Sind diese Werke aus dem Kongo rechtmässig in Zürich?

Das Museum Rietberg untersucht in einer Ausstellung die Herkunft seiner Kunst aus dem afrikanischen Staat.

Maske mit Frauengesicht Kambanda. Künstler der Pende-Region, Kongo, vor 1939. © Museum Rietberg Zürich, Geschenk Barbara und Eberhard Fischer

Maske mit Frauengesicht Kambanda. Künstler der Pende-Region, Kongo, vor 1939. © Museum Rietberg Zürich, Geschenk Barbara und Eberhard Fischer

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Er kam zweimal nach Zürich, um im Nachlass von Hans Himmelheber zu stöbern. Zweimal liess sich der 29-jährige kongolesische Künstler Sinzo Aanza von den Kuratorinnen des Museums Rietberg die umfangreiche, über 15'000 Fotos umfassende Sammlung zeigen, die auf der Kongoreise des deutschen Ethnologen (er lebte von 1908 bis 2003) entstand. Aanza entschied sich für ein besonders symbolträchtiges Bild – doch dazu später.

In den Jahren 1938 und 1939 hatte Himmelheber im damals unter belgischer Herrschaft stehenden Land das Gebiet der ehemaligen Königreiche der Kasai, Kuba und Pende, sowie der Songye und Luba bereist. Es war eine ausgedehnte Kunsthändlerreise, auf der er Tausende von afrikanischen Holzmasken und -skulpturen erwarb, die er dann weiter an europäische und amerikanische Museen verkaufte.

In die Schweiz schickte Himmelheber seine Sachen an die Völkerkundemuseen in Genf, Basel und Zürich. Hier nun präsentiert das Museum Rietberg in einer mit «Fiktion Kongo» betitelten Ausstellung diese um prächtige Leihgaben von Privaten und anderen Museen erweiterten Schätze.

Dabei wird dem Besucher schon von Anfang an klar gemacht, dass mit den Kunstobjekten überaus kritisch umgegangen wird. Es handelt sich ja um Gegenstände, die nicht erst seit den Restitutionsempfehlungen von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy unter dem Generalvorbehalt stehen, ob sie überhaupt rechtmässig in einem europäischen Museum lagern.

Provenienzrecherche in der Afrikasammlung

Ein Glücksfall, dass sich im Museum Rietberg nicht nur die Objekte von Himmelheber erhalten haben, sondern in den letzten Jahren auch seine Tagebücher und die Fotos, welche die Nachkommen dem Haus geschenkt haben. Jetzt kann man von beinahe jedem Stück, das Himmelheber erwarb, die Provenienz, den Preis und oft auch den Künstlernamen angeben, wie uns Michaela Oberhofer, die mit Nanina Guyer die Ausstellung kuratierte, erklärt.

Mit diesen Angaben lassen sich die Besitzansprüche des Museums zwar weitgehend legitimieren. Dennoch haftet jedem Stück in der Ausstellung der Makel an, dass es unter den Bedingungen des Kolonialismus erworben wurde.

So wurde, wie man im Eröffnungsfilm der Schau sieht, der kaufkräftige Kunsthändler von den Dörflern oft wie ein König mit einer Sänfte herumgetragen, was ein deutliches Indiz für die Ungleichheit der Beziehung zwischen dem Europäer und den Afrikanern ist. Und gemessen am Wiederverkaufswert seiner Schätze, hatte Himmelheber diese auch überaus günstig erworben. Kurzum: Seine Einkaufstour ist nicht vorstellbar ohne das aktive Mittun der Afrikaner.

Maske mit Darstellung einer Tipoye. Künstler der Suku-Region, 1. Hälfte 20. Jh. Sammlung Marc Felix Dr. de Winter, Jacques und Denise Schwob

Die Ausstellung präsentiert ihre grossartigen Schätze in mehreren Kapiteln, die Aspekte wie Ästhetik, Politik und gesellschaftliche Rituale in den Fokus nehmen. Sie macht dabei immer wieder den Sprung in die Gegenwart, indem sie zum Beispiel im Umkreis hoch artifizieller Objekte und grandios gestalteter Teppiche aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jene jungen, luxuriös gekleideten Kongolesen ins Bild rückt, die sich heute als Sapeure verstehen. Der Begriff ist vom französischen Wort «sape» für Klamotten abgeleitet und meint einen auffällig elegant gekleideten Mann in Afrika, dessen Auftreten in deutlichem Kontrast zu seinen Lebensumständen steht.

