Tee reichen als Lebensschule

Soyu «Yumi» Mukai erfüllte sich ihren Kindheitstraum und wurde japanische Teemeisterin im Museum Rietberg. Die 57-Jährige sagt, sie habe es für ihre Seele getan.

Jeder Schritt muss sitzen: Soyu Mukai im Museum Rietberg. Foto: Doris Fanconi

Jeder Schritt muss sitzen: Soyu Mukai im Museum Rietberg. Foto: Doris Fanconi

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Bereit für seinen Morgentee setzt sich ein Mönch ganz still hin – und nimmt die Chrysanthemen wahr. Matsuo Basho (1644–1694)

«Was für ein schönes Haiku!», ruft Soyu «Yumi» Mukai, als ich es ihr bei unserem Zusammentreffen im Zürcher Museum Rietberg vorlese. Basho sei 42 gewesen, als er es schrieb, sagt sie. Es sei also nicht nur eine konzentrierte Wiedergabe eines Moments; es sei ein Innehalten in der Alltagshektik und die Frage nach dem Wohin: Chrysanthemen stünden für Langlebigkeit, aber wie jede Blume auch für Vergänglichkeit.

Die 57-Jährige sagt das in fliessendem Hochdeutsch – mit einem ausgewählten Akzent und einem elaborierten Vokabular. Entsprechende Komplimente tut sie mit einem leisen Lachen und einer kleinen Handbewegung ab. Immerhin habe sie seit 1982 Zeit gehabt, es sich anzueignen und zu verfeinern. Damals kam sie in die Schweiz, nach St. Gallen; nicht als Teemeisterin, sondern als Laborantin für die Krebsliga. Eigentlich wollte sie nur ein, maximal zwei Jahre bleiben. Doch dann kamen der richtige Mann, der Umzug nach Zürich, schliesslich die beiden Töchter, und plötzlich waren zehn Jahre ins Land gezogen. Mukai war Mitte dreissig; Zeit, Zwischenbilanz und – in ihrem Fall – ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sich ihren Jugendtraum zu realisieren: Teemeisterin zu werden. In der Schweiz. In einer Zeit, als hier Sushi und Sudoku noch Fremdwörter waren.

Teeschule statt Tennisstunden

Schon mit 12 Jahren hatte Yumi Mukai die Eltern gebeten, sie in die Teeschule zu schicken (einmal wöchentlich für zwei bis drei Stunden, so, wie man hier zum Tennis oder in den Cellounterricht geht). Mit 13 teilte sie ihnen beim Abendessen mit, dass sie Teemeisterin werden würde. «‹Bloss nicht!›, riefen beide», erinnert sich Mukai lachend, «das sei so ein anstrengender Beruf! Sie meinten, ich hätte das gesagt, um ihnen zu imponieren. Die Wahrheit war, dass es meiner Seele guttat.»

Ihre Lehrerin nennt Mukai, stets höflich, «eine Persönlichkeit», in deren Gegenwart eine «schwierige Atmosphäre» herrschte. Von ihr wurde sie dazu getrieben, die Teeschule zu wechseln. Sie musste praktisch wieder bei null beginnen, Bewegungsabläufe neu lernen. «Für den Zuschauer sind die Unterschiede der verschiedenen Schulen kaum sichtbar», quittiert Mukai mein erstauntes Gesicht. «Für den, der sie ausführt, sind sie enorm. Zum Beispiel nahmen wir am alten Ort sechs Schritte, um eine Tatami-Bodenmatte abzuschreiten. Am neuen Ort waren es vier Schritte.»

Schöner kann man nicht auf den Punkt bringen, dass sich die japanische Teezeremonie – «Chado» genannt – um Feinheiten dreht. Von der Begrüssung der Gäste über die Positionierung der Utensilien bis zu deren Reinigung ist nichts dem Zufall überlassen. Mit dem, was man hierzulande unter Teetrinken versteht – Beutel in die Tasse, Wasser drüber, fertig – hat Chado nichts gemein. Der Tee wird aus erbsengrünem Pulver zubereitet, das in heissem Wasser mithilfe eines kleinen Teebesens aus Bambus zu einer undurchsichtigen, leicht schäumenden Brühe angerührt wird. Sie schmeckt nussig-herb. Dabei ist das Überreichen der Porzellanschale an den Gast und dessen Nippen daran nur ein Bruchstück eines teils stundenlangen Zeremoniells, bei dem spaziert, gegessen, Konversation geführt wird.

