Kleine Fehler im System

Vera Molnar (91), Pionierin der Computerkunst, ist im Haus Konstruktiv zu sehen – flankiert von einer sensationellen Gruppenschau.

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Der beste Moment des täglichen Spaziergangs war jeweils der, wenn sie mit ­ihrem «Fräulein» über die Margaretenbrücke von Pest nach Buda hinüberschlenderte. Damals war Vera Molnar zehn; das ist immerhin über 80 Jahre her. Trotzdem erinnert sie sich genau, wie sie es liebte, zwischen den Holzstreben des Brückenbodens hindurch auf die rauschende Donau zu schauen: ­unten das flirrende Blaugrün, oben das Graubraun der Holzlatten; unten die Wirbel des Flusswassers, oben, perfekt ausgerichtet, die Brückenarchitektur.

Damit hat man, wenn man so will, den Kern des molnarschen Œuvres auch schon herausgeschält: das Zusammenspiel von Ordnung und Chaos, von strenger Geometrie und lustvollem Formenwirrwarr. «(Un)Ordnung/(Dés)Ordre» heisst sinnigerweise die Retrospektive der ungarisch-französischen Künstlerin im Museum Haus Konstruktiv. Und auch wenn die 91-Jährige sich die Anreise aus Paris an die Vernissage nicht mehr zumuten mochte, so wirkt sie im Video­interview doch verblüffend vital: Sicher, gurrt Molnar mit sonorer Stimme, sie habe Kunstgeschichte studiert, statt an die Kunsthochschule zu gehen. Aber nur, um es dem Papa recht zu machen: Der hatte keine Malerin zur Tochter haben wollen. Eine Kunstlehrerin aber, das ging gerade noch.

Früh hatte Vera Molnar gelernt, sich für das einzusetzen, was sie wirklich wollte. Und das waren stets nur vier Dinge: nie heiraten, keine Kinder bekommen, in Paris leben und malen. Geheiratet hat sie dann doch – «und es hat mir sehr gut gefallen, alle 47 Jahre». Bei den anderen drei Punkten blieb sie aber stur. Als man sie nach der Uni nach Rom schickte, um ihr Wissen über die Renaissance zu vertiefen, kaufte sie sich umgehend ein Einwegticket nach Paris. Am 10. November 1947 fuhr ihr Zug in die Gare de Lyon ein, und noch vor Weihnachten hatte sie die Kathedrale von Notre-Dame skizziert.

Überraschung aus dem Plotter

Etwas wackelig muten sie zwar an, die Zeichnungen der berühmten Kirchenfassade. Doch Molnars Markenzeichen – die Reduktion auf Horizontale, Vertikale und Kreis – ist schon da. Mehr brauchte sie nicht, um ihr Motiv festzuhalten. Mehr war auch nicht nötig, um in den Cafés am Boulevard du Montparnasse mit den Kreativen ins Gespräch zu kommen. Und erst recht nicht, um 1960 die Grav (Groupe de Recherche d’Art Visuel) mitzubegründen, wo man die Kunst von aller Romantik loseisen und stattdessen hin zur Wissenschaft bewegen wollte. Im Umfeld der Grav hatte Molnar von den Rechenmaschinen gehört, die man an der Sorbonne entwickelte. Und nachdem sie ein paar Jahre lang mit selbst ausgetüftelten Algorithmen herumexperimentiert (und dafür eine Einladung an Max Bills legendäre «Konkrete Kunst»-Ausstellung im Zürcher Helmhaus erhalten) hatte, klopfte sie 1968 beim universitären Recherchezentrum an und erklärte, mit Computern Kunst produzieren zu wollen. Man hielt sie zwar für etwas verrückt, liess sie aber machen. Und so lernte sie die Programmiersprache Fortran und wie man mit Lochkarten umgeht – denn über Bildschirme verfügten die Rechner damals noch nicht –; und was der Plotter dann ausspuckte, war stets eine kleine Überraschung, aber eben immer auch: Kunst. Die erste computerunterstützte Kunst überhaupt.

Trotzdem: Schreitet man die Werke entlang, die Evelyne Bucher und Sabine Schaschl im obersten Stock des Hauses eingerichtet haben, lässt sich nicht leugnen, dass sie für heutige Augen eine etwas spröde Angelegenheit darstellen, Pionierleistung hin oder her. Quadrate, Kreise, Linien zuhauf; mal in Farbe, mal schwarzweiss. Man hätte sich daran wohl rasch sattgesehen, wenn Vera Molnar keine visuellen «Stolpersteine» eingebaut hätte. Der maschinellen Unfehlbarkeit selbst überdrüssig, fing sie irgendwann an, kleine Fehler in die Systeme zu programmieren (und die Titel der so entstandenen Werke, nicht ohne Humor, mit dem Zusatz «1% de désordre» zu ergänzen).

Das Chaos dahinter

Dies schlägt sich in den Bildern als minimale Unstimmigkeiten nieder. Hier zwei leicht übereinandergeschobene Formen, da eine Linie, die aus der Reihe tanzt – und tatsächlich: Die Regelmässigkeit wird erst dort interessant, wo sie gebrochen wird; der Reiz des Aufgeräumten dann am besten spürbar, wenn man eine Ahnung von dem latenten Chaos dahinter bekommt. Ganz so, wie der Anblick des Budapester Brückenbodens erst dadurch reizvoll wurde, dass man durch die Ritzen die Donau hatte fliessen sehen. Im Video im Haus Konstruktiv zitiert Molnar denn auch vergnügt ein Gedicht von Christian Morgenstern, das mit den Zeilen beginnt: «Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum hindurchzuschaun» (siehe Seite 23).

Indes: Es braucht einiges an Übung, dieses Hindurchschauen. Mit anderen Worten: Aus der Technik Sinnliches hervorzukitzeln, ist kein Kinderspiel. Wie viel es da freilich nach wie vor hervorzukitzeln gibt, ist in den drei Stockwerken unter der Molnar-Retrospektive zu entdecken. «Quantum of Disorder» heisst die parallel zu Molnar laufende Gruppenschau, für die man Arbeiten einer jüngeren Generation zusammentrug, die auf den Pfaden Molnars wandelt und eine technisch angereicherte Bildsprache pflegt.

Das Resultat ist kurioserweise etwas vom Mitreissendsten, was man in diesem Haus je gesehen hat. Angefangen in der Eingangshalle, wo die rund zehn Meter lange, vier Meter hohe Maschine des Berliners Pe Lang eine senkrechte Seidenpapierlandschaft in permanenter ­raschelnder Bewegung hält. Man steht beglückt vor diesem vibrierenden, an das Organ eines riesigen Tieres erinnernden Etwas – und ahnt nicht, dass es im nächsten, von Peter Kogler mithilfe von Beamern «tapezierten» Saal sogar noch besser kommt: Regelrecht vom Kunstwerk verschluckt, steht man da und staunt Bauklötze. Und fragt sich, ob all dies wohl möglich gewesen wäre, wenn vor einem halben Jahrhundert nicht eine kinderlose Malerin mit einer Vision an der Sorbonne aufgekreuzt wäre. Vermutlich nicht. Danke, Vera!

Bis 10. Mai.

Erstellt: 05.02.2015, 18:52 Uhr

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