In der Königsklasse

Die neue Ausstellung im Museum Rietberg lehrt uns, afrikanische Kunst mit anderen Augen zu sehen: Von wegen primitiv! Wir staunen über die Schönheit und Raffinesse der Bildnisse verehrter Monarchen.

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Kaiser Augustus, jener, von dem die Weihnachtsgeschichte erzählt, war ein römischer Heros, ein Held der Geschichte. Er liess überall in seinem Reich Statuen mit seinem idealisierten Konterfei aufstellen, auf dass man sie verehre und dabei dem Erringer der Pax Romana gedenke. Und seiner Allmacht, seiner Allgewalt, seinem Allwissen in Ewigkeit huldige. Diese Statuen und Büsten standen stellvertretend für den Herrscher und zeigten ihn als juvenilen Helden. Niemand würde nun sagen, das seien Fetische, diese Kultobjekte seien nicht Kunstwerke, oder sie würden eine anonyme Naturgewalt oder Dämonen darstellen, denen man in barbarischen Riten gehuldigt habe.

Aber das ist – verkürzt gesagt – der naive westliche Blick auf afrikanische Skulpturen. Zwar wurden sie von den Heroen der modernen Kunst zu Meisterwerken erklärt, wodurch sie immerhin Kunststatus erhielten. Was aber eigentlich dahintersteht, wird noch immer von gängigen Klischees verdeckt. Diese beginnen bereits damit, dass aus europäischer Sicht Afrika einfach Afrika sei. Die Ausstellung Helden Afrikas räumt mit solchem Nichtwissen nun gründlich auf. Nicht umsonst verspricht sie einen «neuen Blick auf die Kunst Afrikas» – ein Blick, bei dem sich der naive Kunstgenuss und die Scham über das eigene Unwissen sehr bald in gebannte Neugierde verwandeln.

Fehlen von schriftlichen Überlieferungen

So wie die Antike den Kultus der halbgöttlichen Heroen kannte (der sich in der christlichen Heiligenverehrung fortsetzte), so kannten die verschiedenen Kulturen in Afrika ihre eigenen Helden: die Ahnen, deren Allgewalt, Allmacht und Allwissen das Gedeihen der Gegenwart garantierten, die man verehrte, denen man opferte, die man in speziellen Hainen aufstellte.

So wie sich die Ideal-Büsten von Augustus und seiner Nachfolger identifizieren lassen, so lassen sich viele dieser Helden und Heldinnen anhand von bestimmten Merkmalen wie Insignien, Schmucknarben, Kronen oder Frisuren personalisieren. Selbstverständlich ist dabei das Fehlen einer schriftlichen Überlieferung ebenso ein Hindernis wie die kolonialistische Zerschlagung jahrhundertealter Traditionen und Erzählungen. Aber die Forschungsarbeit der US-Wissenschaftlerin Alisa LaGamma hat doch viel Licht in das Dunkel der Geschichte gebracht.

Grosserfolg in New York

Und so war die erste Station der Ausstellung (die man ohne zu übertreiben sensationell nennen darf) im Metropolitan Museum of Art in New York ein Grosserfolg. Die «New York Times» schrieb: «Wenn Sie denken, afrikanische Kunst sei nicht so Ihr Ding, dann gibt es jetzt eine Ausstellung, die Ihre Meinung ändern könnte. Sie ist so schön anzuschauen, wie es eine Ausstellung nur sein kann.» Richtig. Und eben nicht nur schön, weil die mehr als 100 Exponate von künstlerisch und ästhetisch hoher Qualität sind und im richtigen Licht ihre skulpturalen Qualitäten voll entfalten, sondern auch aufschlussreich: ein Erkenntnisgewinn. Etwa so, als ob man zum ersten Mal Skulpturen aus der Gotik oder Renaissance «richtig» und im kulturellen Kontext betrachten würde.

