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Intime Fotografien aus dem Untergrund

Er lichtete Punks, Stricher, Drags und sich selber ab. Das Fotomuseum Winterthur zeigt Bilder des exzentrischen amerikanischen Fotografen Mark Morrisroe.

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Ein blasser Junge mit Pickeln im Gesicht tritt aus einer schäbigen Dusche. Am oberen Bildrand steht in krakeliger Handschrift: «To Brent, selfportrait taken to answer Sex Add». Es ist das Geschenk eines Strichers an einen Freier – und eines von vier bildstarken Porträts, die den Auftakt zur monografischen Schau von Mark Morrisroe im Fotomuseum Winterthur bilden. Zu dieser Aufnahme gesellt sich die Fotografie eines jungen, gut gebauten Mannes vor nachtblauem Hintergrund. Er sitzt splitternackt in der Hocke. Der rechte Arm ist eingegipst. Das einfallende Licht fällt auf neugierige, wache Augen. Auf dem Bild rechts davon posiert ein Transvestitenpaar vor einem Spiegel. Einer hält die Kamera, der andere drückt ab. Sie lachen. Und auf dem letzten Bild der Vierergruppe blickt ein abgetakelter Drag mit weiss bepudertem Gesicht über die Schulter in die Kamera.

Die vier Selbstporträts, welche die Kuratoren Beatrix Ruf und Thomas Seelig an den Anfang ihrer Schau stellen, bringen das Umfeld des amerikanischen Fotografen Mark Morrisroe gleich auf den Punkt: Freundschaft, Travestie, Männersex und Prostitution. Man zählt die frühen Achtzigerjahre. In den einschlägigen Klubs herrscht Hochbetrieb. Es blüht die Undergroundkultur.

Wer aber ist der Fotokünstler, der sich hinter Selbstinszenierung und Maskerade verbirgt?

Stricher und Kunststudent

Mark Morrisroe wurde 1959 in Malden, einem Vorort von Boston, geboren. Seine Mutter war depressiv und alkoholabhängig. Dass der Vater der berüchtigte Serienkiller «Würger von Boston» gewesen sein soll, gehört ins Reich der Legenden, die Morrisroe gerne und oft selbst in Umlauf brachte. Fakt ist, dass der Junge als 16-jähriger Teenager von zu Hause auszog, sich als Stricher eine eigene Wohnung finanzierte und dank eines Stipendiums die renommierte School of the Museum of Fine Arts in Boston besuchte.

Bereits während der Ausbildungszeit präsentierte der ambitionierte Kunststudent seine erste Einzelausstellung. Sie ist nun auch als Teil der im Zusammenhang mit der Sammlung Ringier entstandenen monografischen Ausstellung im Fotomuseum zu sehen: Technisch perfekt hergestellte Silbergelatineabzüge zeigen unter anderem einen männlichen Akt mit High Heels, die berühmte Fotografin Nan Goldin im schwarzen Büstenhalter oder die Jugendfreundin Lynelle White mit Unschuldsblick und schwarzem Pony. Wie ein kafkaeskes Memento wirkt in all der Schönheit eine Ratte, die auf dem Rücken liegt und alle viere von sich streckt. Alter Ego des Jungen aus der Gosse?

Morrisroe verkehrte früh im Kreis der sogenannten Boston Group, einer losen Künstlerclique, der neben Goldin auch der Geliebte und Künstler Jack alias Jonathan Pierson oder der Porträtfotograf David Armstrong angehörten. Die junge Fotografengeneration setzte sich zum Ziel, nach dem Vorbild des Fotopioniers Larry Clark («Tulsa») ihren von Sex und Drogen geprägten Alltag zu dokumentieren – radikal subjektiv.

Tüftler in der Dunkelkammer

Auch Morrisroe fotografierte alles, was ihn unmittelbar umgab: Lover, Kollegen, Freundinnen, Punks und immer wieder sich selbst. Der Exzentriker aus Malden war nicht nur ein begabter Fotograf, sondern auch ein vielseitiger Tüftler im Labor. Das beweist die imposante Bildergalerie aus der Zeit der Bostoner Boheme. Schwüle Décadence umfängt einen im grossen Ausstellungssaal, als ob man sich in einer Schau des frühen 20. Jahrhunderts befände. Brauntonig und grobkörnig reihen sich weich gezeichnete Kunstfotografien im Stil der Piktorialisten aneinander. Die von Morrisroe als «Sandwich-Prints» bezeichnete Werkgruppe verdankt den malerischen Touch nicht nur der Retusche, sondern einem ausgeklügelten System von übereinandergeschichteten Negativen. Herzergreifend und nostalgisch präsentieren sich etwa die spätere Galeristin Pat Hearn mit dem Akkordeon oder ein verführerischer Unbekannter in James-Dean-Pose. Spuren zerkratzter Negative, bewusst gesetzte Retuscheproben und handschriftliche Signaturen auf den Bildrändern verweisen auf das Handwerk des Fotografen. Sie schaffen emotionale Distanz und befreien die Bilder vom Verdacht des homoerotischen Kitsches.

Eifrig und besessen nutzte der Künstler die Polaroidkamera. Rund 130 von 800 im Nachlass deponierten Sofortbildern bestücken einen Bilderfries, der sich wie eine Bestandesaufnahme des menschlichen Körpers ausnimmt. Männertorsi, Frauenakte, die Büste einer Jugendfreundin mit Schaum im Haar, ein Transvestit unter der Föhnhaube – ein wunderbares Polaroid auch in der Vergrösserung – und im Mittelpunkt immer wieder der Selbstinszenierer: lasziv, unverblümt entblösst, von rührender Erbärmlichkeit.

Der Schock: HIV-positiv

Nach Morrisroes Wohnortswechsel an die Ostküste erfolgt 1986 der Schock. Die Diagnose lautet HIV-positiv. Je stärker die Krankheit überhandnimmt, desto mehr reduziert sich die Kunst des Fotografen aufs Abstrakte.

Röntgenbilder von Lungen und Schädeln werden zu kolorierten Fotogrammen. Trotz schriller Farben lassen sie die impulsive Kraft der Werke aus der Bostoner Zeit vermissen. Mark Morrisroe starb 1989 im Alter von 30 Jahren in New York an Aids. Letzte Selbstaufnahmen zeigen den Künstler todkrank und abgemagert auf einer Matratze. Von Inszenierung keine Spur.

Bis 13. Februar. Katalog ca. 69 Fr.

Erstellt: 29.11.2010, 08:09 Uhr

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