Sinnliche Schmerzensmänner

Eindringlich illustrieren lebengrosse Wachs-Skulpturen Schmerz, Vergänglichkeit und Erotik. Zu sehen sind die Arbeiten in der Ausstellung «Mysterium Leib».

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Ein Bild des Schreckens empfängt den Besucher im Obergeschoss des Treppenhauses. Beine, leichenblass, mit violetten Flecken übersät, baumeln von oben herab. Der dazugehörige Oberkörper ist nur eine Art leerer Sack, über die Spitze einer Säule geworfen wie ein schäbiger, alter Mantel. Man möchte gar nicht hinschauen und ist doch gebannt.

Die Ausstellung «Mysterium Leib. Berlinde de Bruyckere im Dialog mit Lucas Cranach und Pier Paolo Pasolini» beginnt mit einem der stärksten Werke der Schau. Berlinde des Bruyckere schuf ihren «Schmerzensmann» inspiriert durch ein gleichnamiges Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren. Das selten gezeigte Gemälde des deutsche Renaissance-Maler zeigt einen Christus, der seine Wundmale präsentiert und dabei mit eindringlichem Blick den Betrachter ansieht, als wolle er ihm zuraunen: Für dich habe ich dies erlitten. Berlinde des Bruyckeres Wachsskulptur löst den Schmerz aus dem christlich-religiösen Kontext und transportiert ihn auf eine allgemein-menschliche Ebene. Aus ihrem «Schmerzensmann», der an Hinrichtungen denken lässt, spricht die Marter des auch in unseren Tagen weltweit gesehen allgegenwärtigen Krieges.

Damit klingt im «Schmerzensmann» eine Welthaltigkeit an, die in den weiteren Arbeiten der Ausstellung hinter einer intimeren Beschäftigung mit der menschlichen Physis zurücktritt. In den Skulpturen der Serie «Into One-Another» verschmelzen je zwei Körper in vom Betrachter kaum mehr zu entwirrender Weise ineinander. Was von hinten wie eine auf den Knien hockende Figur aussieht, zeigt sich von vorn als zwei aufgerissene Torsi, die bizarr ineinander geschoben scheinen. Die animalische Seite der Sexualität, aber auch die oft schmerzliche Sehnsucht nach Nähe finden in diesen Arbeiten einen starken Ausdruck.

Kopflose Körper

Zusätzlich irritiert, dass de Bruyckere ihre Wachsfiguren ohne Köpfe fertigt. «Die Arbeiten brauchen keine Köpfe. Der ganze Körper spricht das Leiden aus», sagt die Künstlerin, die 2003 eine Einzelpräsentation im italienischen Pavillon an der Biennale von Venedig zeigen konnte. Der Verzicht auf Gesichter transportiert die gequälten Körper zudem ins Überpersönliche. Wiewohl die Arbeiten viel mit der 1964 geborenen Tochter eines Metzgers zu tun haben. «Ich habe in meinem privaten Leben schon viele Menschen verloren», sagt de Bruyckere.

Kathleen Bühler, Kuratorin der Abteilung Gegenwart im Kunstmuseum Bern, hat die europaweit bisher grösste Einzelschau der flämischen Künstlerin in die Schweiz geholt. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt in Halle, wo sie im Sommer 2011 zu sehen war. Zur Schau gehören auch Zeichnungen, die – wiewohl die Künstlerin beteuert, dass sie keine Vorstudien seien – neben den aufsehenerregenden Skulpturen etwas Skizzenhaftes haben. Die Skulpturen entstehen nach Silikonabgüssen, die de Bruyckere von lebenden Menschen sowie toten Tieren nimmt. Für die Skulpturen verwendet die Künstlerin Wachs, ein Material, das den zarten Schimmer lebender Haut äusserst überzeugend wiedergeben kann. Berlinde de Bruyckere versetzt das Wachs mit den fahlen Farben des Todes. Sie fasziniere die Unerschrockenheit, mit der de Bruyckere sich existenzieller Themen wie der Vergänglichkeit annehme, sagt Kathleen Bühler.

Zweiklang mit Hodler

Dass der Tod aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt sei, das hört man oft. Auch in Kunstkreisen, obwohl der Tod dort ein angesagtes Thema ist. Wenn Damien Hirst, um ein ganz bekanntes Beispiel zu nehmen, einen Schädelabguss mit 8601 Diamanten ziert, dann wirkt der Tod sogar sexy. Genau besehen war die Vergänglichkeit des Menschen immer eines der ganz grossen Themen der Kunst. Beispiele dafür liefert auch Berlinde de Bruyckere, die in ihre Ausstellung Arbeiten zweier berühmter Kunst- und Kulturschaffender integriert. Eine zentrale Rolle kommt dem «Schmerzensmann» von Lucas Cranach zu. In einem eigenen Raum wird das 1515 entstandene Gemälde gemeinsam mit einer abstrahierten Dornenkrone aus Wachs und Blei von de Bruyckere gezeigt. Auch einige Cranach-Druckgrafiken zur Passionsgeschichte finden sich in der Schau.

Die Filme von Pier Paolo Pasolini, die Berlinde de Bruyckere als weitere Inspirationsquelle mit in die Schau integriert hat, sollte man sich lieber in Ruhe im Kino im Kunstmuseum anschauen, das vom 22.10. bis 31.10. ein passendes Begleitprogramm offeriert. Die visuell gelungenste Kombination einer De-Bruyckere-Skulptur mit einem älteren Werk hat allerdings Kathleen Bühler angeregt.

Etwas abseits des Ausstellungsparcours liegen zwei kopflose Wachsfiguren auf verschmutzten Decken unter Ferdinand Hodlers Gemälde «Die Nacht» aus dem Jahr 1890. Das Bild zeigt den Künstler selbst, inmitten mehrerer Schlafender, einen dunklen Nachtgeist auf der Brust, die Augen in Todesangst geweitet. Die grossen Themen Schmerz, Vergänglichkeit, aber auch Erotik klingen bei Hodler wie bei de Bruyckere an und tönen harmonisch zusammen.

Die Ausstellung eröffnet am Donnerstag, 20. Oktober um 18:30 Uhr eröffnet und dauert bis 12. 2. 2012 (Der Bund)

Erstellt: 20.10.2011, 17:08 Uhr

Katalog

«Mysterium Leib. Into One-Another. Berlinde de Bruyckere im Dialog mit / in dialog with Cranach und / and Pasolini». Dt./Englisch. 236 S. Hirmer-Verlag, München, 28 Fr.

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