Genau aus dieser Zeit stammen die ältesten Exponate, die uns auf eine Reise nach Benin führen, zu den Yoruba in Ife, in die Akan-Region in Ghana, mit einer grandiosen Figurengruppe in den Kongo und weiter nach Kamerun, Sambia und schliesslich auch Nord-Angola.

Fixe Vorstellungen über den Haufen geworfen

Es sind ganz verschiedene Kulturen, die jeweils ihre eigenen künstlerischen Ausdrucksformen entwickelten und überlieferten. Gemeinsam ist ihnen: Sie feierten ihre Staatsgründer oder deren Mütter, sie verehrten mythische Könige (wie die Römer den Aeneas aus Troja). Das ist also nicht einfach «Stammeskunst», die die Kolonialherren verboten und verschleppten, das ist symbolische Kunst, die ein komplexes historisches und gesellschaftliches Geflecht verkörpert. Und es sind Skulpturen dabei, die frappieren und – nochmals – fixe Vorstellungen über den Haufen werfen. Etwa jene, dass afrikanische Kunst immer vereinfache und sich nicht entwickelt habe. Oder jene, dass nur die hohe Kunst Europas naturalistische Porträts habe hervorbringen können.

Ein Blick auf die Fürsten- und Fürstinnenporträts der Yoruba belehrt uns eines Besseren: Wie fein sind die Proportionen der Terrakottabüsten, wie ausdrucksstark die Augen, wie ebenmässig die Gesichtszüge, wie anatomisch korrekt die Ohrmuscheln! Freilich sind auch das keine eigentlichen Porträts, sondern Idealköpfe, die die Präsenz der Verstorbenen garantieren sollten. Ein anderes Vorurteil: diese wiederholte Nacktheit, die Gedrungenheit der Figuren. Die wegen des geopferten Palmöls schwarz glänzenden Holzskulpturen der Hemba im Kongo sind zwar auf das Wichtigste reduziert, die Beine sind kurz. Aber entscheidender waren den Künstlern – und den Herrschern – Gestik und Mimik, der Bauch mit dem Nabel. So zeigen die Gesichtszüge grosse Nachdenklichkeit, vielleicht auch Weisheit, der Blick ist nach innen gerichtet. Und apropos Nacktheit: Der prägnant ausgebildete Phallus war von Tüchern und Fellen verdeckt, von denen sich aber nur bei einigen wenigen Exponaten die Reste erhalten haben.

Fotos lösen die Skulpturen ab

Es gibt sie heute noch, diese Könige, die Tradition wird weitergeführt. Die Könige sind immer noch die Verbindung zu den Ahnen, sie vermitteln und sie schlichten. Die Tradition der Skulptur aber hat sich in diesem Zusammenhang nach 1900 verloren. Bald erkannten nämlich die Könige, dass die Fotografie durchaus einen reellen Ersatz bieten kann. Zahlreiche Fotos, auf denen sich die jeweiligen Könige in bestimmten rituellen Posen inszenieren, runden denn die Ausstellung auch ab – gemeinsam mit einem Film, der im Jahr 2009 das 50-Jahr-Thronjubiläum eines Königs dokumentierte.

Und um den Kreis zu schliessen: Augustus, dieser europäische Fetisch, hat es übrigens auch nach Afrika geschafft – bis vor zehn Jahren fand sich im Nationalmuseum von Accra in der hintersten Ecke ein Gipsabguss des römischen Imperators.


«Helden Afrikas»: Museum Rietberg Zürich, bis 3. Juni. www.rietberg.ch

Morgen Sonntag, 12 Uhr, «Sternstunde Kunst» auf SF 1: «Masken, Fetische und andere Obsessionen – auf den Spuren traditioneller afrikanischer Kunst». Ein Film von Lekha Sarkar.

Erstellt: 26.02.2012, 12:01 Uhr

Gedenkthron für König Nkwain, Kamerun. (Bild: Museum der Weltkulturen, Frankfurt)

Der Leoparden-Häuptling Chibwabwa Ilunga, Kongo. (Bild: Collection RMCA Tervuren)

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