Materialisierter Schmerz

Wo die belgische Künstlerin Berlinde De Bruyckere ihre Installationen aufstellt, wird es existenziell. Im Kunsthaus Bregenz und im Kunstraum Dornbirn zeigt die 51-Jährige, dass Schreckliches auch schön sein kann.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Busen war derart perfekt, er konnte gar nicht menschlich sein. Kaum hatte der junge Jäger Aktaion begriffen, dass der nackte Körper, den er da beim Baden beobachtete, einer Göttin gehören musste, schlug der erste Jagdhund auch schon die Zähne in sein Fleisch. Diana hatte Aktaion in einen Hirsch verwandelt, und die Geschichte nahm ihren blutigen Lauf. Etwas schade war es schon um den schönen Jüngling. Aber so macht man es nun mal mit sterblichen Spannern.

Die Episode aus der griechischen Mythologie hat es Berlinde De Bruyckere angetan. So sehr, dass die zurzeit wohl wichtigste Künstlerin Belgiens ihren Vater – einen passionierten Jäger – irgendwann bat, ihr einen toten Hirsch ins Atelier zu schleppen. Da lag der dann, steif und mit prächtigem Geweih, und roch noch ein bisschen nach Leben und schon ein bisschen nach Tod. Und Berlinde De Bruyckere tat, was sie am besten kann: nämlich das, was ihr keine Ruhe lässt, in Wachs zu bannen.

Immer und immer wieder hat sie seither Aktaions todbringender Verwandlung Form gegeben; mal mehr menschliche, mal mehr tierische – aber immer hochgradig verstörende. Wer ganz nah an die Wachskadaver herantritt, sieht unter der Oberfläche bläuliche Adern hindurchschimmern, macht blutige Schlieren aus und auch ein paar eingearbeitete Tierhaare. Und er riecht – wie ­immer, wenn Berlinde De Bruyckere ihre Hände im Spiel hatte – das bittersüsse Gemisch aus Wachs und . . . Tod.

Nun erfüllt dieses eigensinnige Aroma das Kunsthaus Bregenz, wo die 51-Jährige einmal mehr auf wunderbar verschrobene Weise daran erinnert, dass nichts für die Ewigkeit ist. Die Belgierin hat Peter Zumthors Betonpalast – das schönste Museum der Welt!, meinte sie an der Eröffnung – in ein morbides Gruselkabinett verwandelt, in dem sich eine Schauerlichkeit an die nächste reiht. Und wie üblich hat sie die geschundenen Körper liebevoll auf fleckige Kissen und abgewetzte Laken gebettet. Tagelang müht sich De Bruyckeres Team jeweils mit Steinen und Schleifpapier ab, bis die Polster genau so zugerichtet sind, wie die Chefin sie am liebsten mag. Natürlich hat man es auch schon maschinell versucht. Vergeblich. Richtige Verlebtheit gibts eben nur gegen echte Schinderei.

Metaphysische Erfahrung

Eine Tatsache, die eine Künstlerin mit Fixierung auf abgenutzte Materialien vor besondere Herausforderungen stellt: Zeichnen kann De Bruyckere nur, wenn das, worauf sie malt, Geschichte hat. Jungfräulich weisses Papier? Geht nicht. Und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als (Internet-)Flohmärkte systematisch nach alten Drucken abzuklappern, die sie dann aus ihren Rahmen löst, umdreht – und bemalt.

Dass in Bregenz nun ein paar dieser selten gezeigten Papierarbeiten an der Wand hängen, verdankt sich allein den Überredungskünsten von Kurator Rudolf Sagmeister. De Bruyckere wollte nicht. Zu kraftvoll schien ihr Zumthors Sicht­beton als Hintergrund für ihre fragilen Zeichnungen und Collagen (Aktaion auch hier, festgehalten übrigens nach De Bruyckeres langjährigem und einzigen Modell, dem Tänzer Romeu Runa). Jetzt hängen sie trotzdem – und haben es schwer. Nicht, dass Berlinde De Bruyckere eine schlechte Zeichnerin wäre. Bloss ist ihr plastisches Werk um so viel kraftvoller, dass sie sich damit regelrecht selbst an die Wand spielt. Und nicht nur sich selbst, wenn man an die unlängst zu Ende gegangene, seltsam lauwarme Schau von Superstar Rosemarie Trockel zurückdenkt: Die ging einem weder ans Herz noch an die Nieren, Magie wollte sich partout nicht einstellen. Wie zwei Windschiefe schossen Kunst und Raum aneinander vorbei.

De Bruyckere und Zumthor nun fördern das jeweils Beste ineinander zutage und machen den Museumsbesuch zu ­einer geradezu metaphysischen Erfahrung. Wie Reliquien liegen De Bruyckeres Wachskadaver in Zumthors Tempel der zeitgenössischen Kunst. Man schaut, schaudert – und kann nicht anders, als an jenes Phänomen zu denken, dass in Kirchen, vor der Pietà, Menschen urplötzlich in Tränen ausbrechen: Weil das Kondensat aus Stille, Andacht und kunstgewordenem Schmerz eine innere Mauer einreisst.

