Hintergrund

Krise, Kunst, Kohle

In Zeiten der Wirtschaftskrise wollen Menschen ihr Geld in konkrete Güter investieren. Zum Beispiel in Kunst. Aber auf welche Namen soll man setzen? Fünf Galeristen verraten, mit welchen Künstlern man sichergeht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hugh Grant war sturzbetrunken, als er eine Agentin beauftragte, während einer Auktion in New York ein Bild von Andy Warhol zu ersteigern. Das war 2001 und kostete ihn rund sechs Millionen Franken. Sechs Jahre später, 2007, verkaufte der Schauspieler das Gemälde, ein Porträt von Elizabeth Taylor, mit einem Gewinn von 18 Millionen Franken. Davon träumen viele Kunstsammler. Doch das war einmal. Denn die Zeiten des Megabooms im Kunstmarkt, als sich Preise für Kunstwerke innerhalb eines Monats verdoppelten, sind seit 2008 definitiv vorbei. Trotzdem kann Kunst immer noch ein attraktives Mittel sein, um sein Geld zu investieren.

Die Aktienkurse spielen im Augenblick verrückt, die Eurokrise hält die ganze Welt in Atem. Doch gerade in Zeiten der Krise steigen manche aus Finanzprodukten aus und investieren ihre liquiden Mittel in Kunst. In Werke, die man – im Gegensatz zu Wertschriften – mit blossem Auge erfassen und sich daran erfreuen kann. So erstaunt es nicht, dass Auktionshäuser zurzeit vermehrt neue Kundenprofile vermelden. Und Galeristen stellen fest, dass sich Sammler «sehr wohlfühlen, ihr Geld nicht am Aktienmarkt, sondern in eine schöne Kunstsammlung investiert zu haben», sagt Anna Helwing der Galerie Hauser & Wirth. Ein Trend, der sich im Augenblick verstärke – und zwar global.

Wichtig ist aber – und darin unterscheidet sich der Kunstmarkt wesentlich von anderen Märkten –, mit «Bauchgefühl und Herz» seine Entscheidungen zu fällen, wie die Galeristin Frédérique Hutter es ausdrückt. Auch solle man nicht vergessen, dass das Risiko, Geld mit Kunst zu verlieren, gross sei, doch «mit dem Unterschied zur Aktie bleibt einem das Werk als solches immer erhalten».

Der Kunstmarkt ist ein enormes Feld, und es ist nicht einfach, bei einem Künstler den «richtigen Riecher» zu haben. Der Besuch einer Kunstmesse kann zwar inspirieren, aber den Besucher mit seinem überbordenden Angebot praktisch erschlagen und am Ende genauso ratlos ausspucken wie beim Eintritt in die kreativen Hallen. Darum fragte Tagesanzeiger.ch/Newsnet fünf Zürcher Galeristen nach ihren Empfehlungen und wollte wissen, worauf man beim Sammeln sonst noch achten muss.

Welcher Künstler darfs denn sein?

Karolina Dankow, Galeristin, Karma International
Dankow empfiehlt Thomas Sauter (CH), Pamela Rosenkranz (CH) und Carissa Rodriguez (USA). Es lohne sich, die Werke von Thomas Sauter im Auge zu behalten, weil er «jung ist und noch sehr tiefe Preise hat, aber von unglaublichem Talent gesegnet ist». Von ihm werde man in den nächsten Jahren noch viel hören und sehen. Pamela Rosenkranz hingegen beweist schon seit Jahren, dass sie eine Künstlerin ist, die mit «Qualität und Präzision hoch hinaus» schiesst. Die Künstlerin hat zurzeit ihre Show im Swiss Institute in New York eröffnet und ist bereits auf internationaler Ebene eine gefragte Künstlerin. Und dann wäre da noch Carissa Rodriguez, die New Yorkerin ist selber Mitbegründerin der legendären Reena Spaulings Gallery und selbst Künstlerin. Sie gilt als Geheimtipp, wird von Dankow aber diesen Dezember an der Art Basel Miami Beach mit einem Solostand präsentiert.

Frédérique Hutter, Galeristin, Katz Contemporary
Als Geheimtipp nennt Frédérique Hutter den jungen Schweizer Künstler Florian Bühler, der hoch talentiert und mit grossem Potenzial gesegnet sei. «Er besitzt die charakteristischen Eigenschaften eines Künstlers: ist besessen von seiner Malerei.» Bühler ist bereits in guten Sammlungen vertreten, und es gibt sogar eine Warteliste für seine Werke, da er nur wenige Arbeiten produziert. Als zweiten Künstler empfiehlt Hutter den sehr etablierten Künstler Gerhard Richter, dessen Markt schon lange stabil ist und der in sehr guten Sammlungen vertreten ist. «Richter gehört einer wichtigen Künstlergeneration an, seine Kunst ist immer noch aktuell und berührt immer wieder von neuem.» Ab Oktober findet eine grosse Retrospektive seines Schaffens in der Tate Modern in London statt – wer sich einen Gerhard Richter leisten will, muss für einige seiner Werke mit Preisen in Millionenhöhe rechnen. Denn Gerhard Richter gilt als der teuerste lebende Maler Deutschlands. Sehr faszinierend und bei weitem nicht so teuer sei Christian Marclay (GB/CH), «sein Werk ‹The Clock› finde ich ein Jahrhundertwerk». Leider sei Marclay nicht ganz einfach zu sammeln, da es sich vor allem um Videokunst handelt und es nur sehr wenige käufliche Werke gibt.

