfreund, wie der seinem Vater um den Hals fällt und dazu ­etwas Ähnliches brüllt wie: «Salut, mon vieux, du Schafseggel!» Dem Vierjährigen schenkt er einen Werkzeugkasten, damit ein rechter Mann aus ihm werde – der erste Nagel für eine Lebensfreundschaft. Und offen gibt Keel zu: «Seit ich als Künstler, später auch als Verleger, denken kann, habe ich mir für Tomi ­Ungerer Ausstellungen in den besten Kunsthäusern der Welt gewünscht.»

Et voilà. Inkognito haben Diogenes, das Musée Ungerer in Strassburg, der Künstler persönlich und die Kuratorin nun also «Incognito» aus dem Hut gezaubert. Am Zauber beteiligt ist aber auch Tobia Bezzola, vormals Kurator am Heimplatz, heute Direktor des Folkwang-Museums in Essen, das die Ausstellung übernehmen wird: 168 Werke aus 60 Jahre Schaffen, drei Viertel davon zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen, Collagen, Zeichnungen und Plastiken.

So komplex der Künstlercharakter, so komplex das Werk. Es ist nur richtig, dass die Kuratorin Cathérine Hug, die in einer Nische auch einen Ungerer-Giftschrank für Bibliophile anbietet, die ­Besucher ­weniger thematisch als assoziativ durch Leben und Werk des Künstlers schickt. Überraschend sind die neueren Klein­skulpturen, dem surrealistischen Picasso verwandt, «Fundstücke» aus Steinen, Hölzern, Wurzeln, Knochen.

Gegen die Mitläufer

Verblüffend ist aber auch das plastische Werk, dessen Materialität sich in den Kippbildern wiederfindet, wie in der Serie «Waiting for Godot» (2009). Stimmig, wenn Hug den Finger auf Ungerers Engagement gegen das Mitläufertum legt. Sinnig, wenn seine Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Alter ebenso Platz findet. Ungerers universales künstlerisches Kamasutra schreckt vor keiner Umdeutung zurück. Erwarte man alles, nur keine Harmonie.

Erstellt: 30.10.2015, 01:39 Uhr

Tomi Ungerer, Incognito. Kunsthaus Zürich, bis 7. 2. 2016.

Katalog: Diogenes, Zürich 2015. 400 S., zahlreiche Abbildungen, ca. 59 Fr.

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