Senkrechtstarter mit dem Temperament eines Südländers

Der 35-jährige Künstler Valentin Carron wird die Schweiz an der diesjährigen Biennale von Venedig vertreten. Inspiration holt er sich in der Walliser Agglomeration.

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Angefangen hatte es mit einem Zeichenwettbewerb in der Primarschule. Die Kinder aus dem Walliser Winzerdorf Fully sollten eine Kirche aus dem Kanton abzeichnen – und der zehnjährige Valentin gewann gleich den ersten Preis. «Ich habe die Kirche von Orsières gemalt, dem Dorf meines Lehrers. Schlau, n’est-ce pas?», schmunzelt der heute 35-Jährige, als hätte er seine Karriere dieser frühen Charmeoffensive zu verdanken.

Dass der Senkrechtstarter der Schweizer Kunstszene Jahre später ein gigantisches Kreuz auf dem Messeplatz der Art Basel 2009 aufstellte, ist kein Zufall. «Natürlich hat das Kreuz im Wallis Tradition. Auf jedem Hügel steht eines, und bis vor kurzem hing es noch in jedem Schulzimmer. Doch im Grunde fasziniert mich nur seine Form: rechte Winkel und Geraden – eine Art Mondrian», sagt Carron. In Basel sei es ihm weniger um Provokation gegangen als vielmehr um Spiritualität im Kontext der Moderne. Allerdings liess sich das Werk durchaus auch als Symbol der Anbetung der Superreichen von Kunst und Kapital deuten – was an diesem Ort doch reichlich keck war.

Er eckt gern an

Carron eckt oft und gerne an. Dabei bedient er sich sowohl bei der Kunstgeschichte als auch im Alltag. Aufsehen erregte er etwa, als er Giacomettis berühmte Bronzehand mit einem Stinkefinger ausstattete. Und wenn er Altstar Roger Moore, James Bond ausser Dienst und heute in Crans-Montana heimisch, im roten Ganzkörperanzug auf einem restaurierten Skibob ablichtet und die Fotografie dann ins Museum hängt, so ist das Retrostyle, ironisch gebrochen.

Weil Carron als Teenager weder eine Handwerkerlehre absolvieren noch ins Kleingewerbe seiner Eltern eintreten mag, besucht er die Kunstmittelschule von Sion und später die Lausanner Kunsthochschule. Er verkehrt in der Skaterszene, bedruckt T-Shirts mit verrückten Logos – «graphisme assez trash et post-punk» – und begeistert sich für die amerikanische Noiseband Sonic Youth. Heute gäbe man dem Romand kaum noch den wilden Skater. Eher wirkt er wie eine Mischung aus kettenrauchendem Dandy und charmantem Bourgeois: hellblaues Hemd, beige Wolljacke und ein goldener Ring mit grünem Stein am Finger. Für den kurzen Weg vom Bahnhof ins Atelier benutzt er das Auto. «Ja, typisch Südländer», meint Carron, der vom mediterranen Lebensgefühl beseelt ist und seine Inspiration aus dem Wallis schöpft.

Fasziniert vom Hässlichen

Um Missverständnissen zuvorzukommen: Carron mag weder Chalets noch Zinnkannen noch das Matterhorn. Sondern – was irritierend, aber gerade deshalb so neu und anders ist – das zersiedelte Rhonetal. «Das Tal ist eine einzige Vorstadt. Ich liebe die Agglomeration und das Periphere.» Diesbezüglich ist Martigny mit seinen Bauten aus den 60er- und 70er-Jahren und den modernistischen Skulpturen im öffentlichen Raum eine wahre Fundgrube. So malte der Künstler schon einen Sternenhimmel von einer Hausmauer in der Innenstadt ab und transferierte die Kopie kurzerhand in die Zürcher Kunsthalle. Postexpressionistische Bronzereliefs aus der Kantonalbank kopierte er in Styropor und gab den Szenen eigene Titel: «Le mépris», «La haine», «La malice» – Verachtung, Hass, Bosheit.

