Mehr als Blochers Lieblingsmaler

Sogar van Gogh hat Albert Anker bewundert. Mit der grossartigen Retrospektive «Albert Anker – Schöne Welt» zum 100. Todestag des Künstlers würdigt das Kunstmuseum Bern nun den Schweizer Maler.

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«Lebt Anker noch? Ich denke oft an seine Arbeiten, ich finde sie so tüchtig und fein empfunden. Er ist noch ganz vom alten Schlag . . .». Dieses Zitat aus dem Jahr 1883 stammt von keinem Geringeren als von Vincent van Gogh und steht gleichsam als Motto in Form einer Wandinschrift am Anfang der jetzigen Anker-Ausstellung im Kunstmuseum Bern. Nicht nur bringt van Gogh, der selbst einen komplett anderen künstlerischen Weg ging als Anker, dessen Kunst auf den Punkt, sondern das Zitat lässt sich auch als Aufforderung lesen, einen frischen Blick auf die Malerei eines Künstlers zu werfen, dessen Vereinnahmung als Nationalmaler bei weitem zu kurz greift.

Endlich Paris

Paris war nicht nur die Stadt, wo van Gogh dank seinem Bruder Theo Albert Ankers Werke kennen lernte, sondern auch die grosse Kunstmetropole, in die Albert Anker 1854 reiste und sich endlich seinen lange gehegten Wunsch, Künstler zu werden, erfüllte. Dass für Anker die Kunst nicht nur Beruf, sondern Berufung war, kommt eindrücklich in einem Brief an seinen Vater zum Ausdruck, der für den jetzigen Ausstellungskatalog erstmals in voller Länge transkribiert wurde. Seinem Vater zuliebe hatte Anker nämlich zunächst Theologie studiert, was insofern Spuren hinterliess, als Anker über eine breite humanistische Bildung verfügte und sich seine Bilder durchaus als Spiegelbilder der göttlichen Schöpfung verstehen lassen.

In Paris nun kopierte Anker zunächst im Louvre unter anderem Werke von Rembrandt, besuchte die Ecole des Beaux-Art und nahm Unterricht beim bekannten Westschweizer Klassizisten Charles Gleyre. Während Ankers frühe Gemälde noch eine gewisse Glätte aufweisen und religiös oder antikisierend gehalten sind, debütierte er 1859 am Pariser Salon mit dem Genrebild «Dorfschule im Schwarzwald», in dem stilistisch und thematisch all das angelegt war, was fortan so charakteristisch für sein Werk werden sollte.

Während andere Pariser Künstler während der Sommermonate ans Meer fuhren, kehrte Anker jeweils in seinen Heimatort Ins zurück, wo er sich im Dachstock seines Elternhauses ein Atelier einrichtete und sich 1891 schliesslich ganz niederliess (s. auch «Bund» vom 14. April). Die Bewohner von Ins, allen voran Kinder und alte Menschen, aber auch Szenen aus dem bäuerlichen Alltag und der Schule, wurden zu seinen bevorzugten Sujets. Sie nun sind es, welche in der jetzigen Jubiläumsausstellung in überwältigender Fülle versammelt sind und anhand derer sich Ankers malerische Brillanz und sein psychologisches Einfühlungsvermögen einmal mehr bewundern lässt. Als grösste Anker-Ausstellung seit langem vereint die Schau über hundert Gemälde, eine Auswahl an Aquarellen, selten gezeigte Kohlezeichnungen sowie Fayencen, die Anker im Auftrag des elsässischen Fabrikanten Théodore Deck anfertigte und die ihm nebst den Bildverkäufen ein regelmässiges Einkommen sicherten.

Überraschende Durchblicke

Da sich Ankers Bildwelt nach seinen eigenen Aussagen ab etwa 1868 nicht mehr grundlegend änderte, erfolgte die Hängung der Bilder im Kunstmuseum Bern nicht nach chronologischen Kriterien. Lose zu thematischen Gruppen zusammengefasst, führt der Rundgang von «Dorfgeschichten» über spielende Kinder, Schulszenen und die Gegenüberstellung von Alt und Jung bis zu Todesthemen und schliesslich zu den Stillleben. Dank einer gelungenen Ausstellungsarchitektur, die Ankers Bilder effektvoll vor grauem, taubenblauem oder rotem Grund in Szene setzt, wurden die kleinräumigen Strukturen des Untergeschosses aufgebrochen, woraus sich überraschende Durchblicke ergeben. So wenig wie der berühmte «Gemeindeschreiber» mit der Schreibfeder zwischen den Zähnen, der heitere «Schulspaziergang» oder das «Rotkäppchen» mit einem Brotlaib unter dem Arm fehlen, so überraschend präsentieren sich kaum je öffentlich gezeigte Gemälde wie «Schneebär», eine köstliche Dorfszene aus Ins, oder das frühe Bild «Die Taufe», ein historisierendes, winterlich-melancholisches Vielfigurenbild. Zahlreiche Leihgaben von Schweizer Privatsammlern, darunter Christoph Blocher als prominentester, und aus Schweizer Museen ermöglichten diese ausserordentliche Schau.

