Im Warteraum zur Kunst

In fünf Jahren übergibt Hubert Looser seine Sammlung dem Neubau des Zürcher Kunsthauses. Die Zeit bis dahin ist aber nicht der einzige Grund für die Ungeduld des Privatiers.

Hubert Looser daheim, vor «Ohne Titel» (Donald Judd, 1970). Foto: Doris Fanconi

Hubert Looser daheim, vor «Ohne Titel» (Donald Judd, 1970). Foto: Doris Fanconi

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Hubert Looser ist ein Mann, den seine Vision vorwärtstreibt. Doch kann der 77-jährige Unternehmer und Sammler auch warten. So wie er auf fast jedes seiner Kunstwerke gewartet hat. Das Triptychon von Willem de Kooning etwa, das Herz seiner Sammlung, war für die Washingtoner National Gallery of Art reserviert. Looser wusste allerdings, dass er genau dieses Werk haben wollte.

Gemalt für die St. Peter’s Church an der Lexington Avenue in New York, ist das dreiteilige Bild nicht nur ein typischer de Kooning, es ist auf seine abstrakte Art auch ein religiöses Werk. Die drei Tafeln mit ineinandergreifenden Bändern von Rot, Gelb und Blau drücken die Essenz des Lebens aus, das ewige Spiel des Werdens und des Vergehens. Ein lebendiges Durcheinander fügt sich zu einer universellen Harmonie. Dem Kirchenrat war das Gemälde schliesslich doch zu unruhig, und der National Gallery ging im entscheidenden Augenblick das Geld aus. Looser war da und bekam den Zuschlag.

Die Bevölkerung begeistern

Derzeit ist Hubert Looser wieder am Warten – und wieder ist es eine harte Probe für seine Geduld. Die Chipperfield-Erweiterung des Zürcher Kunsthauses verzögert sich wegen der Einsprachen, statt wie geplant 2016 soll sie erst 2020 eröffnet werden. Seit drei Jahren weiss man, dass Looser mit den Spitzenwerken seiner Sammlung das Profil des Kunsthauses stärken wird. «Im Hinblick auf die neuen Räume und mit den Sammlungen, die neu dazukommen, erwartet man vom Kunsthaus schon jetzt ein Konzept und eine Strategie», sagt Looser auf der Terrasse seines Privathauses auf dem Zürichberg, wo die grandiose Skulptur «Arc in Quotes» von David Smith den Blick auf die Stadt rahmt.

Man hört es am Ton: Mit der Definition der Strategie geht es ihm nicht schnell genug. «In Zürich könnte zur ­Eröffnung des neuen Kunsthauses eine wahre Begeisterung, eine Volksbewegung für die Kunst herrschen», sagt der Sammler, und sein normalerweise nüchterner Gesichtsausdruck kippt kurz ins Schwärmerische. Er, der seine Jugendjahre in Basel verbracht hat, erinnert sich noch an die Picasso-Begeisterung in der Stadt, als zwei Bilder aus der Sammlung Staechelin angekauft werden sollten. Die Bürger sammelten Geld, organisierten Benefiz-Partys, stimmten einem millionenschweren Ankaufskredit zu.

Eine solche Identifikation mit der Kunst und dem stadteigenen Museum müsse doch auch an der Limmat das Ziel sein, sagt der Wahlzürcher: «Ein Museum soll nicht nur ein Ort für Kunstliebhaber sein, sondern auch ein Ort, wo Vergangenheit und Gegenwart zusammenkommen, ein Ort von Kultur und gelebter Demokratie.» Das Kunsthaus, die Bürger der Stadt und die in der Stadt wirkenden Sammler, Mäzene und Sponsoren müssten alle am gleichen Strick ziehen. Das sei noch nicht der Fall.

