Hintergrund

Pop-up-Kunst

In London haben sich Pop-up-Galerien längst etabliert. In Zürich muss das Phänomen zwar noch Schule machen, doch wagen sich bereits erste Junggaleristen an das neue Kunstkonzept.

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Zum ersten Mal hörte man den Begriff «Pop-up» (Englisch für auftauchen) im Zusammenhang mit Modelabels. Die japanische Avantgardistin Rei Kawakubo eröffnete 2004 mit ihrem Label Comme des Garçons den ersten so genannten «Pop-up-Store» für eine begrenzte Zeit in einem kargen, sehr grossen, zum Abbruch bestimmten ehemaligen Supermarkt in Ostberlin. Mietkosten: 700 Euro im Monat.

Schon bald begeisterten sich weitere Modelabels für die Idee und in verschiedensten Städten tauchten vorübergehende Fashion-Oasen auf. In London, wo die Kunstszene sowieso immer einen Schritt voraus ist wurde das Konzept bald auch von jungen Galeristen übernommen. Leerstehende Geschäfte, Wohn-oder Geschäftshäuser, die für eine Sanierung geräumt worden waren, wurden von den Kreativen gekapert und – manchmal auch nur für wenige Tage – mit einer Kunstausstellung besetzt. New York zog ebenfalls nach und nun scheint der Trend auch in Zürich Fuss zu fassen.

Zur Not tut es auch die Galerie in der Galerie

Kein Wunder, denn gerade für Junggaleristen, die über kein grosses Budget verfügen, kommt das Pop-up-Konzept wie gerufen. Da die Galerie meistens nur kurze Zeit an einem Ort ausstellt, ist die Miete bezahlbar, manche Locations bekommt man sogar umsonst. In New York setzen Liegenschaftsbesitzer Pop-up-Galerien beispielsweise als Mittel gegen Hausbesetzer ein: Steht ein Haus leer, rufen sie spezialisierte Agenturen wie Chashama an, die in kürzester Zeit den Raum kreativ belegen. In Zürich ist die Suche nach einer Location meistens schwieriger, verfügt die Stadt ja bekanntlich über sehr wenig Leerräume. Doch auch wenn sich nichts findet, gibts Alternativen, zum Beispiel die Untermiete in einer Galerie für wenige Tage. «Im Prinzip kommen die Leute ja sowieso nur zur Vernissage und Finissage», sagt Michael Ruch von der Pop-up-Galerie «NeoVandalism». Ruch und sein Geschäftspartner Quentin Caminada organisieren nur dreitägige Ausstellungen. Als sie diesen Frühling keine passende Location für ihre Show «Introducing NeoVandalism 2» fanden, kamen sie in der Zürcher Galerie Ryf unter. Die Miete für drei Tage konnten auch sie sich leisten und den Galeristen kam der Zustupf recht, denn die Mietpreise für Galerieräume sind hoch in Zürich, die Konkurrenz ist gross.

Der Basler Michael Ruch ist in der Hip-Hop-Szene gross geworden, mit dreizehn Jahren begann er Platten aufzulegen, organisierte gemeinsam mit seinem Kumpel Caminada Partys und begeisterte sich schon als Teenager für «Urban Art» oder «Street Art». Als 17-Jähriger reiste er erstmals nach New York, besuchte die dortigen Kunstmuseen und leistete sich sein erstes Bild: ein Werk des New Yorker Künstlers KAWS. Dieser begann seine Karriere als Graffiti-Künstler, designte später Spielsachen und auch Kleider, die vor allem in Japan grossen Anklang fanden. Inzwischen werden seine Bilder im hohen fünfstelligen Bereich gehandelt.

Michael Ruch bezeichnet die von seiner Galerie repräsentierte Kunst als «NeoVandalism», daher auch der Name der Pop-up-Galerie, die er zusammen mit Caminada letztes Jahr ins Leben rief. Den beiden Galeristen ist es wichtig, diese Art von Kunst, die ihre Wurzeln zwar in der Strassenkunst hat, aber auch stark von der Pop-Art beeinflusst ist, in der Schweiz zu etablieren.

Ausgediente Druckereien, ehemalige Restaurants

Yves Sinka und Oskar Weiss haben ebenfalls eine Pop-up-Gallery, die sie – ganz einfach – Sinka & Weiss genannt haben. Diesen Sommer feierten sie mit der Ausstellung «Ein/1/I» ihr Galeristen-Debüt, eine zweite Ausstellung («Zwei/2/II») ist Ende November geplant, gezeigt werden Werke des Schweizer Künstlers Patrick Graf und der Taiwanesin Tzu-Ting Wang. Als grösstes Hindernis erweist sich jeweils die Suche nach einem passenden Ort. Der Raum sollte kein «White Cube» sein, sagt Yves Sinka, «solche Ausstellungen kann man sich künftig im Löwenbräu-Areal anschauen.» Für ihr Debüt konnten sie die Räume einer ehemaligen Druckerei beim Lochergut benutzen, und für die November-Ausstellung haben sie sich für ein ehemaliges Restaurant an der Müllerstrasse entschieden.

«Wir suchen Räume, die eine Herausforderung sind», sagt Sinka. Diese müssten auch nicht der gängigen Auffassung einer Galerie entsprechen, wichtig sei aber, «dass die Ausstellung gut zu erreichen ist». Kennen gelernt haben sich Sinka und Weiss letztes Jahr in London, wo Sinka an der «University of The Arts» studiert. Bei ihren Streifzügen durch die Londoner Kunstszene fiel ihnen auf, dass «junge Künstler dort viel unternehmen, selber Ausstellungen organisieren und nicht auf ihr Glück warten, entdeckt zu werden». In Zürich sei alles viel festgefahrener, was sie umgehend ändern wollten. Ihr Debüt war denn auch eine Plattform für junge, lokale Künstler: Rico Scagliola & Michael Meier, Play Hunter, Valentina Vujovic, Tina Braegger und Nicolas Frey zeigten ihre Arbeiten.

Das Publikum unterscheidet sich nicht gross vom Vernissagen-Volk

Dass sich Pop-up-Galerien nur im Untergrund etablieren könnten, ist ein Vorurteil. Gerade in London und New York gibt es zahlreiche Galerien, die zwar grosse Erfolg feiern, dem Pop-up-Konzept aber dennoch treu bleiben. Ruch und Caminada, die seit der NeoVandalism-Gründung sechs Ausstellungen organisiert haben, konnten sich ebenfalls etablieren und werden Mitte Oktober mit ihrer Galerie an der Berliner «Stroke», einer Urban-Art-Messe teilnehmen. Unter anderem werden sie grossformatige Originale der beiden Schweizer Thomas Bestvina und David Lucco zeigen und seltene Drucke von KAWS, Shepard Fairey (auch bekannt als Obey), Conor Harrington und Takashi Murakami.

Auch das Publikum der Pop-up-Galerien unterscheidet sich nicht gross vom gängigen Vernissagen-Volk. Das Durchschnittsalter ist zwar merklich tiefer, doch werden die Ausstellungen auch von alteingesessenen Kunstsammlern besucht. «Die kommen immer wieder und schauen, was wir so zu bieten haben», sagt Ruch. Und es wird, sagt Sinka, «eher Bier als Champagner getrunken». Das allerdings könnte am Budget der Galeristen liegen.

Erstellt: 29.09.2011, 15:43 Uhr

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