Kunst als reizvolle Nebensache

Die vierte Skulpturen-Biennale im Winterthurer Weiertal will nicht avantgardistische Speerspitze sein. Gezeigt werden Werke, die vor allem die Sinne ansprechen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sieht ein wenig so aus, als hätte sich ein Zirkusclown übergeben. Im Rasen klebt ein pastellfarbener Fladen, in dem allerlei Spassiges (Schokoladepapierchen, Masken, Marshmallows) steckt. Ausgeleert hat diese eigenwillige Wundertüte Mario Sala, Winterthurs Kultkünstler mit Hang zum Kryptischen. Er nennt sein Arrangement «Trigger 04» – und getriggert wird tatsächlich allerlei, von Ekel über Ratlosigkeit bis Putzdrang. «Meeega!», urteilt derweil ein kleiner Racker in Latzhosen – und flitzt zu seiner Mama, um sie bei der Hand zu seiner Entdeckung zu zerren.

Damit läge zweierlei auf der Hand. Erstens, dass die Skulpturen-Biennale in Maja von Meiss’ Gartenanlage im Winterthurer Weiertal mitnichten eine jener gefälligen, aalglatten Nullachtfuffzehn-Open-Air-Kunstausstellungen ist, wie sie sich mittlerweile jedes bessere Luxus­hotel in seinem Park leistet. Sondern durchaus Lust an Kantigem, Ungeschliffenem hat (auch wenn das Motto der diesjährigen, vierten Ausgabe – «Ein Sommertagtraum» – etwas anderes vermuten liesse).

Zweitens: Es wird hier Kunst gereicht, die sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt. In dem Sinne, dass man sich den Kopf zerbrechen müsste über komplexe Konzepte und inhaltliche Abgründe. Teres Wydlers inwendig parfümierte «Metamorphosis» aus zig Metern Klarsichtfolie zum Beispiel, zwischen zwei Bäumen platziert wie ein riesiger, duftender Kokon, ist vor allem: ein Sinnesschmaus. Man erfreut sich an der Form, schnuppert sich ein bisschen in Trance. Und bei Daniel Meili/Bruno Lötscher darf man sogar Hand anlegen und Federstahlplatten nach Lust und Laune in Schwingung versetzen.

Kurz: Dieser Ort will nicht avantgardistische Speerspitze sein und schon gar nicht elitär. Sondern die Sinne ansprechen, das Gemüt. Man flipflopt sich also durch den Garten (und für allfällige Regenschauer stehen bei der Kasse Gummistiefel bereit), zählt die Frösche, die im Teich träge zwischen den Seerosen treiben, gönnt sich im Bistro ein oder zwei Stück des hausgemachten Kuchens – und die Kunst, sie wird dabei zur Nebensache. Wenn auch zu einer sehr, sehr reizvollen.

30 Werke, 6000 Quadratmeter

Wobei: Wer Tiefe sucht, der wird sie finden. Carlo Borers riesenhafte, in zwei Schiffscontainer gequetschte, von Ventilatoren «beatmete» Lungenflügel starten ein Assoziationsdomino, ausgehend vom Dichtestress über Bootsflüchtlinge bis hin zur Organtransplantation und zur Fragilität des Lebens ganz allgemein; Reto Boller knallt mit brutal-minimalistischer Kolonialisierungsgeste Stahlplatten ins Gras; und Alex Hanimanns LED-Display, über das im Sekundentakt Phrasen zu Dingen flirren – «Dinge, die unser Leben bestimmen», «Dinge, die wir gern hätten, aber nie bekommen», «Leblose Dinge» –, holt eben mal Wittgensteins Wirklichkeitsbegriff an die frische Luft.

Insgesamt finden so 30 überwiegend Schweizer Kunstschaffende auf über 6000 Quadratmetern reizvollster Grünfläche zusammen. Und es spricht für die von-Meiss’schen Networking-Qualitäten einerseits, andererseits für den Spieltrieb der hiesigen Kunstszene, dass darunter auch manch sogenannt schillernder Namen zu finden ist. Bei der letzten Ausgabe etwa hatte sich Roman Signer künstlerisch am Teich zu schaffen gemacht; dieses Jahr sind Anarcho-Plastiker Beni Bischof, Videopoetin Ursula Palla und Nouveau-Réalisme-Urgestein Daniel Spoerri mit am Start. Und Manon, sinnlich-provokant wie eh und je, hat eine Handvoll Plastikpenisse als «Magic Mushrooms» am Fuss eines Apfelbaums «gepflanzt». He ja: Es müssen nicht immer Gartenzwerge sein.

Bis 13. September. Mi–Sa 14–18, Fr 14–22, So 11–17 Uhr. Kulturort Weiertal, Rumstalstr. 55, Winterthur. www.skulpturen-biennale.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2015, 18:08 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Attraktives Ablenkungsmanöver

Mamablog Wenn die Familie weit weg wohnt

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...