In sich ruhend

Zu den wohl exquisitesten Bildern Ankers gehört das Gemälde «Mädchen, die Haare flechtend» von 1887: Es zeigt exemplarisch die differenzierte Lichtführung Ankers und seinen Sinn für Details, etwa wenn er wie so oft scheinbar nebensächliche Gegenstände zu einem Stillleben arrangiert. Wie hier die rote Korallenkette am Hals des Mädchens, setzt Anker in all seinen Gemälden raffinierte koloristische Akzente, die erst vor den Originalen so richtig ins Auge springen. Die Kinder auf Ankers Gemälden posieren nicht für einen Betrachter, sondern sind stets in ihre Tätigkeit versunken, seien sie am Stricken oder konzentriert mit dem Aufschichten von Dominosteinen beschäftigt. Kinder waren Ankers Lieblingsmodelle, allen voran seine eigenen Kinder: Seine Tochter Marie etwa hat er in ihrem Pariser Outfit mit schwarzem Mantel, Hut und Schultäschchen festgehalten, seinen früh verstorbenen Sohn Ruedi stellte er ergreifend auf dem Totenbett dar.

Lesen und Schreiben

So sehr Ankers Blick auch auf der individuellen Erfassung seiner Modelle lag, als engagierter Zeitgenosse, der zeitweise im Grossen Rat des Kantons Bern, neben Arnold Böcklin und Rudolf Koller in der Eidgenössischen Kunstkommission und schliesslich auch in der Schulkommission von Ins sass, spiegelt sich in seinen Werken auch der hohe Stellenwert, den er dem Gemein- und Bildungswesen beimass. Seit 1874 war die allgemeine Schulpflicht in der Bundesverfassung verankert, und nicht von ungefähr zeigt Anker viele der Kinder mit Schiefertafel und Schulbuch unter dem Arm, die Mädchen oft mit einem Strickkorb, da für sie das Handarbeiten wie für die Buben das Turnen ein Schulfach war. Schreiben und Lesen sind Motive, die sich durch das ganze Werk des Malers ziehen, beispielsweise auch da, wo ein Junge seinem Grossvater aus der Bibel vorliest. Gesellschaftskritik klingt schliesslich an in Werken wie dem «Zinstag», auf dem die Not der Inser Bauern angesichts der Juragewässerkorrektion zum Ausdruck kommt, oder auf dem kompositorisch hervorragenden Gemälde «Armensuppe», das vorführt, wie das Elend durch christliche Nächstenliebe zumindest gelindert werden kann.

Münze und Sonderbriefmarke

Mit Albert Anker feiert das Kunstmuseum Bern dieses Jahr einen der bedeutendsten Schweizer Künstler des 19. Jahrhunderts, dessen Werke auch hundert Jahre nach dem Tod ihres Urhebers nichts von ihrer malerischen Virtuosität und ihrem menschlichem Tiefgang eingebüsst haben. Ihm zu Ehren erscheinen dieser Tage eine Sonderbriefmarke, die einen Ankerbuben mit Schiefertafel zeigt, und eine goldene Gedenkmünze. Dass das Interesse am Werk Ankers auch heute noch zur Auseinandersetzung anregt, zeigt nicht nur die eigens für die jetzige Ausstellung konzipierte Arbeit der Berner Künstlerin Chantal Michel, sondern auch der demnächst fertiggestellte Dokumentarfilm «Mein Anker» der Filmemacherin Renata Münzel, in dem Prominente verschiedenster Couleur ihre Begeisterung für Anker zum Ausdruck bringen.

(Der Bund)

Erstellt: 05.05.2010, 13:12 Uhr

Info

Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern wird am Donnerstag, 6. Mai, um 18.30 Uhr eröffnet und dauert bis 5. September.

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