Mit Rückgrat und einer Portion Punk

Wolfgang Tillmans gehört zu den umjubelten Fotokünstlern der Gegenwart. Die Fondation Beyeler widmet ihm nun eine Retrospektive – die erste auf Fotografie fokussierte Ausstellung überhaupt.

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Egal, wo man hinblickt: Die Haut ist picklig, die Fussnägel sind unsauber geschnitten, die Klamotten fleckig und die Teppichböden abgefuckt. Und inmitten von all dem sitzt – Tilda Swinton. Ein Wesen nicht von dieser Welt, aber gleichzeitig doch seltsam diesseitig, gewandet in Schottenkaro und mit abgewetzten Schuhspitzen. Willkommen in der fabelhaften Welt des Wolfgang Tillmans!, will dieser erste Raum der Fondation Beyeler sagen. Und gleich hier, ganz am Anfang, wird klar, was diese Welt eigentlich so fabelhaft macht: die beinahe märchenhafte Verschmelzung von ganz prosaischer Alltagsrealität mit einem bisschen Glamour (in der Schau wird man auch noch Kate Moss begegnen und ein paar anderen Celebrities, man muss sie aber schon etwas suchen) und dem unverbrauchten Blick eines Kindes, für den alles neu und faszinierend ist. Und seis auch nur ein in Seifenwasser waberndes T-Shirt.

Wolfgang Tillmans mit seiner Arbeit «Concorde» (1997) in der Fondation Beyeler. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Die Retrospektive des deutschen Fotografen ist die zweite grosse Schau nach jener von Claude Monet (noch bis Sonntag), die sich das bestbesuchte Kunstmuseum der Schweiz zu seinem 20-Jährigen leistet. Und wenn es zunächst erstaunen mag, dass man sich hier ausgerechnet jetzt erstmals dem Medium der Fotografie zuwendet, erscheint es auf den zweiten Blick nur konsequent. Denn wie Monet, der Chef-Impressionist, lehrt uns auch Tillmans das Sehen neu. Und erinnert uns daran, wie man die Welt auch noch wahrnehmen könnte, nämlich: neugierig statt vorverurteilend, liebevoll und von keinerlei Hierarchiedenken bestimmt.

So weit, so idyllisch. Doch Tillmans wäre nicht Tillmans, wenn die Ernüchterung nicht um die Ecke warten würde. Wie sollte es auch anders sein bei einem, der, obschon bald 49, mit seiner Kunst wie kein anderer für das Lebensgefühl jener Generation steht, als deren Mitglied und Fotochronist er in den frühen 90ern über Nacht bekannt wurde: der Generation Techno, die einst abhob im Ecstasyrausch – und dann brutal hart gelandet ist in der Realität von Hartz IV und HIV. Oder zumindest von Kita und Kombi. Die zwei, die 1992 wie eine moderne Version von Adam und Eva in den Bäumen sassen, auf jenem wohl berühmtesten Foto von Wolfgang Tillmans, müssen es wissen: Hier begegnet man ihnen wieder; allerdings nicht mit Baum, sondern mit Baby. Und Tillmans selbst weiss es erst recht. Er lebt mit dem HI-Virus, schon seit Jahrzehnten. Was wir wissen, wiederum, seit der Ausstellung einer Aufnahme 2015, auf der entsprechende Medikamente mit seinem Namen drauf zu sehen waren.

Vulgär? Mag sein

Er habe die Wahrheit nicht länger für sich behalten wollen, sagte Tillmans damals. Macht Sinn. Schliesslich geht es bei ihm ja generell um die Wahrheit: Kaum eines seiner Werke wird nachträglich bearbeitet, schon gar nicht beschönigt. Die heute grassierende Instagram-(Selbst-)Optimierung, die jeden und jede mit perfektem Teint im perfekten Urlaub vor dem perfekten Dinner zeigt, könnte nicht weiter weg sein von diesen Bildern. Klar, auch Tillmans lässt uns daran teilhaben, was er isst und dass er viel reist. Aber dann manifestiert sich das in grotesk verpackten Pfirsichen auf einem nicht ganz sauberen Fensterbrett in einem anonymen Hotelzimmer, irgendwo in Asien.

