Karaoke für Schwätzer und Ketzer

Nicht wer mehr weiss, sondern wer besser fabuliert und improvisiert, punktet beim Publikum. Das sind die Regeln beim Powerpoint-Karaoke im Berner Ono.

Referieren über eigentlich Unbekanntes: Der Thuner Poetry-Slammer Remo Rickenbacher.

Referieren über eigentlich Unbekanntes: Der Thuner Poetry-Slammer Remo Rickenbacher. Bild: Walter Pfäffli

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Wenn Spezialisten – insbesondere akademischer Natur – über ihr Fachgebiet einen Vortrag halten, verstehen nicht Eingeweihte oft nur Bahnhof. Da wird etwa über «Glutamat und Neurotoxizität» oder für ein internationales Publikum über «Weather Type Dependant Fuzzy Verification» schwadroniert.

Stellen Sie sich vor, Sie erhielten die mit für Sie unverständlichen Grafiken und Schemen versehenen Folien einer solchen Powerpoint-Präsentation und müssten danach den Vortrag anstelle des Referenten – etwa des Herrn Dr. Dr. Lutz Mülleimer – halten. Genau so erging es jenen, die sich im Ono am Folientango freiwillig meldeten, um sogenanntes Powerpoint-Karaoke zu praktizieren.

Abstruse Theorien

Nicht derjenige, der sich besser in seiner ihm unbekannten Materie orientieren kann, sondern derjenige, der besser fabuliert und spricht, punktet dabei beim Publikum. Moderator und Organisator des Folientangos, Mike Bucher, führte in die Regeln der noch jungen Disziplin, die ihren Ursprung in Berlin hat, ein: fünf Tanzschritte – von «Mut fassen», «ans Mikrofon treten» bis zur eigentlichen «Präsentation» – gelte es zu beherrschen.

Doch wo bleiben die Rampensäue? Freiwillig wollte zuerst niemand ans Mikrofon treten. Mike Bucher hatte zum Glück einen Eisbrecher dabei. Pascal Müller, ein Freund des Moderators, trat schliesslich auf und erzählte Abstruses über sogenanntes Fumarat, das man auch in Zigaretten vorfände, sowie über Aminobuttersäure, die sich aufs Brot streichen liesse.

Schwedische Frikadellen

Nach dieser mit Wohlwollen aufgenommenen Aufwärmrunde war der Wunsch bei manchem Zuhörer gewachsen, sich selbst zu betätigen. Der Thuner Poetry-Slammer Remo Rickenbacher wagte sich an die Präsentation «Optimalitätstheorie am Phonologie-Morphologie-Syntax-Interface der slawischen Sprachen» und liess sich dabei bewusst ketzerisch auf dünne Äste hinaus. «Wir haben ein Hirn. Die Slawen ein Gen», schloss er aus einem diffusen Diagramm. «Frikadelle» sei ein Kosewort in Schweden, und in Bulgarien spräche man in Sätzen lang wie Perlenketten. Wenn der Schwätzer gar nicht mehr weiterwusste, beschuldigte er seine fiktive Sekretärin, Frau Grader, die so blöd gewesen sei, ihm eine nicht dazugehörende Folie in seine Präsentation eingestreut zu haben. Nonchalant konnte er so ganze ihm unbegreifliche Teile überspringen.

Universum, Mann und Frau

Der Biologe Simon dalla Torre schnappte sich im Anschluss eine Präsentation, die ihm wohl nicht ganz fremd war. Er sprach über Attraktivität und deren Vorteile. Sein Fazit: Geht unters Messer, wenn ihr hässlich seid, denn dass es auf die inneren Werte ankomme, sei natürlich Humbug. Tröstend wandte er sich am Ende an seine Geschlechtsgenossen: Die Männer, die seien auch mit krummer Nase und schrägen Zähnen in Ordnung.

Ebenfalls über Männer und Frauen und die gegenseitige Anziehung zwischen den beiden Polen schwadronierte Olivier Eicher, der sich das Thema «schwarze Materie» ausgesucht hatte. Dankbar nahm er den Fachbegriff «Macho» auf und flachste statt über das flache Universum über die schwarze Leere im Hirn des allzu männlichen Mannes – sowie über sogenannte «Wimps», was so viel wie «Loser» bedeute.

Je später der Abend, desto exotischer ging es zu und her. Denn beim Powerpoint-Karaoke für Fortgeschrittene kann es durchaus auch vorkommen, dass man in einer Sprache referieren muss, die man überhaupt nicht beherrscht. Bahn frei für noch mehr Nonsens.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2012, 13:42 Uhr

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