Lob der Hässlichkeit oder ein Befreiungsakt von Geschmacksverirrungen? «Beides», meint Carron. Alles, was ihn abstosse, fasziniere ihn gleichzeitig. Mit den Kopien wolle er einzig die von der Geschichte übergangenen Dinge konservieren – egal, ob «hässlich» oder nicht. Mit hyperkünstlichem Material wie Styropor oder Kunstharz und mit abstrusen Titeln («Type gaga, type dada») schafft er ironische Distanz zum Original. Oder haben Sie schon mal Wein der Sorte «Château-Synthèse» getrunken, wie ihn Valentin Carron einmal an einer Ausstellung präsentierte?

Unterdessen sind wir im Atelier angekommen. In einer Ecke stehen bunte Fahrgestelle restaurierter Ciao-Mofas, die Carron kürzlich als Readymade ins Kunsthaus Aarau stellte; unter einem Tisch stapeln sich antiquarische Bücher. Carron kramt einen Band hervor, auf dessen Umschlag der Titel sowie der Name des Autors in feinen Linien zu lesen sind. «Die Ästhetik dieses Covers ist eine Art Resümee der 60er- und 70er-Jahre», erklärt er. «Ich eliminierte die Schrift und reduzierte das Bild auf die Grafik.» Das Resultat hängt nun in Form einer azurblauen Blache mit minimalistischer Zeichnung auf dem Verputz. «Manipulation de l’héritage» nennt es der Künstler – und meint damit Aneignung von Retrostyle.

Konservieren von Dingen, die die Geschichte übersehen hat

Carrons Arbeiten lassen sich kaum einordnen, obwohl die Verweise auf die Avantgarden des letzten Jahrhunderts – von Dada über Minimalismus bis Pop-Art – unverkennbar sind. Und die Nouveaux Réalistes, die einst den Wohlstandsmüll zu Kunst verwerteten, standen wohl ebenfalls Pate, als Carron auf alten Trompeten und Saxofonen herumtrampelte, bis sie aussahen wie jene Fanfarendekoration aus einer einheimischen Kneipe, die er einst besuchte.

Bei Monsieur Zermatten, der gleich neben dem Atelier eine kleine Kunstgiesserei betreibt und auch schon für Oskar Kokoschka arbeitete, werden die malträtierten Instrumente gerade in Bronze nachgegossen. «Fotografieren Sie ruhig den Valentin, il a un beau sourire», sagt der Chef und spitzt mit einem Hämmerchen den Gips von den Skulpturen ab. Da liegen sie nun, die Bronzeabgüsse, die bald die Reise zur Biennale von Venedig antreten werden. Sie wirken an diesem fast verwunschenen Ort wie der melancholische Abgesang auf eine kleine, verschworene Gemeinschaft. «Sind Sie ein Nostalgiker, Monsieur Carron?» – «Ich denke schon.»

Es passt, dass wir mit ihm an diesem Nachmittag in gemächlichem Tempo durch Martigny zum Kaffee spazieren, vorbei an postmoderner Kreiselkunst und hässlichen Gebäuden. Das Verrückte daran: Man beginnt Carrons Stadt fast ein bisschen zu mögen. Das Erforschen und Konservieren von Dingen, welche die Geschichte übersehen hat, ist eigentlich eine wunderbare Sache.


Biennale di Venezia 2013: 1. 6.–24. 11. www.labiennale.org

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2013, 17:23 Uhr

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Valentin Carron

Glassteine und ein MofaValentin Carron, geboren 1977 in Martigny, studierte von 1992 bis 2000 an den Kunstschulen von Sion und Lausanne. 2000 und 2001 erhielt er den Swiss Art Award. Carron stellte unter anderem im Mamco Genf, im Swiss Institute New York und in der Kunsthalle Zürich aus. Im Migros-Museum sind ab heute vier Werke zu sehen, die er 2010 für eine Schau im Palais de Tokyo in Paris schuf.

An der Biennale von Venedig wird Carron eine monumentale Wandinstallation mit eingelegten Glassteinen, sogenannten «dalles de verre», in den Schweizer Pavillon stellen, dazu platt gedrückte Blasinstrumente, einen restaurierten Ciao-Motorroller und eine lange, doppelköpfige Schlange. Seit 2005 wird der Westschweizer von der Zürcher Galeristin Eva Presenhuber vertreten. Carron lebt in Martigny und lehrt an der Ecole Cantonale d’Art de Lausanne. (fsh)

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