Königlicher Kitsch

Die britische Presse schmäht die Künstlerin Nicole Leidenfrost.

Mediatorin, Auftragskünstlerin und Galeristin: Nicole Leidenfrost. Foto: Keystone

Mediatorin, Auftragskünstlerin und Galeristin: Nicole Leidenfrost. Foto: Keystone

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Künstler brauchen ein dickes Fell. Wer Inspiration und Handwerk in einem kreativen Akt vereinigt und sein Werk dann trotz der eigenen Verletzlichkeit einer latent feindseligen Welt präsentiert, der braucht sogar ein sehr dickes Fell. So dick wie der zottelige Pelz des Shetlandponys, das vergangene Woche in England für Häme sorgte. Wobei die Briten es nicht auf das Pony selbst, sondern auf ein Gemälde desselben mit dem Titel «Pferd in Royalblau» abgesehen hatten.

Gemalt hat es Nicole Leidenfrost, die in Wedel bei Hamburg als Mediatorin, Auftragskünstlerin und Galeristin lebt. Im Frühling dieses Jahres bewarb sich die 41-Jährige mit dem Bild um die Ehre, das Gastgeschenk für den anstehenden Besuch der Queen stellen zu dürfen. Sie wurde ausgewählt, angeblich weil die Queen gern Pferde mag, und so überreichte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck das Bild vergangene Woche in Berlin als offizielles Willkommens­geschenk. Doch diese Ehre erwies sich als zweischneidig.

Die Queen als kleines Mädchen, wie sie vom Rücken ihres Shetlandponys Peggy herunterstrahlt.

Vorlage war ein Foto von 1930, darauf zu sehen ist die Queen als kleines Mädchen, wie sie vom Rücken ihres Shetlandponys Peggy herunterstrahlt – ein Geschenk zu ihrem vierten Geburtstag. Ihr Vater George V ist ebenfalls auf dem Bild, er hält die Zügel des Kleinpferds in der Hand. Leidenfrost machte daraus ein neoexpressionistisch anmutendes Gemälde mit einem Pony in Königsblau, einer Queen in Pink und einem in Gelbtönen gehaltenen George V. Bei der Übergabe des Bildes zierte kein Strahlen, sondern ein irritiertes Lächeln das Antlitz der Queen. «Seltsame Farbe», sagte sie, mit ihrem weiss behandschuhten Finger auf das Bild deutend. «Und das soll mein Vater sein?» Gauch bejahte und schmetterte zur Überbrückung des peinlichen Moments ein donnerndes Lachen in die Runde. Dann rettete er sich pragmatisch aus der Situation: «Wenn Sie es nicht mögen», sagte er zur Queen und deutete auf den Gabentisch, «dann hat es hier auch Marzipan.»

Das Urteil der britischen Presse war harsch. Das Bild sei «grotesker Kitsch», befand etwa der Kunstkritiker des «Daily Telegraph». Man frage sich, warum gerade ein Bild dieser Künstlerin der Queen überreicht worden sei, da auch ihr übriges Werk eine «grauenvolle Mischung aus verlogen-naiver Pinselführung und kommerzialisierter Glätte» sei. Leidenfrost aber gab sich entspannt. Trotz der Irritationen sei die Übergabe des Bildes ein «ergreifender Moment» gewesen. Die Kritik der britischen Presse bezeichnete sie als «reine Politik, Polemik gegen Deutschland». Selbst wenn das Bild irgendwann wieder auf einer Wohltätigkeitsversteigerung auftauchen sollte, sei das verschmerzbar.

Diese Reaktion lässt drei Schlüsse zu: Leidenfrost ist anspruchslos bis zur Gleichgültigkeit. Oder sie ist besser in Marketing als in Kunst. Oder sie hat ein wirklich, wirklich dickes Fell.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2015, 20:50 Uhr

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