Leonardo, der Verführer

Warum uns das italienische Universalgenie Leonardo da Vinci auch 500 Jahre nach seinem Tod am 2. Mai 1519 noch immer zum Staunen bringt.

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Man zählt nur etwa zwei Dutzend Gemälde, die sich bis heute erhalten haben: Doch so klein sein Werk ist, so vielfältig, irritierend und rätselhaft ist die Mimik des Personals auf den Bildern Leonardo da Vincis. Man denke an die Mona Lisa, die im Louvre mit ihrem unfassbaren Lächeln jährlich Millionen von Besuchern anlockt. Man denke an die trotzige Ginevra de’ Benci. Oder den fordernden Blick der Cecilia Gallerani, die ein Hermelin im Arm trägt und so ihre Eigenständigkeit noch betont.

Auch wenn Damenporträts gerne von ihren Liebhabern bestellt worden waren, lieferte der unberechenbare und oft auch unzuverlässige Leonardo, der manche Gemälde nie fertiggestellt hatte, keine liebenswür­digen Hochzeitsbilder, sondern überraschend selbstbewusste und stolze Frauen.

Nachhaltig irritierend

Man denke aber auch an Leo­nardos wahrscheinlich letztes Gemälde, «Johannes der Täufer», dieses nachhaltig irritierende Bild eines jüdischen Busspredigers, den das Neue Testament als Prophet der Endzeit und Wegbereiter Jesu beschreibt. Bei Leonardo, der 1452 geboren wurde, erscheint Johannes nackt, aus einem tiefschwarzen Hintergrund heraustretend. Mit einem verführerischen Lächeln auf seinen schmalen Lippen. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand senkrecht nach oben weisend. Mit der linken Hand sich an die Brust fassend. Man hat fast den Eindruck, der Heilige, der hier mitten in einer dynamischen Rechtsdrehung erfasst ist, wolle sich in den Himmel hinaufschrauben.

Das Auffälligste an diesem Gemälde sind aber die androgynen Gesichtszüge des Johannes. Auch der rechte Oberarm ist so weich gemalt, dass er eher zu einer Frau passt als zu einem Mann.

Natürlich kann man das Bild vor dem Hintergrund der ersten Verse des Johannesevangeliums lesen, wo die Rede davon ist, dass Johannes aus dem Dunkel ins Licht getreten sei. Aber damit ist noch nichts zur Geschlechter­frage gesagt.

Bei der Erziehung wurde gespart, sodass er statt einer höheren Schulbildung eine praktische Lehre machte.

Viel besser gefällt die zeitgenössische und sehr weltliche Interpretation, die in dem nackten Bibelmann wegen der Un­bestimmtheit seines Geschlechts, seiner anzüglichen Mimik und dem Zeigegestus seiner Hand einen Botschafter und Verführer zu erotischer Sinnlichkeit erkennt. Es ist eine Sinnlichkeit, die zu himmlischen, aber wohl eher unchristlichen Freuden führen kann.

Wie in keinem anderen von Leonardos Bildern ist man geneigt, diesen Johannes mit Leonardos Homosexualität in Verbindung zu bringen. So ist aktenkundig, dass der Maler in Florenz im Alter von 24 Jahren einer homosexuellen Beziehung bezichtigt wurde. Handelt es sich also beim Johannes um ein Selbstporträt des Künstlers als junger Mann? Oder sehen wir den schönen Giacomo Salaì seinen Meister verführen, auf dass er mit ihm im Dunkeln verschwinde?

Man weiss, dass Leonardo 1490 den damals zehnjährigen Salaì in seine Werkstatt aufgenommen hat, zu dem er zeitlebens eine enge, vermutlich sexuelle Beziehung hatte, was auch den Zeitgenossen bekannt war.

Mangelnde Bibelfestigkeit

Leonardo gelang es immer wieder, selbst ausgesprochen religiöse Bildaufträge und -themen so zu interpretieren, dass ganz eigene, dem kirchlichen Kanon oft widersprechende Deutungen herauskamen. Zudem hat die jüngere Leonardo-Forschung viel Wert darauf gelegt, das Bild des genialischen Künstlerheroen, das das 19. Jahrhundert zeichnete, zu differenzieren und diesen Renaissancemenschen gar als einen Antihelden darzustellen.

Leonardo stammte jedenfalls nicht aus dem florentinischen Adel, ihm scheinen aber eine unerhörte Neugier und eine ungewöhnliche zeichnerische Begabung in die Wiege gelegt worden zu sein. Als uneheliches Kind eines Notars kam er in dem Dorf Vinci bei Florenz zur Welt und wuchs bei seinem Grossvater auf. Bei seiner Erziehung wurde gespart, sodass er statt einer höheren Schulbildung eine aufs Praktische ausgerichtete Lehre im Atelier des hervorragenden Malers und Bildhauers Andrea del Verrocchio machte.