Jean-Claude Freymond, Galerist, Freymond-Guth Fine Art Ltd.
Dem jungen Galeristen ist es wichtig, dass sich die Künstler nicht nur kurzfristig durchsetzen, «sondern mit neuen Inputs ihr eigenes Werk ständig erweitern und infrage stellen». Nur so könne man Qualität und Relevanz auch über eine lange Zeit garantieren. Was ja, wenn man sich für eine Kunstsammlung entscheidet, von Bedeutung ist. Ein gutes Beispiel ist laut Freymond Loredana Sperini (CH), die «eigensinnig und mutig ist und sich nie auf schnelle Lockrufe der Kunstwelt eingelassen hat». Und gerade darum nach wie vor grossartige, unangepasste Werke schaffe. Ebenfalls zu erwähnen sei Phyllida Barlow (GB), deren Werke jetzt noch «bezahlbar sind, aber bald schon hohe Preise haben werden» oder Carol Rama – die «italienische Louise Bourgeois».

Anna Helwing, Galeristin, Hauser & Wirth
Bei Hauser & Wirth setzt man auf etablierte Künstler: André Thomkins (CH), Phyllida Barlow (GB) und Ian Wallace (CND) weisen über «Jahrzehnte hinweg entstandene Œuvres von höchster Qualität» auf. Dennoch blieben die drei Künstler bis jetzt vom Kunstmarkt relativ unentdeckt (Jean-Claude Freymond nennt ja Barlow auch als Geheimtipp). Dadurch sind die Arbeiten noch äusserst erschwinglich. «Dies dürfte sich wohl sicherlich bald ändern», denn den Künstlern stehen grosse, bedeutende Ausstellungen bevor, wodurch sie an Popularität gewinnen und ihre Preise in die Höhe schnellen lassen.

Nicola von Senger, Galerist, Galerie Nicola von Senger
Der Galerist Nicola von Senger würde im Augenblick auf den vor Kreativität sprühenden Künstler Beni Bischof setzen, der vor allem auch wegen seiner Vielfalt an Techniken und Stilmitteln auffällt. Spannend ist für ihn auch die Wiener Künstlergruppe GELITIN, die er als gute Bad-Boys der zeitgenössischen Kunstszene bezeichnet. Den ersten Auftritt hatte die 1993 noch namenlose Gruppe mit einem nächtlich inszenierten Boxkampf, den sie zu harten Breakbeats ausfochten. Ebenfalls nennenswert ist der Italiener Arcangelo Sassolino, ein ehemaliger Spielzeugdesigner, der sich heute in seiner Kunst auf industrielle Materialien und Prozesse konzentriert. Nicola von Senger empfiehlt jedem, der Kunst kaufen möchte, sich im Vorfeld wirklich gut zu überlegen, welche Art von Kunst man haben möchte und sich dann – bevor man zuschlägt – einige Favoriten einkreist.

Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um Kunst zu kaufen?
Grundsätzlich empfehlen die Galeristen, dass man Kunst nicht nur aus Anlage-Motiven kauft. Oder wie es Karolina Dankow auf den Punkt bringt: «Qualitätvolle Kunst ist eine gute Investition, aber nur, wenn auch das Herz dafür schlägt.» Und auch Frédérique Hutter ist der Meinung, dass Kunst nur aus Leidenschaft gekauft werden sollte: «Wenn ein Kunstwerk einen berührt und packt, nicht mehr loslässt, dann soll man zuschlagen, unabhängig davon, wie die aktuelle Wirtschaftslage oder das Rating des Künstlers ist.»

