Der Milliardär und sein teurer Da Vinci

Ein reicher Russe klagt, ein Kunsthändler habe ihn um 800 Millionen Franken betrogen – der Kunstkrimi endet nun in Genf.

Hat Dmitri Rybolowlew für das teuerste Kunstwerk der Geschichte 50 Millionen Dollar zu viel bezahlt? «Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci. Foto: Andy Rain (Epa)

Hat Dmitri Rybolowlew für das teuerste Kunstwerk der Geschichte 50 Millionen Dollar zu viel bezahlt? «Salvator Mundi» von Leonardo da Vinci. Foto: Andy Rain (Epa)

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Dmitri Rybolowlew ist Russe, 53 Jahre alt, studierter Kardiologe, erfolgreicher Düngemittelproduzent, Besitzer des Fussballclubs AS Monaco, gemäss dem Magazin «Forbes» 6,6 Milliarden Franken reich. Und Opfer des grössten Kunstbetrugs der Geschichte. Glaubt er selber.

Als Rybolowlew vor rund 25 Jahren nach Genf zog, begann er bald davon zu träumen, sein Haus mit einer Kunstsammlung zu schmücken. Er dachte an Picassos und Monets. Doch wie kommt man an solche Kunstwerke? Er war ein Kunstliebhaber, aber kein Experte. Die Frau seines Zahnarztes, eine Freundin der Familie, half ihm weiter. 2002 stellte sie Rybolowlew dem Genfer Yves Bouvier vor. Dieser verschob mit seinem Dienstleistungsunternehmen Natural Le Coultre Gemälde, Skulpturen und Goldbarren rund um den Planeten und war ein prominenter Mieter in Genfs Zollfreilager.

Bouvier versprach dem Russen, seine Kontakte in die Kunstwelt spielen zu lassen und ihm eine Sammlung mit Meisterwerken dieser Welt aufzubauen. «Meinen Freund» nannte Bouvier seinen Auftraggeber in E-Mails liebevoll. Er wusste: Das nötige Kapital war da. Sein Auftraggeber war auch ihm gegenüber generös. «Bouvier sollte pro erworbenes Gemälde pauschal zwei Prozent des Kaufpreises bekommen. Damit waren alle seine Aufwände gedeckt. Es basierte alles auf Vertrauen, ein schriftliches Abkommen gab es nicht», sagen Sandrine Giroud und Marc Henzelin, die Anwälte von Dmitri Rybolowlew.

Vereinbart war, dass Yves Bouvier als Käufer auftrat und den Namen Dmitri Rybolowlew den Verkäufern nicht ­nannte, um Preistreiberei zu verhindern. Giroud und Henzelin sagen: Ihr Mandant habe keine Originalquittungen oder Kauf­verträge bekommen, Bouvier habe mit Rybolowlew separat abgerechnet. Wenn Bouvier ein Gemälde gefunden hatte, das Rybolowlews Geschmack traf und seinen Preisvorstellungen entsprach, überwies der Russe dem Genfer die nötigen Millionen, um den Verkäufer auszuzahlen. In den höchsten Sphären des Kunsthandels soll das zum Alltag gehören. Heisst es aus Genf.

Van Gogh, Chagall, Renoir

Yves Bouvier fand auf dem Kunstmarkt, wovon der Russe träumte. Von 2003 bis 2014 erwarb Bouvier im Auftrag von Rybolowlew Gemälde von Leonardo da Vinci, Picasso, Van Gogh, Chagall, Renoir, Modigliani, Rothko, Klimt, Monet, El Greco und einigen weiteren Meistern. Rybolowlew war zufrieden.

Bis die Geschichte explodierte.

Zum Knall kam es in der Silvesternacht 2014. Auf einer Party stiess Dmitri Rybolowlew auf den Kunstexperten Sanford «Sandy» Heller. Heller sprach über das Modigliani-Gemälde «Nu couché au coussin bleu», das Rybolowlew besass. Heller kannte den Verkäufer des Gemäldes. Steven Cohen hiess der Mann. Und Heller wusste, dass Cohen der Verkauf 93 Millionen Dollar eingebracht hatte. Rybolowlew aber wusste, dass er für den Modigliani 118 Millionen Dollar hingeblättert hatte.

Cohen bestätigte Rybolowlew, er habe 93 Millionen Dollar bekommen. «Wo sind die restlichen 25 Millionen Dollar?», fragen sich der Russe und seine ­Anwälte heute. Sie haben nur eine Erklärung: «Die Millionen sind in die Tasche von Yves Bouvier geflossen.» Bereits im November 2014 waren wegen eines Kaufpreises Zweifel aufgekommen. Rybolowlew las in der «New York Times», sein Christus-Porträt «Salvator Mundi» (Der Retter der Welt) von Leonardo da Vinci sei 2013 für 75 Millionen Dollar verkauft worden. Doch ­Rybolowlew wusste, dass er Bouvier für den Kauf des Bilds 127,5 Millionen Dollar überwiesen hatte.

