Nur Prinz Charles feiert nicht mit

Eine Ausstellung feiert Richard Rogers, der die Londoner Architektur in den letzten Jahrzehnten geprägt hat wie kein anderer.

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Wer in Westlondon zwischen Putney Bridge und Hammersmith Bridge das Flussufer entlangradelt, kommt an einem schön umgemodelten, grossflächig verglasten alten Werftgebäude vorbei, in dessen Grossraumbüro Dutzende von Architekten beim Kalkulieren und Zeichnen zu beobachten sind.

Lord Rogers of Riverside, wie Richard Rogers mit vollem Titel heisst, leitet von diesem Flecken aus sein kleines, einflussreiches Baumeisterimperium. Viel Wasser ist die Themse hinuntergeflossen, seit Rogers zu Beatles-Zeiten mit Ehefrau Su, seinem späteren Toprivalen Norman Foster und dessen Frau Wendy im Team 4 seine Karriere begründet hat. Mittlerweile, gerade 80 geworden, kann er auf eine Laufbahn zurückschauen, wie sie nicht einmal Lord Foster vorweisen kann – und der hat immerhin das neue Wembley-Stadion gebaut und die Glaskuppel auf den Reichstag in Berlin gesetzt.

König der innovativen Architektur

Rogers aber ist der ungekrönte König der innovativen Architektur auf den Britischen Inseln. Die Royal Academy hat ihm darum zum runden Geburtstag eine Ausstellung gewidmet, die seine Produktion von seinen frühesten Städtebaunotizen bis zur Idee für seinen derzeitigen City-Riesen, den sogenannten Cheese Grater (Käsereibe).

Das in den 70er-Jahren zusammen mit dem Italiener Renzo Piano entworfene Centre Pompidou in Paris gehört dabei zu Rogers’ «Grosstaten» – genau wie das epochale Lloyds-of-London-Versicherungsgebäude im Finanzbezirk der britischen Hauptstadt. Andere weltbekannte Bauten sind der Millenniumsdom, das «weisse Wigwam» an der Themse, oder das walisische Parlament in Cardiff. Aber auch die neuen Gerichtshöfe von Bordeaux, Madrids Flughafenhalle 4, der Airport-Terminal 5 in Heathrow. Dazu kommen kleinere Wunderwerke wie das preisgekrönte Krebsuntersuchungszentrum Maggie’s Centre am Krankenhaus Charing Cross im Stadtteil Fulham.

Zugängliche Räume

Über den Reichtum und die Eigenart dieser Produktion gibt die Ausstellung beredt Auskunft. Und sie feiert auch die Rolle des gebürtigen Florentiners – seine Eltern flohen 1939 aus Italien – bei der Rückbesinnung der Insel auf soziale städtebauliche Konzepte.

Mit der gewollten Zugänglichkeit des Centre Pompidou, mit dem Ringen um die Öffnung von Themse-Uferwegen und seinem Engagement für die Umwandlung des Trafalgar Square in eine Fussgängerzone hat sich Rogers früh für den Ausbau gemeinschaftlicher Räume eingesetzt. Kein Zufall also, dass der grösste Raum bei der Royal-Academy-Show ein relativ leerer Raum geblieben ist – eine Art Amphitheater für den Dialog und die architektonische Debatte. Denn Rogers bezieht seinen Ruf nicht nur von seinen Schöpfungen: In Jahren, in denen wenig von öffentlichem Leben und viel von Privatisierung die Rede war, hat er kommunale Räume verteidigt, Nachhaltigkeit gefordert, sich mit dem Nahverkehr beschäftigt und eine fantasievolle Neubebauung von industriellem Brachland gefordert. Seine Überzeugung war, dass Menschen in vernachlässigte Innenstadtbezirke zurückgelockt werden sollten – mit ansprechenden Wohnungen, Galerien, Cafés, Fussgängerbrücken, Spazier- und Radwegen.

