Schöne Schnitte

Das Landesmuseum in Zürich zeigt eine Welt aus Papier: Scherenschnitte aus alter Zeit und neue, kühne Interpretationen davon.

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Der Scherenschnitt ist eine unterschätzte Kunst. Zu versiert in der Technik, zu dekorativ, zu kindlich, um ernst genommen zu werden. All das, was den Papierschnitt charakterisiert, steht seiner Wertschätzung im Weg. Das Landesmuseum zeigt nun mit seiner neuen Ausstellung «Scherenschnitte», wie viel Potenzial diese Kunst hat. Eine junge Generation bemüht sich seit einiger Zeit, den traditionellen Kontext zu sprengen und kreiert statt Alp­aufzügen Installationen und «Cuts» aus Karton, Leder oder Metall.

Die Künstlerin Ana Strika etwa hat auf Einladung des Museums für das historische Zimmer der Fraumünsterabtei Stuhlsilhouetten aus Chromstahl lasern lassen, die frei von der Decke hängen. Weshalb Stühle? Weil der Raum im Damenstift um 1500 eine Art mulitfunktionales Büro inklusive Besuchs- und Empfangszimmer war. Die multiplen Spiegelungen in den «Stühlen» sind metaphorisch zu verstehen, vergleichbar mit der wechselhaften Geschichte des Zimmers.

Noch etwas raumgreifender und forcierter geht Marianne Vogler zur Sache. In der Rathausstube von 1467 steht eine begehbare, brusthohe Papierplasik, die mehr Schnitte als Papier aufweist. Das Ganze nennt sich «Rondo», und als Hintergrund hört man ab Band das Schneiden des Cutters. Ein aggressives Kratzen, bei dem einem Verletzungen in den Sinn kommen und nicht Kühe, Vögel und Bauern inmitten einer poetisch-alpinen Welt, wie sie der «Vater» des Schweizer Scherenschnitts, Johann Jakob Hauswirth, um 1850 im traditionellen Faltschnitt fertigte.

Scharfe Kontraste

Wie heute die meisten Schnittkünstler, war auch Hauswirth Autodidakt. Aus dem Saanenland kommend, arbeitete er zumeist als Köhler und Tagelöhner und schuf nebenbei mit seinen klobigen Händen feinste Papierschnitte in klassisch symmetrischer Anordnung. Oft tauschte er ein solches Werk gegen ein Nachtlager oder eine warme Mahlzeit ein. Seine liebenswürdigen Sujets gehören zusammen mit denen weiterer Zeitgenossen zum Herzstück der Ausstellung. Um diese Arbeiten im traditionellen Stil herum sind geschickt zeitgenössische Schnitte gruppiert, welche Themen der klassischen Vorbilder aufnehmen und neu interpretieren, etwa das Motiv des Vogels, der Liebesbezeugung, der Brücke oder auch der Apotheke, um 1800 ein beliebtes Genremotiv.

Diese rund 100 neueren Arbeiten stammen aus einem Wettbewerb, den der Verein Freunde des Scherenschnitts 2012 ausgeschrieben hatte. Besonders überzeugend ist «Pharmazie» von Ernst Oppliger: Packungsbeilagen mit all den unschönen Geschichten, die wir kennen – Nebenwirkungen, die nicht nebensächlich sind. Oppliger hat nicht das Messer oder die Schere benutzt, sondern den Säurefrass. Das Gesambild zeigt denn auch einen Totenkopf, der uns grinsend die «beschränkte Haltbarkeit» und anderen Unbill mitteilt. Auch Oppligers «Torso» ist subtil; frei assoziierend stellt er ihn dem Alpaufzug eines Johann Jakob Hauswirth gegenüber. Auf den ersten Blick sieht man einen männlichen Brustkasten, genauer einen schmächtigen Ü-60-Oberkörper. Und wie bei Hauswirth zählt man dann doch 1 Sennhütte, 5 Ziegen, 1 Ziegenbock, 21 Kühe, 2 Frauen und 7 Männer. Durch Spiegeln, Falten und Ritzen mit dem Skalpell direkt ins Bild entsteht etwas ganz Neues von künstlerisch beeindruckender Qualität.

Nonnen waren die Ersten

Andere frische Interpretationen sind eher auf der humoristischen Seite, Eva Ernis rosarote Brille zum Thema «Liebesbezeugungen» ist tatsächlich eine Brille mit zarten, klitzekleinen rosa Herzchen als «Brillengläser». Und «Die Kuppel» von Wilfried Riess ist die dreidimensional umgesetzte Deutung vom guten alten «Blumenstrauss», der in der Scherenschnittkunst lange einen festen Platz hatte. Witzig ist der Papierschnitt «Der Eindringling» von Hans-Jürgen Glatz. In traditioneller Manier sind Bauernhäuser, Bäume und Kühe dargestellt, und man fragt sich: Wo versteckt sich bloss dieser Eindringling? Es sind vier gefleckte Kühe, die sich unter die Herde von schwarzen Kühen mischen.

Neben allem zeitgenössischem Schaffen zeigt die Ausstellung auch die Anfänge des Scherenschnittes: Ende des 17. Jahrhunderts entstehen sogenannte Andachtsbilder wie das vom heiligen Ludovicus, vor allem in den Klöstern Süddeutschlands. Nonnen fertigen die sogenannten Spitzenbilder als kontemplative Beschäftigung mithilfe eines kleinen Taschenmessers. Aus Pergament und Papier gearbeitet, dienten sie als Buchzeichen für die Bibel oder das Gebetbuch. Später, im 18. Jahrhundert, kommt dann das Silhouettenporträt in Mode; Goethe und Lavater waren prominente Vertreter dieser Darstellung.

Schliesslich sind auch Arbeiten von Kindern aus dem Wettbewerb des legendären Pestalozzi-Kalenders zu sehen, der ab 1920 ausgeschrieben wurde. Einer fällt schon früh auf: Alois Carigiet.

Bis 19. April

Erstellt: 07.01.2015, 18:08 Uhr

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