Überhaupt, lernen wir in dieser Schau, isst der Mann gerne Früchte: Granatäpfel finden sich zuhauf, ausserdem Aprikosen und Himbeeren (auf einem Teller am Boden, daneben ein Springerstiefel und eine verwaschene Socke). Alles, was saftet, färbt und, einmal angebissen, eine richtige Sauerei anrichtet, denkt man. Da passt es ganz gut, dass Tillmans im hintersten Winkel der Fondation eine Schmuddelecke eingerichtet hat, wo man unter anderem auf entblösste Schamlippen in Nahaufnahme trifft (und sich kurz an Courbets «L’Origine du monde» erinnert fühlt, der hier vor gar nicht so langer Zeit ebenfalls hing), ausserdem auf einen Hundekot, an dem sich schimmernde Fliegen gütlich tun, und einen jungen Mann, der beim Pinkeln auf das Sitzpolster eines Bürostuhls zielt.

Vulgär? Mag sein. Aber schau her, Photoshop-Mensch: Das alles ist eben auch reales Leben! Und überhaupt war beim «Pissing Man» kurz vor Ausstellungseröffnung noch immer nicht klar, ob er es wirklich in die Schau schafft. Tillmans entscheide sich gern nochmals um, erzählen die, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Auch jene in der Tate Modern in London, wo er im Februar seine bisher grösste Schau eröffnete (die noch bis 11. Juni läuft). Ein weiterer Ritterschlag in seiner zweiten Wahlheimat (neben Berlin), wo man ihm 2000 mit dem Turner Prize schon den wohl wichtigsten Kunstpreis der Welt verliehen hat – als erstem Nichtbriten, nota bene, und zudem als erstem Fotokünstler – und ihn ein paar Jahre später zum Mitglied der ehrwürdigen Royal Academy of Arts machte. Was, wenn es auch niemand ausspricht, doch damit zusammenhängen könnte, dass Tillmans’ Kunst eben gerade nicht so kühl, so beherrscht, so aalglatt ist wie jene seiner Fotokollegen Andreas Gursky, Candida Höfer oder Thomas Struth. Und wenn sie analytisch ist, dann mit einer gehörigen Portion Punk.

Man muss das nicht mögen. Ja, man müsse seine Arbeit noch nicht einmal zu 100 Prozent verstehen, sagte Tillmans unlängst in einem Interview. Er hoffe einfach «auf Resonanzen hie und da» und dass seine Kunst Mut mache, in der heutigen Welt keine Angst zu haben, sondern «sich zusammenzutun und sie gemeinsam zu geniessen». Das klingt so nett, dass man kurz versucht ist, hier einen oberflächlichen Opportunisten zu wittern, dessen vermeintliche Welt­offenheit ein Feigenblatt dafür ist, sich nicht zwischen Avantgarde und Kommerz, zwischen Alternativkultur und High End entscheiden zu müssen.

Gegen den Brexit

Vielleicht ist da sogar etwas dran. Tillmans hat es jedenfalls nie gestört, seine Kamera für die «Vogue» wie für die Occupy-Bewegung zu heben. Und auch die 200 Werke, die Kuratorin Theodora Vischer für die Beyeler-Schau ausgesucht hat, hängte er ohne Rücksicht auf Entstehungsjahr und Sujets durcheinander: Swimmingpool neben Kopiermaschine, Sonnenaufgang neben Porträt, Röhrenbildschirm-Geflimmer neben Concorde am Himmel; manches klein, anderes fast wandfüllend, wieder anderes nur mit Klebeband an die Wand befestigt.

Und sogar beim Ausstellungsplakat mochte man sich nicht festlegen und druckte deren zwei: eines mit einem grünblauen Gewässer, unscharf und farbgewaltig, und eines mit einem telefonierenden Mann in Trainerhose. Ist es Tillmans? Auf jeden Fall ist Tillmans einer, der sich nicht zwischen Wasser und Trainerhose entscheiden mag, solange beides mit an Perfektion grenzender Qualität auf Fotopapier landet. Und einer, der – während Jeff Koons Luxus­taschen entwirft und Damien Hirst sein Comeback gibt mit Werken im zweistelligen Millionenbereich – sich weigert, an Sammler zu verkaufen, die ihm politisch suspekt sind (Charles Saatchi etwa). Stattdessen druckt er Plakate gegen den Brexit. Und auch wenn die etwas dramatisch ausfielen – «No man is an island. No country by itself.» – und letztlich nicht den erhofften Erfolg brachten; und auch wenn mancher unkt, Tillmans’ Œuvre habe weder Hand noch Fuss – eines hat es gewiss: nämlich Rückgrat.

Ab Sonntag. Bis 1. Oktober. 7. September: Artist-Talk mit W. Tillmans. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2017, 17:58 Uhr

Wolfgang Tillmans mit seiner Arbeit «Concorde» (1997) in der Fondation Beyeler. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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