«Jeder Mensch ist Gott»

Er war Profi-Pokerspieler, Konzeptkünstler, Popstar. In Berlin ist Dieter Meier nun eine Ausstellung gewidmet, in Zürich zeigt er den Film «Lightmaker». Ein Gespräch mit dem grossen Schweizer Tausendsassa.

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Sie haben ihre Laufbahn als Konzeptkünstler begonnen, hörten damit aber nach einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich wieder auf. Es heisst, sie hätten keine Lust mehr gehabt. Weshalb?
Im Kunstbereich ist man abhängig von einer sehr engen Nahrungskette und man wird ein Teil davon. Ich habe das durchaus versucht, aber dieses soziale Umfeld und seine diffusen Qualitätskriterien, an denen man gemessen wird, das lag mir ganz einfach nicht. In der Musikindustrie ist das anders, wenn du ein grösseres Publikum erreichst, dass fünfzehn Franken für deine CD bezahlt, bist du völlig unabhängig. Das ist viel demokratischer als in der Kunstwelt, wo die Entscheidungskriterien über Erfolg oder Nicht-Erfolg mit fortschreitender Postmoderne immer irrationaler werden. Deshalb ist heute das soziale Talent eines Künstlers, seine Kunst zu erklären und sich zu promoten oft wichtiger als das Werk. Damien Hirst ist darin ein Weltmeister, sein Diamantenkopf ist der perfekte Promotion-Stunt.

Wie kommt der Bankierssohn vom Zürichberg dazu, Künstler zu werden? ?
Ich habe Jura studiert und verschiedene sogenannt bürgerliche Berufe ausprobiert aber das alles hat mich nicht wirklich interessiert und so wurde ich aus einer Art Verzweiflung, nicht zu wissen, was mit mir anzufangen, ein professioneller Pokerspieler. Das machte ich vier Jahre lang. Ein Pokerspieler ist wie ein Boxer. Hinter den Seilen des Rings gibt es keine Welt und alle Fragen nach dem Sinn deiner kleinen, unwichtigen Existenz sind ausgeblendet. Süchtig nimmst du alle paar Minuten wie ein Schicksal neue Karten auf und versuchst dich in dieser künstlichen Welt durchzuschlagen. Erst als ich zufällig die 16-Millimeter-Filmkamera meines Onkels entdeckte, hatte ich einen feinen Faden in der Hand, der mich allmählich von der Spielsucht befreite. Meine ersten so genannten Experimentalfilme, die dann später zu den Videos von Yello führten, machte ich nicht, weil ich mich dazu berufen fühlte, sondern weil ich beim Filmen nicht unmittelbar mit dem Zweifel und dem Ungenügen des Tuns konfrontiert war. Du siehst ja erst nach ein paar Tagen, wenn der Film aus dem Labor kommt, was du im dunklen Kasten alles belichtet hast.

Man liest, immer wieder, dass Ihnen alles irgendwie zugefallen ist – beispielsweise sagen Sie, sie wüssten bis heute nicht, wie das Kunsthaus 1967 darauf gekommen ist, eine Einzelausstellung zu geben. Ist das möglich? ?
Ich wohnte damals in einem Abbruchhaus in Zollikon. Eines Tages rief mich der damalige Vizedirektor Felix Baumann an und bot mir aus dem Nichts eine Einzelausstellung an und ich hatte ja auch nichts zu zeigen. Ich fragte, was er sich denn vorstelle. Und er sagte: es wird Ihnen schon etwas einfallen. Immer wieder habe ich das Glück, dass Leute auf mich zukommen. Zum Beispiel meldete sich letzthin ein Verleger bei mir und sagte: «Ich habe gehört, du hast einen Roman in der Schublade. Ich will mit dir dein nächstes Buch machen.» Ich erwiderte: «Das freut mich, aber diesen Roman gibt es noch gar nicht.» Nur dank dieser Ermunterung und des Zuspruchs bringe ich den Roman "Die Maske des Erzählers" vielleicht doch noch zu Stande.

Hatten Sie je Misserfolg? ?
Durchaus. Es gibt diesen Film, an dem ich schon fast zwanzig Jahre arbeite. Viele Leute hatten in das Projekt investiert, ich kämpfte lange, hatte Pech mit einem Negativ, ich musste gegen ein Labor prozessieren, die Postproduktion, die ich in Los Angeles machte, entglitt mir völlig. Durchaus. Als ich die erste Version meines Spielfilms "Lightmaker", der an die Berlinale eingeladen war, im Zoopalast mit Publikum sah, wusste ich, das ist nicht mein Film. Seither habe ich den Film völlig neu aufgebaut und er wird diesen Sommer auch in der Schweiz in Studiokinos als Director's Cut gezeigt. Über die vielen anderen Rohrkrepierer, die mir in den letzten vierzig Jahren um die Ohren geflogen sind, gebe ich gerne später nach Wunsch detailliert Auskunft.

Wie gehen Sie mit der Kränkung des Scheiterns um? ?
Es gibt ein Scheitern vor sich selbst und ein Scheitern vor der Welt. Beide sehe ich nicht als Kränkung, sondern als wichtigen Teil der Erfahrung. Tatsächlich hat es mich als jungen Seiltänzer gekränkt, wenn behauptet wurde, ich hätte mir die „documenta“, die Verträge mit Polygram und Universal etc. mit dem Geld meines Vaters gekauft. Der Höhepunkt war, als ein Journalist der «Luzerner Zeitung» mich fragte, wer denn meine Essays und Zeitungsartikel für mich schreiben würde. Ich sagte dem Mann, ich hätte zwei bananensüchtige Intellektuelle im Keller und immer wenn ich einen guten Text bräuchte, würde ich Bananen in das Verliess werfen.

