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Spielen wir doch 12-Ton-Schach

Das Brettspiel, dessen Weltmeister gerade gekürt wird, faszinierte viele Künstler der Moderne. Arnold Schönberg kreierte mit dem Koalitionsschach sogar eine eigene Variante.

Experte Georg Kradolfer und drei Mitglieder der «Tages-Anzeiger»-Redaktion spielen Koalitionsschach.
Video: Jan Derrer

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Es ist ein Desaster. Schon nach wenigen Zügen bin ich die wichtigsten Figuren los. Die zwei Arbeitskollegen jubeln. Sie sind heute meine Gegner. Immerhin: Mein Verbündeter, der Präsident des Schachclubs Wollishofen, schlägt sich tapfer. Wir sitzen zu viert am Brett im Club der Zürcher Schachgesellschaft. Es ist der älteste, weil schon 1809 gegründete Schachclub der Welt. In den Vitrinen reihen sich die Pokale, auch ein Autogramm von Bobby Fischer ist zu entdecken. An der Wand hängt ein Poster mit Viswanathan Anand und Magnus Carlsen, die sich heute wieder im indischen Chennai um den Weltmeistertitel duellieren.

Wir dagegen spielen Arnold Schönbergs Koalitionsschach. Es entstand zu Beginn der 1920er-Jahre, als der Wiener an seiner Zwölftontechnik tüftelte. Wie in der Zwölftonmusik wandelte Schönberg auch in diesem Nebenprodukt ein altes Regelsystem nach eigenem Gutdünken ab. Er erweiterte das Brett um 36 zusätzliche Felder und das Figurenkabinett um drei neue Figuren, die sich von den neuen Technologien des Ersten Weltkriegs herleiten: Sie heissen «Maschinengewehr», «Flieger» und «U-Boot». Jeder der vier Spieler verfügt über eine Armee mit eigenen Stärken und Schwächen. Keine Armee ist gleich bestückt. Die namensgebenden Koalitionen werden während der ersten drei Züge geschlossen, gespielt wird danach meistens in Zweierteams.

Sogar Brecht

Das Koalitionsschach ist der konkreteste Ausdruck einer Schachbegeisterung, die sich ab 1900 in Künstlerkreisen ausbreitete. Viele Literaten, Maler und Musiker trafen sich wie Schönberg in den Kaffeehäusern der grossen Städte, um über dem Karobrett zu brüten. Und nicht wenige reizte es wie Schönberg, dieses im mittelalterlichen Indien geprägte Spiel zu modernisieren. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden neben dem Koalitionsschach verschiedene weitere Variationen wie das Raum- oder das Märchenschach.

Sogar Bertolt Brecht sinnierte darüber, wie das Schach erneuert werden könnte. «Wir müssen ein neues Spiel erschaffen», schrieb er an Walter Benjamin, «ein Spiel, wo sich die Stellungen nicht immer gleich bleiben; wo die Funktion der Figur sich ändert, wenn sie eine Weile auf ein und derselben gestanden hat». Andere Künstler suchten das genaue Gegenteil: Während die alten Regeln der Poesie, der Malerei und der Musik verfielen, gewann für diese Künstler das alte Brettspiel mit seinen simplen Regeln und seinen Prinzipien der reinen Logik an Faszination.

Ein besonders eindrückliches Beispiel gibt diesbezüglich Marcel Duchamp. In seiner Arbeit war der Franzose dem Geist des Surrealismus verpflichtet: Er kippte ein Urinal um oder stellte ein Velorad auf einen Schemel und nannte es Kunst. Mit seinen «Ready-Mades» sorgte er für eine ästhetische Revolution, seine Ausstellungen sorgten zuverlässig für Tumulte in den Galerien. Was das Schach betraf, war er hingegen ein Purist. Er nannte das Spiel eine «Schule des Schweigens». In den späten 1920ern avancierte Duchamp zu den besten Schachspielern Frankreichs und vertrat das Land sogar an der Schacholympiade.

Liegt es an uns?

Künstler spielten Schach, und zugleich wurden die besten Schachspieler als Künstler verehrt. Der bekannteste von ihnen war Emanuel Lasker, der von 1894 bis 1924 den Weltmeistertitel innehatte. Lasker kommt in Stefan Zweigs «Schachnovelle» vor, sein Konkurrent Rudolf Charousek tritt in Gustav Meyrinks «Golem» auf. Schönberg traf sich mit Lasker in Berlin, hütete sich aber, dem Meister sein Koalitionsschach vorzustellen: «Das wäre für Lasker so schlimm wie für mich eine Komposition von ihm.»

Tatsächlich hinterlässt Schönbergs Spiel einen zwiespältigen Eindruck. Während das klassische Schach perfekt austariert ist, stellen wir bald ein massives Ungleichgewicht fest. So ist meine Armee nach dem Abflug der zwei Flieger praktisch ausgelöscht, derweil bei einem Kollegen ein halbes Dutzend Figuren untätig verharrt, weil das Mittelfeld komplett verstellt ist. Irgendwann wird mein Verbündeter erdrückt, sein Ende kommt eher zufällig.

Doch ist das nun ein Mangel? Oder ist es Absicht, eine von Schönberg gewollte Disharmonie? Liegt es an uns? Würde sich das Verständnis nach einer vertieften Analyse noch einstellen? Gibt es Tiefen, die uns verborgen blieben, wie ein Kollege vermutete? Womöglich sogar Tiefen, die das traditionelle Schach nicht hat? Als wir das Brett verlassen, fühlte es sich an, als hätten wir uns eben ein 12-Ton-Konzert angehört. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2013, 15:44 Uhr

Drei neue Figuren und ein 10x10-Brett: Das Koalitionsschach. Die Figuren hat Schönberg selber kreiert. (Bild: Arnold Schönberg Center, Wien)

Arnold Schönberg (1874 bis 1951) ging als Erfinder der Zwölftonmusik in die Musikgeschichte ein.

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