Nie war Pink so grau

Er verbiegt das All und verdunkelt den Himmel mit schwangeren Wohnsilos. Das Comix-Festival Fumetto in Luzern präsentiert die düsteren Arbeiten des norwegischen Zeichners Pushwagner.

Furchtbar nah an der Realität: Panel aus «A Day in the Life of Family Man». Comic: PD

Furchtbar nah an der Realität: Panel aus «A Day in the Life of Family Man». Comic: PD

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Grossäugig starrt das Baby durch das Gitter des Laufstalls. Und sieht den Haarschopf seines Vaters; der Rest des Gesichts wird von der Zeitung verschlungen. Der verborgene Vater schweigt, doch das Presseorgan schreit dem Dreikäsehoch entgegen: «Dream Hamburger. Macht Arbeit. Clean Bomb. The Happy Way.» Auf dem nächsten Panel schreit das kleine Geschöpf zurück, lautlos, mit geöffnetem Mund und geweiteten Augen. Noch ein Panel weiter ist der Mund wieder in stummer Verzweiflung geschlossen, nur die Augen, die hört man noch. In «Soft City» des Norwegers Pushwagner ist das Leben alles andere als soft.

Dies ist eine Comic-Trip gewordene Dystopie à la «Brave New World», eine Meistersatire auf eine kapitalistisch durchkonfektionierte Welt, die kalt ist bis ans Herz. Entstanden ist sie zwischen 1969 und 1976 in Oslo und in London – zu einer Zeit, in der sich Terje Brofos überhaupt erst als Hariton Pushwagner erfand, als Supermarkt-Einkaufswagen, beladen mit Konsumkritik. Es war die Phase, in der seine Drogenkarriere so richtig in Fahrt kam, er seine erste Frau traf, sein erstes Kind bekam, zwischen Psychiatrie und Polizeistation, Künstler- und Strassenleben taumelte.

Durchgetaktetes Leben

Heute klingt das alles wie ein modernes Märchen aus dem Geist der 68er. Denn mittlerweile ist der 1940 geborene Push­wagner ein Star in der internationalen Kunstszene. 2008 wurde «Soft City» endlich als Graphic Novel publiziert – die Blätter hatten eine lange Irrfahrt in einem Koffer überstanden, der zwei Jahrzehnte lang verschollen war. Es regnete renommierte Preise, und die Bilder wurden an der Berlin-Biennale und an der Biennale of Sydney ausgestellt.

Jetzt sind sie im Kunstmuseum Luzern zu sehen, im Rahmen des ComixFestivals Fumetto; und wer sich von der Erzählschlange beissen lässt – die Vitrinen mit den Originalblättern winden sich in den Raum –, wird genauso gefressen wie der Vater des Babys von seinem Ramschmagazin. Die fast wortlose Bildgeschichte vom Leben einer jungen Familie in der Megalopole ist nämlich genauso hypnotisch wie dieses Leben im «Brain free circus» selbst: Es ist von Sonnenaufgang bis Monduntergang durchgetaktet und hält die Menschen unter der Knute mit knallharten Leistungs­erwartungen, Weichspülpillen und anonymen Wohnkonserven.

Protest und Katastrophe: So etwas passiert anderswo. Im Fernsehen oder eben im Ramschblatt. Und während die Vision von zahllosen winkenden Frauen­armen in zahllosen Fensterrechtecken zahlloser Wohnblöcke unseren Blick verwirrt, bis die Foltermaschinerie wirkt wie ein zart gezeichnetes, mathematisches Muster à la M. C. Escher, entdeckt der Besucher sich selbst. Die Science-Fiction aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist furchtbar nah dran an der Realität des 21. Jahrhunderts. Das fantastische Folgewerk, die Siebdruckserie «Ein Tag im Leben eines Familienmannes», ist pastelliger, rosaroter, aber um keinen Deut weniger düster. Im Gegenteil: Nie war Pink so grau.

«Die Situation atomisiert uns alle, aber wir spielen mit», konstatiert Push­wagner in einem Interview. «Warum bloss? Wir sind wie Ameisen; sind die Bürger Hiroshimas.» Hiroshima, oder besser: die Hölle von heute, vergrösserte der Beat-Generation-Jünger vom Panel zur Splash Page und schliesslich zum Wahnsinnsfries. Seine «Apokalypse» ist eine Serie aus sieben grossformatigen Visiten – etwa im Hades von «Jobkill» (1990), wo Panzer Skelette ausspucken, derweil auf schicken Dachterrassen die Gourmets dinieren; oder in der Nacht von «Heptashinok» (1988), wo Menschen mit Kinderaugen schön aufgereiht ins Nichts marschieren und verglühen wie Sternschnuppen. Später wird Pushwagner das All zum Gefängnis biegen – endlos krümmen sich die Linien. In «Vertigo» (2006) etwa, einer schwindelerregenden Grossartigkeit, wölben sich die Wohnsilos, als seien sie schwanger, und verdecken den Himmel. Es gibt keinen Ausblick, und trotzdem schauen die Quadratköpfe sehnsüchtig aus den quadratischen Fenstern.

Zeichnen als Befreiung

Es stimmt schon: Der Norweger ist eine Wiederentdeckung. Man spürt die Schwere des Hippies post festum, ja man spürt sogar die Gefangenschaft des Vierjährigen noch, der nach einem Unfall lange ans Bett gefesselt war – und während der Rekonvalesenz das Zeichnen als Befreiung entdeckte. Da ist einer an der Postmoderne quasi mit verstaubtem Koffer vorbeigezogen und schaut mit seiner Blues-Brothers-Brille direkt hinein ins Weh. Subversiver Fun ist nichts für ihn; dafür stehen am Luzerner Festival beispielsweise die bunten Cartoons der Belgier Kamagurka und Herr Seele. Letzterer zeigt als Artist in Residence seine nicht jugendfreien, trashigen Scherze wider das stromlinienförmige Vor-sich-hin-Existieren, etwa im preisgekrönten Band «Cowboy Henk». Eine in jedem Sinne scharfe Sache.

Aber die Verletzung durch den Blick des Pushwagner-Kindes, sie geht tiefer.

Von Pushwagner ist am Festival der gleichnamige Sammelband greifbar, inklusive «Soft City», «A Day in the Life of Family Man» und «Apocalypse Frieze», Essays, Porträtfotos etc. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 18:42 Uhr

Pushwagner


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