Sie schrieben mal: «Ein Künstler ist jeder, der mit seiner Betätigung beabsichtigt, Kunst zu schaffen und das in dieser Absicht Hervorgebrachte ist in jedem Fall Kunst.» Ist Künstler der dilettantischste Beruf der Welt?
Um sich zu erfinden, muss man neue Wege gehen, auf denen jeder immer auch ein Dilettant ist. Im Gegensatz zum Philosophen analysiert der Künstler die Welt nicht, sondern er schafft eine neue, die just deshalb vom Publikum als dilettantisch empfunden wird, weil sie unbekannt ist. Künstlerisches Arbeiten ist immer das Finden und Erfinden seiner selbst. Im Sinne der wunderbaren Aufforderung des Wanderpredigers Jesus von Nazareth: „Werdet wie die Kinder“. Dieser Satz ist im Grunde sehr anarchistisch, er bedeutet, die göttliche Absicht in sich zu finden und von den Verschüttungen dieser Welt freizulegen. Sokrates wurde zum Tode verurteilt wegen Verführung der Jugend, weil er mit seinen endlosen Fragen versuchte, die Leute vom Müll der Clichées und der abgegriffenen Denkfiguren, auch der Religionen, zu befreien.

Oder wie dieser paradoxe Satz von Nietzsche: «Wie man wird, was man ist. » Wenn Sie sich selber betrachten: was sind Sie denn?
Der Satz bedeutet, dass man werden soll, wie man eigentlich ist. Und das muss man täglich aufs Neue herausfinden, sei das beim Gespräch mit dem Taxichauffeur, oder dem Interview mit Ihnen, das mich jetzt gerade beschäftigt. Schon als Kind war ich ein so hartnäckiger „Hinterfrager“, dass ich aus dem Religionsunterricht entfernt wurde. Ich wollte mir alles erklären, alles erfahren. Wie eine Fledermaus, die ihren Ultraschall aussendet und so ihre Welt abbildet.

Ihnen ist vieles zugefallen, sagen Sie. Glauben Sie an das Schicksal?
Total. Je länger desto mehr halte ich die rationale Fähigkeit einzugreifen für eine Illusion. Bei all meinen Projekten hatte ich nie das Gefühl, ich hätte das jetzt alles gemacht. Vielmehr staune ich, was bei der glücklichen Konstellation von Umständen, Befindlichkeiten usw. entstehen kann. Mich erinnert das immer an Pilze. Sie entstehen aus einem Rhizom, einem weit verzweigten Flechtwerk unter dem Boden. Jahrelang ist weit und breit kein Pilz zu sehen. Erst in einem Pilzjahr, wenn Temperatur, Feuchtigkeit und vieles andere stimmt, bildet sich wie ein Wunder in kurzer Zeit ein Pilz. Vielleicht ist das meine Methode: Ich halte mich allenfalls bereit für die richtigen Umstände und lasse mich überraschen. Nie bilde ich mir ein, dass ich es war, der etwas hervorgebracht hat, vielmehr geschah es mir.

Es gibt also ein Schicksal, aber keinen freien Willen – was hält denn das Ganze zusammen, wenn es, wie Sie sagen, keinen Gott gibt?
Es gibt nicht einen einzigen Gott, jeder Mensch ist ein Gott. Ich bin kein geschulter Buddhist, aber die Idee, dass jeder Mensch Buddha ist, gefällt mir. Die Geburtsstunde des Menschen ist nicht, als er lernte Werkzeuge zu gebrauchen– das machen Affen ja auch. Der Homo wurde zum Homo sapiens, als ihn, aus dem Paradies vertrieben, die Fähigkeit der Erkenntnis zum Gott machte, der gesegnet und gestraft ist, sich seinen Sinn zu geben.

Kennen Sie auch die Verzweiflung des Künstlers?
Ja natürlich. Wenn man jahrelang als Rhizom vor sich hindämmert und sich an die schönen Pilze erinnert, die einem früher entstanden sind, wird man schon oft ungeduldig, verzweifelt und traurig . Aus dieser Trauer saufen viele Artisten zu viel und nehmen anderen Unsinn zu sich, der künstlich sozusagen die Umstände schaffen soll, in denen der Pilz entsteht.

Sie sind Künstler, Musiker, Autor, Filmer, Pokerspieler, Golfer, Unternehmer – in welchem Feld fühlen Sie sich schöpferisch zu Hause?
In der Einsamkeit des Schreibens, wo ich ohne Wenn und Aber immer wieder konfrontiert bin mit der Fratze des Zweifels und des Ungenügens. Es gibt ein Zitat des Velorennfahrers Beat Breu: «In der Ebene geht es um Taktik, Windschatten und starke Wasserträger, aber den Berg hinauffahren muss jeder selber.» Das Schreiben ist für mich die Alpenetappe des Giro d’Italia. Aus all den Verzweiflungen und Verwerfungen des Schreibens bin ich geradezu süchtig, Spielfilme zu machen: Wenn man einen Film vom Stapel gerissen hat, dann ist das das Ende des Zweifels. Es ist, als segle man mit einer Truppe von zwanzig Leuten von South Hampton nach NY. Ist man einmal auf offenen Meer, kann man sich nicht dauernd fragen: darf, will oder kann ich das? Der Wind bläst und man muss segeln. Das ist ein grosses Glück und ein reines Vergnügen.

Erstellt: 07.05.2010, 11:16 Uhr

Ausstellung und Film

Dieter Meier, «En Passant - Werke von 1969 - 2010». Bis 24. Juli 2010, Berlin, Grieder Contemporary Projects.

Montag, 10. Mai 2010, 22 h
Nachtlesung in der Bärengasse
Dieter Meier & Roman Bucheli (NZZ) präsentieren
Jürg Halter

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