Sammlungslücken füllen

Seine eigene Sammeltätigkeit schloss Hubert Looser vor ein paar Jahren ab. Er hatte zwar mit dem sicheren Auge eines privaten Liebhabers gesammelt, doch nicht für sich allein. Seinen Willen, die Sammlung dem Kunsthaus als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen, tat er erst im April 2012 öffentlich kund. Doch ihm war schon lange vorher klar, was dem Haus dereinst fehlen würde. Die Vorstellung, die Lücken im Kunsthaus mit ausgesuchten Werken zu füllen und damit der Stadt zu einem kulturellen Höhenflug zu verhelfen, spornte Looser an.

Das Kunsthaus konnte die deutsche Kunst mit Ankäufen gut begleiten und besitzt heute schöne Gruppen von Werken von Georg Baselitz, Anselm Kiefer und Sigmar Polke. Bei den Amerikanern oder den sublimen Arte-povera-Italienern war der Zug aber irgendwann abgefahren. Anfänglich nicht erkannt, waren sie irgendwann schlicht zu teuer für das Ankaufsetat des Hauses. Wenige wussten, dass der Unternehmer Looser unterdessen Kataloge studierte, Galerien besuchte und Konzepte entwarf, um den internationalen Aufbruch der Kunst aus der Nachkriegszeit für immer nach Zürich zu holen.

Hubert Looser, das zweitjüngste Kind einer neunköpfigen Familie aus Sargans, übernahm 1964 die Familienfirma Heizsysteme Elco, 1973 kam die Bürotechnik-Firma Walter Rentsch dazu. Er baute beide zu Konzernen um und brachte sie an die Börse. 1992 zog er sich zurück, widmete sich nur noch der humanitären Tätigkeit und der Kunst. Seine Stiftung engagiert sich für Kinder in Not, für die Ausbildung von Jugendlichen und gegen Aids. Mit der gleichen Gründlichkeit, mit der er Hilfswerke gründete und unterstützte, ging Hubert Looser auch beim Kunstsammeln vor.

Noch fehlt die Strategie

«Wichtig war, zu wissen, was ich kaufen muss», sagt er heute, «aber auch, was ich eben nicht kaufen muss.» Unübersehbar ist der poetische, mystische Aspekt, der vielen seiner Werke innewohnt, vor allem denen des Amerikaners Cy Twombly oder des italienischen Naturmagiers Giuseppe Penone. Dessen raumfüllende Installation aus duftenden Lorbeerblättern («Respirare l’ombra» von 2005), die zurzeit im Untergeschoss des Privathauses schlummert, wirkt beinahe wie ein Andachtsort. Bis das Kunsthaus so weit ist und bereit, Loosers Werke aufzunehmen, gehen sie auf ­Reisen. Eine grosse, mehrteilige Skulptur von Tony Smith ist gerade im Garten der Fondation Beyeler zu sehen. Und das Museum Folkwang eröffnet im April 2016 eine Dialog-Schau mit Werken ­Loosers und eigenen Beständen.

Doch je öfter der Sammler mit anderen grossen Museen in Kontakt tritt, umso besorgter wird er im Hinblick auf seine Stadt. «Zürich verliert möglicherweise die Bedeutung als Banken- und Versicherungsplatz», sagt Looser. Aber: «Mit der Sammlung Bührle, der Giacometti-Stiftung und meinen Werken könnte das Kunsthaus die Geschichte bis ins 21. Jahrhundert schreiben.» Eine Sammlungs- und Ankaufsstrategie, welche die Identität des Hauses und damit auch der Stadt stärke, sei aber unabdingbar. Sie fehle noch. «Die Schärfung dieser Strategie erwarte ich von unserer Kooperation», sagt Looser. Und trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 18:03 Uhr

Kunst 15

Messe in Zürich

Seine Kunstvision für die Stadt Zürich stellt Hubert Looser am Sonntag, 1. 11., um 14 Uhr am TA-Podium an der Kunst 15 vor (Moderation: Ewa Hess). Dies im Rahmenprogramm der Messe, die morgen eröffnet wird und bis Sonntag dauert. Hier stellen rund 80 Galerien aus, sie vertreten meist zeitgenössische Kunstpositionen. Die Messe findet in der ABB-Halle 550 in Zürich-Oerlikon statt. (TA)

www.kunstzuerich.ch

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