Seid umschlungen, wilde Künstler

Gegenwartskunst hat es schwer in Putins Russland. Provokationen werden mit Haft bestraft. Nun eröffnet die Gattin Roman Abramowitschs ein Museum. Geht das?

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Eigentlich wäre Wladimir Putin gerne Roman Abramowitsch. Das sagt Oleg Kulik, auch bekannt als «russischer Hund». Der Performancekünstler trat früher in Museen und Galerien nackt auf, kläffend, mit einer Kette um den Hals. Vor zwanzig Jahren biss er in Zürich David Weiss vom Künstlerduo Fischli/Weiss in die Wade.

Seither ist es ruhiger geworden um Kulik. Die meisten seiner Künstlerkollegen haben Russland verlassen. Kulik blieb und sagt jetzt: «Bei uns ist alles schön friedlich.» Er zieht den Satz in die Länge: «Soooo friedlich. Ein Volk, ein Land, eine Partei, alles ist wieder klar.» Vermutlich meint er es ironisch.

In zwei Stunden wird Moskau sein erstes modernes Kunstzentrum erhalten. Eines von des Oligarchen Gnaden: Ganz ohne Staatsgeld eröffnet Dascha Schukowa, die Frau des Rohstoff-Tycoons ­Roman Abramowitsch, im Gorki-Park die «Garage», den permanenten Sitz ihres Museums für zeitgenössische Kunst. Ein nach westlichen Standards hergerichteter Bau für jene Kreativen also, die dem moralinsauren Regime Putins schon lange ein Dorn im Auge sind. Nicht weniger als fünf Polizisten rücken noch während unseres Aufenthalts in ­Moskau aus, um zwei junge Frauen aus dem Umfeld der Gruppe Pussy Riot bei einer harmlosen Aktion zu verhaften: Die beiden hatten in Sträflingskleidern im öffentlichen Raum an einer russischen Flagge genäht. Auf engagierte Kunst folgen in Russland oft harte Strafen, das Gesetz macht es möglich. «Homosexuelle Propaganda» ist verboten. Der neu erstarkte orthodoxe Klerus hat unlängst ein Rockfestival verhindert.

Und nun soll mitten im Moskau ausgerechnet jenem modernen Kulturzweig gehuldigt werden, in dem Tabubruch und Provokation zur Normalität gehören. «Oleg Borisowitsch», fragen wir den Per­formancekünstler Kulik, ihn mit Vor- und Vaters­namen anredend, «wie geht das?» «Sehr gut», sagt ­Kulik. «Bei uns in Moskau ist es wie im Fegefeuer – es gibt Engel, es gibt Teufel, aber im Grunde ist ­alles möglich. Und Wladimir Wladimirowitsch bewundert Roman Arkadjewitsch.»

Putin bewundert Abramowitsch? Kulik antwortet mit einer Frage: «Wie könnte er nicht?» Abramowitsch habe alles, was ein Kerl sich wünschen könne: einen der weltbesten Fussballclubs, Häuser auf der ganzen Welt, drei Jachten und eine junge Frau, die erst noch wie ein Model aussieht. «Und was hat Putin? Rubelabwertung, Ukraine, Tschetschenien und eine zwar gelenkige, aber doch eher grobe Sportlerin zur Freundin.» Es sei durchaus folgendes Szenario möglich, sagt Kulik: Putin kommt in die Garage. Was sieht er? Schöne Räume, westlichen Standard, perfekten Cappuccino, hübsche Museumshostessen . . . Wow, sagt sich Putin, dieser Abramowitsch ist ein schlauer Hund. Und schwups, der Kunsthasser wird zum Kunstbewunderer. Kuliks Blick wird weich, was auch am Joint liegen kann, den er mit seinem jungen Künstlerfreund durchzieht.

Eine «Garage» von Rem Koolhaas

Im Kulturzentrum Winsawod, wo wir uns gerade befinden, einer zu Künstlerateliers und Galerien umfunktionierten alten Brauerei, kann von westlichem Standard keine Rede sein. Im dunklen Atelier herrscht morbide Stimmung, hier könnte ein neuer Dostojewski eines seiner Moraldramen ansiedeln. Was aber Putin anbelangt, das ist in diesem Raum allen klar, könnten die Dinge genauso gut umgekehrt laufen: Die mittelalterlichen Gesetze könnten noch strenger werden, die Wut der Bürgerwehren überkochen. Dann könnte auch das ganze Geld des Oligarchen Abramowitsch die Schliessung des modernen Museentempels nicht mehr verhindern.

