Interview

«Schweizer Kunst kommt aus einer bäurischen Tradition»

Urs Fischer gehört zu den wichtigsten Kunstexporten der Schweiz. Der Zürcher über die diesjährige Art, einheimische Kunst – und weshalb er sich schämte, Künstler zu sein.

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Sie waren letzte Woche in der Schweiz – haben Sie die Art besucht?
Nein.

Warum nicht – interessiert Sie das nicht?
Für junge Künstler mag es interessant sein, weil man viele andere Künstler antrifft, die dort ihre Sachen aufbauen, aber später ist es eher bedrückend.

Warum?
Die Art ist so etwas wie die Olma der Kunst. Wenn man an eine Messe für Zahnarztbedarf geht, wird man ja auch fast erschlagen von all den Instrumenten. Genauso bei der Kunst, man versucht ja, möglichst etwas Gutes zu machen, und dann geht das in dem ganzen Rummel etwas unter. Für einen Künstler ist das frustrierend. Aber man geht ja auch dahin, um gesehen zu werden.

An solchen Anlässen bekommt man den Eindruck, Kunst sei zu einem Art Kult geworden, niemand versteht sie, aber alle verehren sie. Geht es Ihnen auch so?
Schwierig zu sagen. Aber ja, ich habe auch solche Momente. Ich schau mir sehr vieles an, lese viel und manche Dinge nehme ich tatsächlich auch sehr ernst – nicht unbedingt meine eigenen Arbeiten, aber die anderer Leute. Aber es gibt auch das Umgekehrte, dass man alles einen Seich findet.

Ich habe eine These über Schweizer Kunst: International erfolgreiche Schweizer Künstler machen humorvolle Kunst – das spielt bei Ihnen auch eine Rolle. Wie sehen Sie das?
Ich habe eine Gegenthese: Die Schweiz ist historisch gesehen punkto Kunst ein Land der Autodidakten. Es gab ja nie ein Königshaus, für das die Künstler gearbeitet hätten, keine Schlösser, die man mit Kunst hätte füllen müssen, keine Institution, die das vereinigt hätte. Schweizer Kunst kommt deshalb eher aus einer bäurischen Tradition, und dort spielte Unterhaltung auch eine grosse Rolle. Nur ist der Schweizer Humor nicht so einfach zu verstehen.

Was brachte Sie eigentlich zur Kunst?
Sagen wir es so: Ich wollte immer schon Kunst machen, aber ich wollte nie Künstler werden. Früher hätte ich es beschämend gefunden, mich Künstler zu nennen.

Warum?
Wegen des Image. Ich wollte nie zu den Künstlern gehören, ich wollte nicht das sein, was ich damit assoziierte. Diese Leute schienen immer schon so genau definiert, man schaut sie als Künstler an. Ich wollte mich nicht so einschränken lassen.

Aber Sie wollten Kunst machen und ein Publikum finden.
Klar, das macht ja auch Spass. Ich hatte nie diese Besessenheit eines Künstlers, der im einsamen Kämmerlein vor sich hinbrütet. Ich mag es, wenn etwas läuft.

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie merkten: «Ja, ich werde Kunst machen»?
Es gibt ja Leute, die haben eine Lebensmittelvergiftung, sind drei Wochen halb tot, und dann wachen sie auf und wissen: Jetzt wird alles anders. Das hatte ich nie.

Ist die Möglichkeit, viel Geld zu machen, eine Versuchung?
Das ist sicher ein Thema, aber das muss jeder mit sich selber ausmachen, worum es ihm in seiner Kunst geht. Ich lebe seit 13 Jahren von meiner Kunst, und es kann beklemmend sein, wenn man die Wertschöpfung bei der eigenen Kunst miterlebt. Aber wie mit allem im Leben denkt man irgendwann nicht mehr daran.

Trotzdem muss man sich die Frage stellen, was man mit seiner Kunst eigentlich will.
Es ist immer noch so, dass man sich mit Geld vieles kaufen kann. Was man nicht kaufen kann, ist die Fähigkeit, gute Sachen zu machen, hehehe. Deshalb ist es ein schlechter Deal, wenn man Kunst macht, um damit möglichst viel Geld zu verdienen.