Was muss ein Kunstsammler beachten?
Vorbereitung ist die halbe Miete. Also möglichst viele Ausstellungen, Messen und sonstige Kunstprojekte besuchen, damit man sein Auge und seine persönlichen Präferenzen entwickeln kann. Oder sich an einen Experten wenden. In Amerika gibt es etwa das Modell eines Art Advisors, der einem den aufwendigen Recherchejob abnehmen kann und vor allem den Kunstmarkt kennt. Bei uns ist diese Beraterfunktion allerdings noch nicht so weitverbreitet. Daher kann es nützlich sein, eine Galerie des Vertrauens zu haben. Hutter empfiehlt, die Galerie, die den Künstler vertritt, «unter die Lupe zu nehmen». Das heisst zu prüfen, ob sie gut vernetzt ist und an wichtigen internationalen Messen teilnimmt, und natürlich, ob sie den Künstler mit Auslandsausstellungen oder auch Katalogen fördert. Denn dies sind alles Faktoren, die den Bekanntheitswert eines Künstlers und somit die Preise seiner Werke steigern. Jean-Claude Freymond ratet immer wieder dazu, «weniger breit, dafür vertieft zu sammeln». Also kein wahlloses Name-Hunting, sondern jeweils die wichtigsten Werke oder Werkgruppen von gewissen Künstlern über mehrere Jahre sammeln. Ausserdem sollte man sich laut Nicola von Senger, nicht «des Kaisers neue Kleider kaufen», also etwas aufschwätzen lassen, und vor allem: «viel kaufen, wenig verkaufen».

Erstellt: 23.09.2011, 11:46 Uhr

Was meint der Kunstberater?


Georg Bak, Senior Officer Fine Art Services bei der LGT Bank, berät Kunden bei der Akquisition und der Veräusserung von Kunstwerken.

Ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um ins Kunstgeschäft einzusteigen?
Es ist ein günstiger Zeitpunkt, wenn man eine neue Sammlung aufbauen möchte. Nach den exzessiven Boomjahren 2007/2008 ist wieder ein bisschen Ruhe eingekehrt. Der Sammler hat gute Angebote auf dem Markt, genügend Zeit, um sich die richtigen Werke für seine Sammlung auszuwählen, und die Preise bewegen sich auch in einem vernünftigen Rahmen. Bei grösseren Einkäufen sind die Galeristen auch offen, Preisverhandlungen zu führen, und zeigen auch Werke, die sie in der Boomphase nur ausgewählter Kundschaft präsentiert haben.

Weshalb stehen im Augenblick Künstler aus den Bric-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China) so hoch im Kurs?
Kunst wird in der Regel dort gesammelt, wo Geld vorhanden ist. Es hängt somit stark mit der Prosperität eines Landes zusammen. Gerade in Südamerika oder in Russland hat es zahlreiche vermögende Sammler. Oft werden ortsansässige Künstler gesammelt und gefördert, die international gar nicht so bekannt sind.

Gehört es in höheren Kreisen zum guten Ton, eine Kunstsammlung zu haben?
Auf jeden Fall. Man kann zum Beispiel den Trend feststellen, dass immer häufiger Private ihre Sammlungen öffentlich machen und kleine Museen errichten, um ihre Trophäen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Sammeln von Kunst hat teils auch einen mäzenatischen oder philanthropischen Aspekt.

Wollen im Augenblick eher mehr oder weniger Kunden ihr Geld in Kunst investieren?
Wir reden in unserem Fachjargon von Passion Investments, wo die nicht monetären Vorzüge der Kunst im Vordergrund stehen, sprich Prestige, Kunstliebhaberei, Zugehörigkeit zur Kunstszene etc. Wer allerdings primär mit dem Hintergrund der Wertsteigerung Kunst kauft, muss sich im Klaren sein, dass die Transaktionskosten beim Kauf und Wiederverkauf von Kunstwerken sehr hoch sind und die Liquidität des Markts vergleichsweise tief. Nichtsdestotrotz stelle ich mit Erstaunen fest, dass des Öfteren Kunden bereit sind, ihr Geld etwas in Kunst zu diversifizieren, und bei manchen entsteht daraus auch eine neue Passion fürs Sammeln. Etablierte Künstler sind aus unserer Sicht momentan eher gefragt als junge Kunst.

Artikel zum Thema

Alles wird gut auf dem Kunstmarkt. Ganz sicher.

Wenig Europäer an der Art Basel Miami Beach – aber wer da war, kaufte. So ging die Messe mit einem kollektiven, erleichterten Seufzer zu Ende. Mehr...

Der Kunstmarkt trotzt der Finanzkrise

Wer Geld hat, hat Geld – Krise hin oder her. Auktionshäuser erzielen Rekordpreise. Die Art Basel spürt keinen Einbruch. Mehr...

Kunstmarkt auf Kurs

Der Kunstmarkt ist im ersten Halbjahr 2008 ungebrochen stark geblieben, das zeigen die Erfolge der beiden grössten Auktionshäuser Christie’s und Sotheby's. Beide glänzen mit neuen Rekorden. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Keine Berührungsängste: In der Dinosaurierfabrik von Zigong in China wird ein voll beweglicher Dinosaurier hergerichtet. China produziert 85% aller Dinosaurier weltweit. (13. November 2019).
(Bild: Lintao Zhang/Getty Images) Mehr...