Nun aber wird erst einmal eröffnet. Auf dem Weg zur Garage – Kulik ist auch eingeladen – zeigt sich Moskau in milder Vorsommerstimmung. Die Damen trippeln auf ihren High Heels durch das riesige Eingangstor zum Gorki-Park. Ein Blick nach links übers Brückengeländer erinnert unheilvoll an den bisher in Moskau geltenden Kunstgeschmack – die 94 Meter hohe Statue des georgischen Bildhauers Surab Tsereteli mitten im Moskwa-Fluss erschreckt Einheimische und Touristen. Das Monstrum stellt eigentlich Peter den Grossen dar, sieht aber eher aus, als ob es nächstens die Stadt angreifen würde.

Die neue «Garage» ist alles, was Tsereteli nicht ist: elegant und angemessen. Der holländische Star­architekt Rem Koolhaas, zurzeit der Lieblingsbaumeister der reichen Privatsammler, hat sich beim Umbau des Parkrestaurants auf eine leise Art selbst übertroffen. Das alte Gebäude, ein Dutzendbeispiel sowjetischer Architektur der 1960er-Jahre, verwandelte er mit kleinen gezielten Eingriffen in einen modern wirkenden Zeitzeugen. Eine Hülle aus grau schimmerndem Polykarbonat betont die Horizontale, aus der zwei enorme Flügeltüren nach oben ausbrechen. Koolhaas (70), Architekturprofessor und Vordenker des neuen Urbanismus, sagt dazu Sätze wie diesen: «Dem Holocaust der ­Gebäude dieser Ära muss endlich Einhalt geboten werden.»

Dascha Schukowa, Kalifornien

Nun, Holocaust ist ein starkes Wort. Doch Koolhaas, stellt sich heraus, ist ein alter Liebender. Es war die russische Architektur der Sowjetjahre, die ihn als Studenten in den 1960er-Jahren geprägt hat. Ein Lächeln erhellt das markant zerfurchte Gesicht: Der Stararchitekt gefällt sich in seiner Rolle als Bewahrer. Gut für ihn, dass Geld bei der Rettung dieses ­Gebäudes keine Rolle gespielt hat. Die Summe von 27 Millionen Dollar, die Bauherrin Schukowa uns als Umbaubudget mitteilt, halten viele für untertrieben. Sie habe sich ein Ziel in den Kopf gesetzt, sagt sie mit ihrer leisen, doch bestimmten Stimme. Was es kosten würde, war weniger wichtig. Nur etwas zählte: dass das Museum das Gefühl für die historische Kontinuität des Landes stärken würde. Ein Gefühl, das dem jäh von kommunistisch zu kapitalistisch gepurzelten Volk empfindlich fehle. Ihr Museum solle ein Ort des Nachdenkens über Russland sein. Es gebe sie nämlich durchaus noch, sagt Schukowa, die Tradition der russischen Intellektuellen, der berühmten Intelligenzija. Auch wenn sie ge­litten habe in den letzten Jahren.

Dascha Schukowa (34) hat ihren Blick auf Russland aus der Ferne geschärft. Sie ist in den USA aufgewachsen. Putins Russland ist nicht ihr Zuhause. Sie verliess Moskau als zehnjähriges Mädchen ­zusammen mit ihrer frisch geschiedenen Mutter, ­einer Molekularbiologin. Sie gingen nach Kalifornien. Ein Härtefall war die Familie schon damals nicht, denn Dascha Schukowas Vater ist ebenfalls ein steinreicher Oligarch, es ist der Ölhändler Alexander Radkin. Heute nun ist Dascha, Mutter von zwei Kindern, auch noch Mitgeniesserin des immensen Abramowitsch-Vermögens. Wie die meisten russischen Oligarchen hat der Selfmademan, dessen Aufstieg mit einem Plastikspielzeug-Vertrieb begann, sein Vermögen längst im Ausland in Sicherheit gebracht. Das Paar ist öfter in London und an der Côte d’Azur als in Moskau anzutreffen.

Sowjetromantik

An der Vernissage in der Heimatstadt hält Frau Schukowa in einer züchtigen weissen Bluse ihre Rede in zögerlichem, aber akzentfreiem Russisch. Sie spricht von der Jugend Moskaus, welche sie bei ihren Besuchen so beeindruckt hat: gut ausgebildet, neugierig, hungrig nach der Vernetzung mit der Welt. Ihr widmet sie die Garage. Hier soll die Generation, die in einem Jahrzehnt über die ­Geschicke Russlands entscheiden wird, Modernität üben.

