Markenzeichen: Grössenwahn

Der Superkünstler Damien Hirst übertrifft sich mal wieder selbst.

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Er hat sich mal wieder eine Frechheit erlaubt: Damien Hirst, der Superkünstler, dessen Markenzeichen es seit je gewesen ist, lachend Tabus zu brechen und kaltschnäuzig Kitsch zu servieren. Seit der durchgeknallteste der «Young British Artists» die brachliegende heimische Kunstszene Ende der 80er praktisch im Alleingang gerettet hat, ist er dem Motto «Bring Abgründiges in eine möglichst spektakuläre Form – und verkaufe das Ganze zu einem jenseitigen Preis» treu geblieben. Am pointiertesten vielleicht in jenem Werk, das es seit seiner Erschaffung 1991 auf die Covers von zahllosen Publikationen über zeitgenössische Kunst gebracht hat: der mit weit aufgerissenem Schlund in blassgrünem Formaldehyd treibende Hai, von Hirst bedeutungsschwanger als «Die Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden» betitelt. Denn auch das beherrschte Hirst schon immer vorzüglich: das Metaphysieren seines Œuvres durch geschickte Vermarktung.

Auf den Hai folgten: die Spot Paintings (weisse Leinwände, bunte Tupfen; genug, um damit alle global verstreuten Gagosian-Galerien gleichzeitig zu bespielen), die Schmetterlings-Mandalas (die er von seinen 180 Assistenten je nach Nachfrage reproduzieren liess), der mit echten Diamanten panierte Totenkopf (für 50 Millionen Pfund just an dem Tag versteigert, als in den USA Lehman Brothers Konkurs anmeldete). Sprich: ein paar wenige, jedoch brillante Ideen, die Hirst zum angeblich reichsten Künstler der Welt machten.

Und nun hat er es also wieder getan. Endlich. Nachdem es ein paar Jahre lang verdächtig still um Hirst geworden war (bis auf die Unkenrufe, sein Geld hätte seine Kreativität erstickt), hat er am Wochenende in Venedig fast schon klammheimlich seine erste Einzelausstellung seit Jahren eröffnet. Was für ein Timing: Just als in Athen die moralinsaure, spassbremsige Documenta anlief, lud Hirst zu einem eskapistischen Kunsterlebnis von geradezu disneyschen Ausmassen.

«Schätze aus dem Schiffswrack des Unglaublichen», so der Titel der Schau, umfasst 180 Skulpturen – alle nigelnagelneu, manche allerdings mit Korallen überwuchert, weil angeblich vor 2000 Jahren als Ladung eines Schiffes gesunken und erst unlängst aus dem Meer gefischt. Zum Beispiel die marmorne Büste eines Pharaos – mit den Zügen von Pharrell Williams. Oder die indische Göttin Kali im – geografisch-mythologisch unwahrscheinlichen – Kampf mit der griechischen Hydra. Oder der unfassbare 18 Meter hohe Koloss mit Krallenfüssen. Die insgesamt nötigen 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche stellte Hirst kein Geringerer als Supersammler und Christie’s-Besitzer François Pinault in seinem Palazzo Grassi und der Punta della Dogana zur Verfügung. Kostenpunkt: geheim; dafür wird über Preise von bis zu 5 Millionen Dollar gemunkelt – pro Stück, natürlich.

So also sieht das Comeback eines Kunststars aus, in dem und durch den grenzenlose Fantasie und ebensolches Budget fusionieren: megaloman. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.04.2017, 16:55 Uhr

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