Zweifelten Sie je daran, dass Sie auf Kunst setzen wollen?
Ja, das gab es. Ich hatte früher einige Nebenjobs, die anfingen, mir Spass zu machen. Zum Beispiel arbeitete ich eine Weile als Bühnenbildner beim Film. Es lief gut, man arbeitet mit Leuten zusammen. Aber das verflüchtigte sich.

Wie ist es eigentlich, berühmt zu sein?
Keine Ahnung. Das sind diese Zuschreibungen von aussen, die mir eigentlich suspekt sind. Ich denke nicht so. Aber eine gewisse Bekanntheit hilft, weil man mehr Möglichkeiten hat. Aber mir ist das alles immer noch ein bisschen suspekt.

Hat man denn mit einem Namen nicht mehr Möglichkeiten, Sachen zu realisieren?
Als junger Künstler macht man sehr viele Sachen, um zu experimentieren. Irgendwann ist diese Phase vorbei, und man kann nicht zurück. Man muss sich vorwärtsbewegen. Je bekannter man ist, einen guten Markt hat, desto schneller kann man die Sachen natürlich realisieren, und es macht auch mehr Spass.

Der Kunstmarkt boomt seit Jahren, mit einem kleinen Einbruch 2009. Wie haben Sie das erlebt?
Ich mache ja Skulpturen, und das ist relativ aufwendig und mit hohen Produktionskosten verbunden. Wenn man dann mehrere Produktionen draussen hat, braucht das einen gewissen Cashflow, das gesamte Geld fliesst in die Arbeit, und das wird dann schwierig. Aber der Markt hat sich wieder erholt.

Ist es für einen jungen Künstler heute einfacher oder schwieriger, Kunst zu machen?
Ich glaube, es ist beides. Es ist einerseits schwieriger, weil die Wahrnehmung des Ganzen sehr eng mit Geld verbunden ist. Wenn man Erfolg hat, kann man mit der Kunst sehr gut Geld machen. Das vor Augen zu haben, hilft aber sicherlich nicht. Denn darum geht es ja nicht. Oder jedenfalls nicht primär. Auf der anderen Seite hat man heute viel mehr Zugang zu Kunst, mehr Orte, um auszustellen, es ist mehr Interesse da.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Angst sei Ihr Motor. Was meinen Sie damit?
Das ist bei allen so, nicht?

Ich empfinde Angst eher als lähmend.
Die meisten Entscheidungen entspringen ja einer Angst. Zum Beispiel wenn ich Kunst mache, dann versuche ich, es möglichst gut zu machen aus Angst, es schlecht zu machen. Oder so ähnlich. Warum hat man gerne Erfolg, warum will man seine Sachen machen?

Sie haben in einer Galerie den ganzen Boden rausgerissen. Das braucht ja ziemlich Mut. Wie kommt man auf eine solche Idee?
Ich wollte eine Ausstellung machen, in der ich nichts zeige. Ich hatte keine Lust mehr, irgendetwas hinzustellen oder hinzuhängen. Zuerst wollte ich nur ein kleines bisschen vom Boden wegnehmen. Dann fand ich plötzlich, da kann man auch gleich alles rausnehmen. Ich fand einfach, das muss jetzt raus und fertig.

Sie haben eine kleine Tochter – inwiefern hat das Ihre Arbeit verändert?
Ich arbeite im Moment richtig. Halb sieben aufstehen, um neun ins Studio, halb sieben komme ich wieder nach Hause, neun Uhr ins Bett. Es macht ruhiger, auch wenn alles andere nicht ruhiger wird.

Erstellt: 16.06.2011, 10:11 Uhr

Urs Fischer

Urs Fischer wurde 1973 geboren. Der Zürcher gehört zu den bedeutensten zeitgenössischen Künstlern der Schweiz. Fischers Werke waren in zahlreichen Solo-Ausstellungen zu sehen, etwa im Kunsthaus Zürich, im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam, im Centre Georges Pompidou in Paris sowie in der Whitney Biennial 2006. Urs Fischer lebt in New York.

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