Hinter Schukowa befindet sich ein grosses sowjetisches Mosaik, das sie und Rem Koolhaas in seinem romantisch beschädigten Zustand konserviert haben. Das Restaurant im Gorki-Park hiess früher Wremena goda, die Jahreszeiten. Was wir hier in seiner ganzen überdimensionierten Pracht sehen, ist die Herbstallegorie. Wie jede Wand, jedes Kunstobjekt und jedes Display in der neuen ­Garage scheint auch sie ein Schild mit der Aufschrift «Ich bin nicht Oligarchenkunst» auf sich zu tragen. Das Mosaik gefällt trotzdem nicht allen – «was soll dieser altrömische Wandschmuck?», prustet verächtlich die rothaarige Tatjana Arzamasowa von der Künstlergruppe AES + F. Sie ist 1955 geboren und der Sowjetästhetik überdrüssig.

«Werben um die Intelligenzija»

Im kirschroten, schrillen «Infinity Room» der Japanerin Yayoi Kusama bricht unterdessen eine wahre Selfie-Manie aus. Kichernd und drängelnd posieren die Damen inmitten des grenzenlosen Tupfen­musters. Im ersten Stock serviert man Pelmeni, die russischen Teigtaschen; zu Kunst geadelte Feld­küchen des thailändischen Sozialkünstlers Rikrit Tiravanija bilden einen aparten Kontrast zu Hummerhäppchen im Parterre. In kreativ angeregter Stimmung erfreuen sich sogar die Garderobe und die Toilette grosser Beliebtheit. Vor dem grossen, rosa und blau angeleuchteten Spiegel zupfen die Damen an ihren Minis und Maxis um die Wette.

Das eigentliche Herz der Präsentation wird nicht gross beachtet, ist aber das brisanteste der Exponate. Es ist ein Familienbaum der russischen Kunst der Nachkriegsjahre. Pussy Riot, Wojna, Gruppe ZIP, die provozierenden Namen der zeitgenössischen Kunstaktivisten stehen neben den Namen der sowjetischen Nonkonformisten an der Wand. An der Fotowand hängt auch ein Porträt von Anna Altschuk. Die Konzeptkünstlerin stand zehn Jahre vor Pussy Riot vor einem Moskauer Gericht, der Verletzung religiöser Gefühle angeklagt. Sie wurde zwar freigesprochen, konnte aber mit dem ihr durch den Prozess zugefügten Trauma nicht fertigwerden und beging Selbstmord. Ihr Mann, der Philosoph Michail Ryklin, schrieb darüber ein Buch. Müsste diese Geschichte nicht neben dem Porträt an der Wand stehen? Der verantwortlichen Kuratorin entlockt die Frage ein Schulterzucken, ihr Blick wird misstrauisch und abweisend. Die Grenzen des scheinbar so befreiten Tuns in der Garage werden sichtbar.

Die schmollenden Kritiker

Der Tross der internationalen Kunstjournalisten weilt auf Schukowas Einladung in Moskau. Nun schmollt er ein wenig. Kusama? Tiravanija? Diagramme an der Wand? Schon tausendmal gesehen. «Für Moskau ist das allerdings goldrichtig», relativiert der Kunstkritiker Walentin Diakonow von der russischen Zeitung «Kommersant». «Dascha und Roman», sagt der Kunstpapst mit Wuschelfrisur, «sind nicht wie die anderen Oligarchen. Er ist ein kühler Denker und sie eine Wissenschaftlertochter. Sie wissen, was Moskau braucht. Was wir hier heute sehen, ist ihr Werben um die Moskauer Intelligenzija.» Dann nimmt er einen Schluck des Eröffnungscocktails zu sich – Beluga-Wodka, Zitronensaft und ein Hauch von Wermuth.

Auf die Frage, wo denn diese Intelligenzija stecke, muss er selbst zugeben: eigentlich im Ausland. Die zeitgenössischen Galerien der ersten Stunde haben den Systemwechsel von freiheitlich brodelnder Perestroika zum brachialen Kapitalismus postsowjetischer Prägung nicht überlebt. Auch die ­berühmten Moskauer Konzeptualisten haben das Land verlassen. Ilja Kabakow lebt in New York, Erik Bulatow in Paris. Bulatow hat für die Garage aber immerhin das erste Auftragswerk geschaffen: Riesenschrift im Stil der sowjetischen Propaganda­parolen. Es heisst: «Alle in unsere Garage!» Die Museumshostessen sehen davor in ihren perfekt sitzenden kleinen Schwarzen besonders dekorativ aus. Aber Moment, war Bulatows Schriftkunst nicht einst eine Kritik an der Propaganda? Der Einsatz des nonkomformistischen Stils für eine platte Werbebotschaft wirkt wie ein Stilbruch.