Heute ist Rybolowlew überzeugt, dass Bouvier ihm systematisch überrissene Kaufpreise verrechnete. Ihn besänftigt auch nicht, dass er 2017 für den Verkauf von Leonardo da Vincis Christus-Porträt 450 Millionen Dollar kassierte, den höchsten je für ein Kunstwerk erzielten Verkaufspreis.

Milliardär Rybolowlew (l.), Kunsthändler Bouvier. Foto: Reuters, VQG/Tribune de Genève

Seine Genfer Anwälte wollen in detektivischer Kleinstarbeit jeden der 38 Käufe rekonstruiert haben. Gemäss ihrer Beweisführung gab ihr Klient für Gemäldekäufe über 2 Milliarden Franken aus, obschon die Meisterwerke in Wahrheit etwas über 1 Milliarde kosteten. Sie werfen Bouvier vor, sich mit 800 Millionen Franken bereichert zu haben, obschon ihm lediglich 40 Millionen Franken zugestanden wären.

Rybolowlew und seine Anwälte deponierten in der halben Welt Klagen: in New York, Singapur, Monaco und Genf. Ihr Vorwurf: Betrug, Veruntreuung, ungetreue Geschäftsführung und Geld­wäscherei. In den Anzeigen heisst es, Bouvier habe Rybolowlew systematisch getäuscht. So habe er ihm E-Mails geschickt, in denen Experten den Russen zu Käufen animierten, oder er erzeugte künstlich Zeitdruck, indem er für aussergewöhnliche Kunstwerke rasche Entscheide verlangte. Vor allem zu Beginn der Akquisitionen, als ihm das Eigenkapital für Käufe fehlte, soll er sich bei Rybolowlew die Beträge für die überhöhten Preise beschafft haben. Er ­kaufte die Bilder zu einem tieferen Preis für sich selbst und verkaufte sie zu einem höheren Preis seinem Auftraggeber. So weit die Vorwürfe. Für Bouvier gilt die Unschuldsvermutung.

«Das Verfahren war einseitig und völlig zugunsten des russischen Oligarchen ausgerichtet.»Yves Bouvier

Im Dezember 2019 erfuhr Rybolowlews juristischer Feldzug einen Dämpfer. Ein Gericht in Monaco entschied zugunsten Bouviers und gegen Kläger Rybolowlew. «Die Strafuntersuchung wurde insgesamt parteilich und unlauter durchgeführt und das Gleichgewicht der Rechte beider Parteien dauerhaft verletzt», heisst es im Entscheid.

Yves Bouvier hatte die Vorwürfe stets bestritten und fühlte sich durch den Entscheid bestätigt. «Mit diesem Sieg auf der ganzen Linie haben wir bewiesen, was wir von Anfang an behauptet haben: dass das Verfahren nämlich einseitig und völlig zugunsten des russischen Oligarchen ausgerichtet war», sagte Bouvier. Mit all diesen Klagen und Verfahren versuche er seinen Ruf zu zerstören, er habe gar Privatdetektive eingesetzt, um ihn zu beschatten. Ein Betrüger sei er ganz sicher nicht, vielmehr ein umsichtiger Kunsthändler, der sich für seinen Kunden um alles kümmere: vom Transport über die Versicherung bis zur Restauration von Gemälden.

Bouvier bezichtigt Rybolowlew stattdessen, die monegassische Justiz korrumpiert zu haben. Der Russe liess den Direktor der monegassischen Justiz­behörden im Helikopter nach Gstaad fliegen, zu einem Besuch in seiner Residenz. Unmittelbar nach dem Besuch wurde Yves Bouvier in Monaco verhaftet. Der Besuch in Gstaad wurde publik. Monacos Justizdirektor musste seinen Posten räumen. Bouvier moniert heute auch, dass der Sohn des Direktors Rybo­lowlew für ein Kunstgeschäft als Rechts­berater zur Seite stand, was der Russe mit 100'000 Euro honorierte.

Der Entscheid fällt in Genf

Für Rybolowlews Anwälte hat der Entscheid aus Monaco wenig Gewicht. Sie fokussieren ganz auf die Ermittlungen der Genfer Justiz. Klar ist: In Genf wird der finale Entscheid fallen. Staatsanwalt Yves Bertossa muss als Erstes entscheiden, ob er Anklage erhebt.

Bertossa wird seit Monaten mit Beweismaterial aus Verfahren anderer Gerichte eingedeckt. New Yorker Ermittler haben den E-Mail-Verkehr zwischen Bouvier und dem Sotheby’s sichergestellt, weil Bouvier die Privatkäufe für Rybolowlew auch über das Handelshaus abgewickelt hatte. Die Genfer Staatsanwaltschaft hat ­diese E-Mails bekommen. Was steht darin? Wusste Sotheby’s über die wahre Identität von Käufer Rybolowlew Bescheid? Seine Anwälte sagen: «Die E-Mails beweisen, dass Sotheby’s Yves Bouvier geholfen hat.» Trifft das zu, kündigt sich ein neues Drama an. Beim Auktionshaus Sotheby’s.

Erstellt: 18.01.2020, 07:25 Uhr

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