Berlinde De Bruyckere hat es oft beobachtet, dieses Phänomen. Und sie hat davon gelesen, bei den alten Barockmalern ihrer flämischen Heimat: Die Kunst, heisst es da, müsse dem Betrachter den Schlüssel in die Hand legen, um trauern zu können, worum oder um wen auch immer. Und so hat De Bruyckere eben ihre eigene Pietà erschaffen: «Kreupelhout» («Krüppelholz») wurde vor zwei Jahren an der Venedig-Biennale zum ­allerersten Mal gezeigt. Das fast 20 Meter lange, mannshohe Monstrum nahm damals den gesamten belgischen Pavillon ein; in Bregenz nun füllt es ein eigenes Stockwerk. Ein tonnenschweres, aus Wachs geformtes Stück Schwemmholz – oder nein: vielmehr ein Bündel aus unzähligen kleineren Strünken, manche mit blutig roter Gaze verbunden wie amputierte Extremitäten.

Die Quadratur einer Wunde

Am Anfang dieses kriegsversehrten Baums standen Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg. Sie spukten De Bruyckere so lange im Kopf herum, bis sie das Leid darauf in der ihr eigenen Weise auf Fauna und Flora übertrug. Das Resultat waren «Kreupelhout» – einerseits. Andererseits das, was nun im Kunstraum Dornbirn hängt: In der ehemaligen Industriehalle, die einen kleinen Ableger der Bregenzer Schau birgt, lässt De Bruyckere Pferde­kadaver von rostigen Eisengestängen baumeln. Kein Tropfen Blut weit und breit; makellos glänzt das kastanienbraune Fell – und doch fehlt hier ein Bein, da der Schweif, bei allen der Kopf. Morbide, organische Mangelware.

«The Embalmer» hat die Künstlerin ihre Schau genannt, «die Tierpräparatorin». Besser als zum Dornbirner Satelliten passt der Titel nur noch zu dem, was De Bruyckere eigens für die zumthorschen Räume geschaffen hat: Im obersten Stock in Bregenz stapeln sich Dutzende von Kuhfellen aufeinander (aus Wachs nachgeformte, versteht sich). An einer Art schiefen Litfasssäule ist ein einzelnes aufgespannt, die behaarte Seite gegen die konvexe Krümmung gekehrt, sodass die fleischige Innenseite offenliegt: die Quadratur einer Wunde. Materialisierter Schmerz, der einem ­nolens volens die Nackenhaare aufstellt.

Warum man die Augen trotzdem nicht davon abwenden kann? Vielleicht aus demselben Grund, weshalb man in die Achterbahn steigt, obwohl man genau weiss, dass man Todesängste aus­stehen wird; weshalb man sich im Kino einen Horrorfilm ansieht und schon als Knirps die geliebte Gruselgeschichte wieder und wieder vorgelesen haben wollte: Weil man sich nie so lebendig fühlt, wie wenn man – kurz und risikofrei – daran erinnert wird, dass der Spass hienieder irgendwann zu Ende sein wird. Wer nach dem modernen Memento mori Ausschau hält: Berlinde De Bruyckere hat es.


Bis 5. 7.

Performance des Tänzers Romeu Runa in Anwesenheit von Berlinde de Bruyckere: Freitag 26. Juni, 19 Uhr.

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Juni.
160 S., ca. 45 Fr.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2015, 19:26 Uhr

Berlinde De Bruyckere

Meisterin des gepflegten Grusels

Tod, Schmerz, Vergänglichkeit: Leicht verdaulich sind Berlinde De Bruyckeres Themen nicht. Die 1964 in Gent geborene Künstlerin wurde durch Ausstellungen in der Kunsthalle Düsseldorf und an der Berlin Biennale 2006 bekannt; 2013 bespielte sie den belgischen Pavillon an der Biennale in Venedig. Für ihre Installationen schöpft De Bruyckere aus dem mythologischen wie christlichen Motivschatz. Sie lebt und arbeitet in Gent. (psz)

Artikel zum Thema

Sinnliche Schmerzensmänner

Eindringlich illustrieren lebengrosse Wachs-Skulpturen Schmerz, Vergänglichkeit und Erotik. Zu sehen sind die Arbeiten in der Ausstellung «Mysterium Leib». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Mamablog Wohin mit meiner Wut?

Sweet Home Helle Freude

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Sie kann gar nicht gross genug sein: Beobachtet von Schaulustigen, reitet ein Surfer vor der Küste von Nazaré, Portugal, auf einer Monsterwelle. (18. Januar 2018)
(Bild: Armando Franca/AP) Mehr...