Einige Drinks später ist der Journalist Diakonow in glänzender Laune. Auch er fantasiert, wie Kulik, dass Putin die zeitgenössische Kunst nun adoptieren könnte. Vielleicht sie sogar zu einer ideologischen Waffe machen? In Moskau scheinen alle die Geschichte, wie die CIA den abstrakten Expressionismus um Jackson Pollock stärkte und mit der neuen Ästhetik Kalten Krieg betrieb, zu kennen und köstlich zu finden. Stimmt eigentlich, auch russische Regimes sind der Raffinesse fähig. Am Ende ist diese ganze Garage vielleicht ein Komplott? Ausgeheckt vom Putin-Kader, unter Mitarbeit des auf Unter­stützung angewiesenen Oligarchen? Mit dem Ziel, die aufmüpfigen Künstler endlich von der Strasse zu ­holen, sie als Hoflieferanten des Geld­adels ihrer oppositionellen Energie zu berauben? Im Westen hat es funktioniert. Hm, unangenehmer Gedanke

Wir bohren nach beim Kollegen: Was ist aber mit der Freiheit der Kunst in Russland? Was mit dem Verbot der sogenannten homosexuellen Propaganda? Dem absurden Anti-Fluch-Gesetz? Diakonow zuckt, ähnlich wie die Kuratorin, die Schultern: «Wir haben kein Problem mit der schwulen Kunst, wir haben ein Problem mit den Schwulenparaden», gibt er schnippisch zur Antwort.

Homosexuelle Angstattacken

Die Kratzer im Gesicht von Antonina Beawer offenbaren am Tag darauf eine andere Wahrheit. Die mädchenhafte Künstlerin mit dunkler Haarmähne trifft uns am Pionierteich neben der neuen Garage. Sie besucht die Rodtschenko Art School, die als ­Nebeninstitution des Multimedia Art Center gegründet wurde und bis heute die einzige zeitgemässe Kunstschule Moskaus geblieben ist, ein krasser Gegensatz zu den etablierten Kunstakademien immer noch vorsintflutlichen Zuschnitts. Tonja und ihre Freunde der Gruppe Fröhliches Karussell, was eine wörtliche Übersetzung des englischen «gay carousel» ist, wurden vor wenigen Tagen auf der Strasse von einer Bürgerwehrgruppe angegriffen. Die religiös motivierten Moralwächter, an ­ihrem im Revers getragenen schwarz-orangen ­St.-Georgs-Band erkennbar, haben sie verfolgt und vor dem Eingang zur Metro überfallen. Tonja bricht unser Gespräch schon bald ab. Einer ihrer Freunde hat seit dem Überfall Angstattacken und bittet sie telefonisch um Beistand.

«Wir kennen das Problem nicht», versichert aber eine Stunde später lächelnd der Direktor des städtischen Moskauer Museums für moderne Kunst, der kein anderer ist als der Enkel des Skulpteurs ­Surab Tsereteli. Für die geplante Ausstellung des verstorbenen Travestiekünstlers Wlad Mamyschew-Monroe wird das Museum einfach eine Altersbeschränkung festsetzen, ein entsprechendes Plakat an der Tür anbringen. Damit sei dem Gesetz, das homosexuelle Propaganda gegenüber Minderjährigen verbietet, Genüge getan. Werke, die Schimpfwörter enthalten, wofür eine Geldstrafe von 50'000 Rubel droht, hängt man so hoch, dass man die Schrift schlechter entziffern kann. Man merkt: Was Repressionen angeht, ist man sich in Russland anderes gewohnt. Diese paar halbherzig durchexerzierten Gesetze sind für das sowjetisch vorgeschulte Volk schlicht Peanuts.