Der Ausverkauf der Heimat

Wir sehen in der Ausstellung zudem furchteinflössende Kraftfiguren, von denen es auch Adaptationen moderner Künstler gibt. Umwerfend schön sind auch die Holzmasken, die meist über einen Halskranz aus Stroh verfügen und bei den nur alle zehn Jahre stattfindenden Initiationsritualen für junge Männer getragen wurden.

Unter den vielen Tanzaufnahmen, Gruppenbildern und Künstlerporträts, die sich in Himmelhebers Fotosammlung finden und von denen im Katalog zur Ausstellung rund hundert Exemplare abgebildet sind, hat sich der eingangs erwähnte Sinzo Aanza schliesslich für eines entschieden, auf dem ein Mann aus der Songye-Region, umringt von vielen Kindern, voller Stolz eine grosse Kraftfigur präsentiert.

Die Kraftfigur wird herangetragen, Songye-Region, Foto: Hans Himmelheber © Museum Rietberg Zürich

In dieser Person, die einen mannsgrossen Fetisch trägt, konzentriert sich für den Künstler sozusagen das ganze Skandalon des Kolonialismus. Sinzo Aanza erklärt: «Stellen Sie sich vor, ein französischer Bauer würde ein Ciborium, also eine heilige Vase, aus einer gotischen Kathedrale heraustragen und einem Händler aus China anbieten. Stellen Sie sich vor, was wohl im Kopf dieses Kongolesen geschah im Moment, in dem er eine spirituell aufgeladene Statue an einen deutschen Händler verkaufte. Ich meine, in diesem Moment, in dieser Geste, werden die Umwälzung, der Umbruch, die radikalen Reorganisation des Territoriums und des Lebens der Leute, der Kolonialismus im Kongo offenbar.»

Sinzo Aanza, «The Lord is Dead, long Life to the Lord», Installationsansicht, Courtesy Sinzo Aanza, Museum Rietberg. Foto: Rainer Wolfsberger

Den Afrikaner, der die afrikanische Seele verkauft, nimmt Sinzo Aanza zum Ausgangspunkt einer riesigen Fotocollage, die Teil seiner Installation «The Lord is Dead, Long Life to the Lord» ist, die er auf Einladung des Museums gemacht hat. Und da es sich bei diesem Ausverkauf der Heimat, wie man in der Schweiz wohl sagen würde, um ein Massengeschäft gegangen ist, häufen sich auf der Collage ganze Berge von bunten Kunstobjekten, sodass man nicht den Eindruck von Abfall bekommt, sondern von einem irren Fest des Gebens, das begleitet wird von einer wilden Musik, von Rhythmus, Tanz und Wein.

Kolonialismus als Eroberungstrip

Wie sagt Sinzo Aanzo? Die Kolonialisierung komme ihm vor wie eine Fortsetzung der Eroberung des Wilden Westens, eine Eroberung und Unterwerfung voller Enthusiasmus, von Menschen gemacht, die beinahe trunken sich an der radikalen Transformation eines Raums beteiligten, an dem Hans Himmelheber und seine Partner genauso mithalfen wie ihre afrikanischen Gegenüber. Und so gesehen, wird die Kolonisierung des Kongo zu einem Trip, der nicht nur die Europäer, sondern auch die Afrikaner mitgerissen hat.

«Wir haben», wir zitieren noch einmal den Künstler, «im Kongo eine Gesellschaft, die durch den Kolonialismus geformt wurde. Wir haben diese Gesellschaft nicht selbst geschaffen. Die Kolonialherren haben den Raum für sich organisiert, nicht für uns Kongolesen. Für uns geht es jetzt darum: Wie können wir den Raum wieder für uns reorganisieren? Wie können wir ihn so gestalten, dass wir darin leben können, dass die Institutionen und der Staat uns zur Verfügung stehen und uns dienen? In diesem Prozess können uns diese historischen Kunstwerke helfen.»

Ausstellung «Fiktion Kongo» im Museum Rietberg bis 15. März 2020

Erstellt: 28.11.2019, 13:08 Uhr

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