«Kunst ist keine Quote»

Björn Quellenberg, Sprecher des Kunsthauses Zürich, weist die Forderung nach mehr Künstlerinnen im Ausstellungsprogramm zurück. Und Pipilotti Rist macht einen Vorschlag.

Auch Pipilotti Rist, die wohl berühmteste Schweizer Künstlerin, hier vor ihrem Werk «Pixelwald» im Kunsthaus Zürich, sagt ihre Meinung zur Frauenquote in der Kunst. Foto: Doris Fanconi

Auch Pipilotti Rist, die wohl berühmteste Schweizer Künstlerin, hier vor ihrem Werk «Pixelwald» im Kunsthaus Zürich, sagt ihre Meinung zur Frauenquote in der Kunst. Foto: Doris Fanconi

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Warum zeigte das Kunsthaus Zürich in den letzten Jahren nur relativ wenig Ausstellungen mit Frauen?
Das Kunsthaus zeigt heute mehr grosse Soloausstellungen von Frauen und nimmt signifikant mehr Arbeiten von ihnen in Themenausstellungen auf als im 20. Jahrhundert. Das Kuratorium, welches das Ausstellungsprogramm plant und aus drei Kunsthistorikerinnen und drei Kunsthistorikern besteht, entscheidet nach vielfältigen Kriterien.

Sieht man sich das Programm für 2020 an, dann gibt es bei acht Ausstellungen bloss eine mit einer Künstlerin im Zentrum: Ottilie W. Roederstein. Warum wurde das Programm nicht mit wenigstens einer oder zwei zeitgenössischen Künstlerinnen ergänzt?
Das Kunsthaus ist seiner Natur nach ein Museum, welches Kunst aus sechs Jahrhunderten sammelt und ausstellt. Dass im Programm weniger Frauen zu finden sind als beispielsweise in einer Kunsthalle, die ausschliesslich das zeitgenössische Kunstschaffen würdigt, liegt daran, dass Frauen bis zum 19. Jahrhundert keinen Zugang zu Kunstakademien hatten. Man wird keine Romantik-Ausstellung zusammentragen können, in der weibliche Exponate einen signifikanten Anteil haben. Dafür zeigen wir in der Themenausstellung «Schall und Rauch. Die Wilden Zwanziger» 100 Werke von diversen Künstlerinnen. Und in der Ausstellung «Ottilie Roederstein» zeigen wir 80 Arbeiten dieser einen Künstlerin. Hinzu kommt eine Accrochage bestehend aus 15 Werken von Künstlerinnen, die zu Lebzeiten von Ottilia Giacometti, die talentiert war, aber selbst keine künstlerische Laufbahn einschlug, das weibliche Kunstschaffen repräsentierten. Zählt man das Angebot weiblicher Arbeiten im Ausstellungsprogramm 2020 des Kunsthauses zusammen, ist der Anteil der gezeigten Arbeiten deutlich höher als in denjenigen Museen, die eine, zwei oder drei Ausstellungen zu einzelnen Künstlerinnen im Programm ausweisen.

Pipilotti Rist ist für Quote «als Übergangslösung»

Auch Pipilotti Rist äussert sich zur Quotenfrage. Sie ist allerdings dafür: «Als Übergangslösung ist die Quote in den kommenden Jahren leider noch nötig, solange die Verhältnisse so schlecht sind», sagt die Zürcher Künstlerin zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Die Kriterien für Auswahl von Künstler*innen und Diskussionen darüber müssen aber extrem offen und lebendig bleiben, damit es eine produktive und gerechte Entwicklung und keinen unfairen Backlash gibt.»

Ist das Geschlecht eines Künstlers bei der Programmierung überhaupt eine Entscheidungshilfe? Oder stehen vielmehr ganz andere Kriterien im Vordergrund. Wenn ja, welche?
Wir entscheiden nach künstlerischer, international anerkannter Qualität, nach Relevanz der Botschaften, die ein Werk oder seine Schöpferin vermitteln kann. Wir suchen einen Bezug zur Sammlung des Kunsthauses, um dem Publikum einen erweiterten Kontext zu liefern. Dann fragen wir uns: Wurde das in der Schweiz kürzlich schon gezeigt? Finden wir ein Publikum, welches unsere Bemühungen honoriert? Manchmal spielen auch Gelegenheiten eine Rolle: eine plötzliche Donation, das Angebot eines anderen Museums, eine Ausstellung gemeinsam mit uns zu produzieren und wichtige Leihgaben bereitzustellen, ohne die eine Schau eben nicht den angestrebten Umfang und die hohe Qualität erreicht, die man vom Kunsthaus erwartet.

Soll das Kunsthaus vermehrt Künstlerinnen zeigen, weil sie auf dem Markt weniger Chancen haben? Man könnte auf diese Weise die Bekanntheit von Künstlerinnen steigern und damit eventuell auch den Marktwert ihrer Kunst erhöhen.
Das Kunsthaus steht nicht im Dienst des Kunstmarkts. Den Marktwert einer Künstlerin oder eines Künstlers zu erhöhen, ist für uns bei der Ankaufspolitik oder Programmplanung kein Ziel. Wir möchten die Reputation der Kunst und des Kunsthauses steigern. Das ist ein rein qualitatives Anliegen.

Was halten Sie von der Forderung nach einer Frauenquote in der Ausstellungspolitik von Museen?
Forderungen beleben die gesellschaftliche Debatte. Das ist gut. Aber wer die Freiheit der Kunst und die Selbstbestimmung einer kulturellen Institution hochhält, sollte sich mit Vorschriften zurückhalten. Kunst ist keine Quote. 60 Prozent der Mitglieder in unserem Trägerverein sind weiblich, und der Kunstrat, der das Ausstellungsprogramm zusammenstellt, ist mit ebenso vielen Frauen wie Männern besetzt. Das war eine natürliche Entwicklung – auch dies ohne Quote.

Spielen in der Ankaufspolitik des Kunsthauses Zürich Gender-Aspekte eine Rolle? Wie ist da das Verhältnis von Kunst von Frauen im Vergleich zur Kunst von Männern?
Wir haben die gesamte zeitgenössische Kunstproduktion im Blick, was sich bei unseren Erwerbungen spiegelt. Was viele nicht wissen: Drei Viertel der Werke in der Sammlung des Kunsthauses sind Geschenke. Unser Bestand reflektiert also zu einem guten Teil auch die Wahl, welche Sammlerinnen und Sammler über Generationen getroffen haben.

Erstellt: 23.01.2020, 18:02 Uhr

Björn Quellenberg


Der Sprecher des Kunsthauses Zürich weist die Forderung nach einer Frauenquote in der Kunst zurück.

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