Im Nachtclub mit Abramowitsch

Der Direktor gibt sich die Ehre, uns persönlich durch die Sammlung zu führen. Neben der schicken Garage wirkt sein Museum wie eine arme Verwandte vom Lande. Ein anderer Kurator des Hauses, ein an amerikanischen Universitäten ausgebildeter junger Mann, folgt uns auf Schritt und Tritt und liefert in jedem Saal parallel zu den Erklä­rungen des Direktors eine Gegenversion, gespickt mit Ausdrücken, die zum westlichen Kuratoren-Sing­sang gehören, «Wahrnehmung», «Paradigmabruch», «Krise der Zukunft» . . . Die beiden Guides ignorieren einander, was der Führung durchaus Komik verleiht.

Am Abend trifft sich die zur Eröffnung angereiste Gesellschaft auf der Dachterrasse des Strelka-Instituts, der urbanistischen Elitelehrstätte. In der ehemaligen Schokoladenfabrik Roter Oktober herrscht Campus-Atmosphäre. Das Einzige, was die Strelka von westlichen Unis unterscheidet, sind die vor ihr anhaltenden schwarzen Limousinen – denn die Strelka ist hip, auch das Moskauer Partyvolk zeigt sich hier gern. Hinter der Gründung des Instituts steht wie bei der Garage privates Geld, jenes von Alexander Mamut, dem ehemaligen Familienbanker der Jelzins. Die Idee soll in einem Gespräch «unter Freunden» während der Bien­nale Venedig geboren worden sein. In kurzer Zeit wurde das Institut, sanft angeleitet von Schukowas Architekt Rem Koolhaas, zu einem geistigen und sozialen Zentrum des neuen Moskau.

Unterdessen findet in der Garage ein Essen für die ganz wichtigen Gäste statt. «Star Wars»-Erfinder George Lucas ist angereist (Dascha soll mit seiner Frau befreundet sein), Woody Allen mit Frau und Tochter, Jeff Koons und Sheika Al Mayassa aus Katar. Xenia Sobtschak, eine dem unabhängigen Fernsehkanal Doschd verbundene St. Petersburger Celebrity, twittert Bilder aus dem Esssaal. Xenia Sobtschak ist da?, fragt man sich verwundert. Denn die ehemalige Teilnehmerin beim russischen ­«Big Brother» profiliert sich mittlerweile als eine Kritikerin des Ukrainefeldzugs. Vermeidet seit dem Fall Chodorkowskis nicht jeder um seinen Einfluss ­besorgte Oligarch den Kontakt zur politischen ­Opposition?

Der «Tag Russlands»

Aber hey, es ist Russland. Die kleine Sobtschak, Tochter des ehemaligen Bürgermeisters St. Petersburgs, steht dank den früheren Diensten ihres Vaters für Putin immer noch unter dem Schutz der Regierung. Die Nacht klingt im Club #Lol aus. Das Klischee der russischen Exzesse lässt grüssen: Jede Toilette ist eine kleine Sadomaso-Zelle, komplett mit Peitsche und Maske. Roman Abramowitsch kommt nach Mitternacht mit einer Handvoll Gäste; die langbeinigen Schönheiten, die den Club bevölkern, lachen nun ein Spur lauter. Nach dem Gesichtsausdruck zu urteilen, macht dem zehntreichsten Mann Russlands sein Oligarchenleben kaum Freude. Mit düsterer Miene schaut er in die Runde, man hat das Gefühl, er würde sich viel lieber ins Gespräch mit seinem Rabbi Alexander Boroda vertiefen, mit dem er stundenlang vor der Garage flüsterte, während andere Drinks runterkippten. Boroda, mit Hut und Bart, ist nicht nur Präsident der jüdischen Gemeinschaft Russlands, er sitzt auch im Aufsichtsrat des von Abramowitsch gesponserten jüdischen Museums in Moskau.

Am nächsten Tag leuchtet die Sonne auf ein Meer von russischen Nationalfarben: Weiss, Blau, Rot. Der 12. Juni ist der «Tag Russlands», es ist auch ein Fest der Fahne. Man winkt aus alter und neuer Gewohnheit. Der Gorki-Park, das ehemalige Er­holungsparadies des Sowjetbürgers, füllt sich mit Rollbrettfahrern, Verliebten und Familien. Im Stundentakt schmettern Militärkapellen kriegerische Weisen. Auf den Sitzbänken liegen Flyer eines geplanten Armeemuseums. «Macht nur weiter mit euren Sanktionen», ruft ein alter Mann der langen Menschenschlange vor der Garage zu, «die machen uns nämlich nur stärker!» – «Geh schlafen, Opa», antworten lachend die vermeintlichen Ausländer. Auf Russisch.

Erstellt: 27.06.2015, 05:01 Uhr

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