Als Berater für Städteplanung ist Rogers Tony Blair und später dem Londoner Labour-Bürgermeister Ken Livingstone zur Seite gestanden. Zeitlebens selbst ein Labour-Mann, hat er auch im eigenen Wirkungsbereich ein paar Zeichen zu setzen gesucht – mit Partnerschaften, Mitbestimmungsmodellen und der Unterstützung karitativer Organisationen per festem Gewinnanteil.

Glorifizierung von Mammon vorgeworfen

Allerdings ist er zugleich Teil des britischen Establishments geworden. Seine Ernennung zum Baron und der damit verbundene Sitz im britischen Oberhaus, seine Übernahme wichtiger öffentlicher Posten und sein wachsender Einfluss aufs Londoner Baugeschäft haben ihn zu einer mächtigen Figur an der Themse gemacht. Das wiederum hat zusammen mit seinem Wirken in den letzten Jahren zu Streit um sein architektonisches Erbe geführt – einem Streit, der jetzt, anlässlich der Geburtstagsausstellung in der Royal Academy, neu entfacht wurde. Im Urteil etlicher Kritiker nämlich ist der berühmte Themse-Lord vom dereinst urprogressiven Schöpfer des Centre Pompidou mehr und mehr in die Niederungen der Glorifizierung von Mammon und Hochfinanz abgerutscht.

One Hyde Park – eine der letzten grossen «Baustellen» Rogers’ – ist ein hermetisch abgeriegelter Wohnkomplex mit den angeblich teuersten Apartments der Welt geworden (die Kosten belaufen sich auf 20 Millionen Pfund aufwärts). NEO Bankside und Riverlight stellen zwei weitere, für Normalsterbliche unerschwingliche Luxusblocks an der Themse dar. Mit diesen Gebäuden hat Rogers dem Architekturkritiker Owen Hatherley zufolge «eine Reihe schöner, unverwechselbarer und faszinierender Maschinen geschaffen, die am Ende leider nichts anderes als Geld produzieren». Keines dieser Gebäude kommt in der Ausstellung gross vor. Und mit seinem neuen Banken-und-Büro-Wolkenkratzer in der City, der «Käsereibe», hat Rogers zum Bedauern selbst der systemtreuen «Financial Times» «nichts weiter als eben noch ein Symbol der City-Finanz» geschaffen.

Käsereibe gegen Gurke

Fast könnte man glauben, dem alten Innovator sei der Wettstreit mit seinen früheren Partnern wichtiger geworden als sein Einsatz für die «kleinen Leute». Denn Renzo Pianos «Shard», die monumentale «Glasscherbe», ist ja erst jüngst mit grossem Tamtam eröffnet worden. Mit Fosters schon etablierter «Gherkin», der Swiss-Re-Gurke misst sich nun Rogers' riesige Käsereibe in nächster Nachbarschaft. Zugleich stellt Rogers mit diesem «Cheese Grater» sein eigenes Kunstwerk, das Lloyds-of-London-Gebäude, in den Schatten, das vor kurzem unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Ein wenig konfus erscheint so das Bild von Richard Rogers. Immerhin legt er sich nach wie vor gern mit der Vergangenheit an. Sein Zwist mit Prinz Charles, der London am liebsten im Stil der St.-Paul’s-Kathedrale einfrieren würde, amüsiert die Briten seit langem. Erst kürzlich hat der König moderner Baukunst dem Konservierungsprinzen vorgeworfen, mit «verfassungswidrigen» Mitteln Einfluss auf die neue Architektur zu nehmen. Charles «missbrauche» seinen Thronfolger-Einfluss und verfüge letztlich über ein Veto, was die Skyline der Hauptstadt betreffe, klagt Rogers. Der Prinz von Wales begreift diesen Vorwurf nicht. Er will ja nur jene «brutalistische» Architektur verhindern, wie sie Rogers gelegentlich plant.

Vielleicht sollten sich die beiden Bauenthusiasten einmal im Debattenraum der Royal-Academy-Ausstellung einschliessen. Mit einem Leibwächter, der sie notfalls trennen kann.


Richard Rogers: Inside Out. Royal Academy, London, bis 13. 10. www.royalacademy.org.uk

Erstellt: 16.09.2013, 07:45 Uhr

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