Das musste nicht unbedingt ein Nachteil sein; vielleicht verdanken wir ja der mangelnden Bibelfestigkeit sowohl den unkonventionellen Umgang mit religiösen Motiven als auch einen Erkenntnisdrang, der Antworten nicht nur in den Büchern, sondern vor allem in der Natur zu finden hofft. Leonardo ging den Dingen wie ein Naturwissenschaftler auf den Grund, wovon seine umwerfenden Zeichnungen Zeugnis ablegen. Im Bereich der Ingenieurskunst und der menschlichen Anatomie, aber auch bei der Beschreibung von Pflanzen und Tieren kam er zu wegweisenden Erkenntnissen.

Gebrochene Konventionen

Dem Malerphilosophen ging so ein Ruf voraus, der ihn bei den bedeutendsten Häusern der Zeit empfahl. Dennoch konnte er in Florenz nie richtig Fuss fassen und wurde auch in Rom nie heimisch. Stattdessen fand er Aufnahme am Hof des aufstrebenden Herrscherhauses der Sforza in Mailand. Hier war er hochgeschätzter Philosoph und Berater, der auch bei Fragen der Kriegsführung beigezogen wurde.

In Mailand entstand auch das Jahrtausendbild, das Christus beim Abendmahl zeigt. Ein grossartiges Wandgemälde, auf dem der Maler dieses Essen als ein vielschichtiges und überaus subtiles Beziehungstheater zwischen Jesus und seinen Jüngern inszeniert. Das Bild begründete den Weltruhm des Künstlers, obwohl es aufgrund der verwendeten Farben und der eingesetzten Maltechnik – Leonardo experimentierte zeitlebens mit Farben und Technik – wenige Jahre nach Fertigstellung zu zerfallen begann, sodass sich schon Leonardos Zeitgenossen beeilen mussten, wenn sie es noch in seiner ursprünglichen Pracht geniessen wollten.

Nach unzähligen Renovationen ist das blasse Fresko heute in Mailand ein Touristenmagnet erster Güte, das man nur nach zeitiger Voranmeldung zu Gesicht bekommt. Immerhin, bleibt doch der «Salvator Mundi», den man jüngst mit wackligen Beweisen zum Meisterwerk Leonardos gekürt und vor drei Jahren zu einem horrenden Preis von 450 Millionen Dollar an den Persischen Golf verkauft hat, verschwunden und wird der Öffentlichkeit gar nicht gezeigt.

Leonardo da Vinci hat Kunstwerke geschaffen, die jedes für sich und jedes auf eigene Weise die gesellschaftlichen und religiösen Normen und Konventionen durchbrechen. Sie tun das in einem humanistischen Sinne, der den porträtierten Frauen, auch wenn es sich bloss um Mätressen handelt, ihre Würde zurückgibt. Und mit seinem Johannes, den man gut und gerne als Vermächtnis des Künstlers betrachten kann, hat Leonardo überdies einer ganz und gar unchristlichen Sinnlichkeit das Wort geredet.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.04.2019, 06:31 Uhr

Vier Bücher zu Leonardo

Verstrickte Biografie

Eine spannende Biografie über die Verstrickungen Leonardos in die Politik der italienischen Stadtstaaten und seine Leistungen als Maler, Naturwissenschaftler und Philosoph. Volker Reinhardt: Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt. C.H. Beck, München 2018,383 S., ca. 39 Fr.

Was wir über ihn wissen

In dieser Biografie unterzieht Bernd Roeck die Quellen einer strengen Prüfung, um offenzu­legen, was wir wirklich von dem Künstler wissen können – und was nicht.Bernd Roeck: Leonardo. Der Mann, der alles wissen wollte. C.H. Beck, München 2019,429 S., ca. 26 Fr.

Seine eigenen Schriften

Hier werden Leonardos eigene Schriften sowie die Schriften seiner Zeitgenossen über ihn präsentiert. In dem Band ist auch die Biografie über den Künstler enthalten, die der bekannte Architekt und Maler Giorgio Vasari verfasst hat.Marianne Schneider: Das grosse Leonardo-Buch. Sein Leben und Werk in Zeugnissen, Selbstzeugnissen und Dokumenten. Schirmer/Mosel, München 2019, 303 S., ca. 54 Fr.

Das Standardwerk

Zöllners Buch ist das Standardwerk zu den Gemälden und Zeichnungen Leonardos. Die Jubiläumsausgabe verfügt über eine höchst kompetente Aus­einandersetzung mit dem neuerdings Leonardo zugeschriebenen «Salvator Mundi».Frank Zöllner: Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Taschen, Köln 2019. 704 S., ca. 59 Fr.

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