Mukai hat die Prozedur auf westlich-verträgliche 60 Minuten eingedampft – und zeigt sich auch sonst flexibel im Umgang mit Chado-Neulingen: «Bitte, wenn ich mich verbeuge, verbeugen Sie sich auch», schmunzelt sie charmant über das hinweg, was in ihrer Heimat wohl eine Unverschämtheit gewesen wäre. Jede ihrer Bewegungen ist Teil einer ausgeklügelten Choreografie, die in jahrelanger Übung verinnerlicht und variiert wird. Das begreift man spätestens, wenn man Mukai beim Falten der Seidenserviette zuschaut: drei Handgriffe, und das viereckige Tuch hat sich in ein origamihaftes Gebilde verwandelt. Unterschiedlich gefärbte Gürtel, die wie bei Karateschülern Auskunft über den Ausbildungsgrad geben würden, gibt es im Chado nicht. Wann jemand bereit ist für die nächste Stufe, teilt ihm sein Meister mündlich mit. Dabei sind die Kriterien, nach denen er urteilt, nicht leicht zu definieren: «Manchmal sehe ich, dass jemand äusserlich schon so weit ist», erklärt Mukai. «Aber solange er innerlich nicht bei der Sache ist, kann ich einem Aufstieg nicht zustimmen.»

Respekt vor den Utensilien

Körper und Geist müssen gleichberechtigt zusammenarbeiten: Die Harmonie ist eine der vier Grundpfeiler des Chado – neben Reinheit, Stille und Respekt. Respekt gegenüber der Aufgabe und gegenüber den Utensilien, die man mit grosser Sorgfalt behandelt und vor sowie nach jedem Gebrauch reinigt sowie ihre Schönheit wahrnimmt. Und natürlich gegenüber den Mitmenschen, wobei kein Unterschied gemacht wird zwischen Arm und Reich, Alt und Jung, Schön und Hässlich. Deswegen siezt Yumi Mukai ihre Schüler konsequent, unabhängig davon, ob sie seit Jahren zu ihr kommen oder, wie ihre derzeit jüngste Schülerin, gerade mal vier Jahre alt sind. Mukai unterweist sie in dem unmöblierten, aber hochästhetisch gestalteten Teezimmer des Museums Rietberg. Im ehemaligen Estrich der als Verwaltungsgebäude dienenden Remise hinter der Villa Schönberg durfte sie vor einigen Jahren ihr ganz persönliches Reich einrichten. Ein wahr gewordener Traum. Nachdem Mukai jahrelang in Provisorien praktiziert hatte – in ihrer eigenen Wohnung, in Räumen des Völkerkundemuseum und des Rietbergs –, gelangte das Rietberg-Direktorium mit der Bitte an sie, in Japan das Material für ein traditionelles Teezimmer auszusuchen.

So entstand unter dem Schrägdach ein kleiner, über ein Holztreppchen erreichbarer, leicht erhöht stehender Raum mit Fenstern und Schränken mit Japanpapier-bespannten Schiebetüren, sanft beleuchtet und ganz in Beige und zarten Grüntönen gehalten. «Ich wählte bewusst klassische, traditionell hergestellte Materialien.» Mukai streicht zufrieden über die Tatami-Matte, auf der wir knien. Der «Seiza», wörtlich mit «richtig sitzen» übersetzte Kniesitz, kann als Pars pro Toto für die ganze Teekultur betrachtet werden: sieht einfach aus, ist aber höllisch anstrengend.

Trotzdem: Die vom Museum zweimal monatlich angebotenen Zeremonien sind fast immer ausgebucht. Und auch ausserhalb wird Mukai immer öfter angefragt, ob sie auftreten könne. Vielleicht, weil sie einen Augenblick Ruhe in eine sich immer schneller drehende Welt bringt? Auch der Japan-Boom hält an: «Die eine Hälfte meines Publikums interessiert sich für die japanische Kultur ganz allgemein», erzählt Mukai, «die andere für den dem Chado zugrunde liegenden Zen-Buddhismus.» Beides brachten chinesische Mönche im 7. Jahrhundert nach Japan. Bis heute ist der spirituelle Ursprung deutlich spürbar. «Der Teeraum ist eine Oase der Einkehr», erklärt Mukai. «Mit der Schale Tee reiche ich meinen Gästen auch seelische Ausgewogenheit.»

«Jedes Mal, wenn man Tee schlägt, fügt man der persönlichen Entwicklung ein hauchdünnes Scheibchen hinzu. Und so wächst man nach und nach, ein Leben lang.» Darum greife die Übersetzung des Wortes Chado mit «Zeremonie» eigentlich zu kurz. Denn «es geht weniger darum, ein Ritual durchzuexerzieren, als vielmehr, permanent weiterzukommen.» Deswegen sagt der Begriff «Teeweg» Yumi Mukai besser zu. «Es geht darum, das Beste zu geben. Während der Zeremonie, aber auch sonst im Leben.»

Staunen in der Heimat

Das sonstige Leben von Teemeisterin Mukai ist ein einzigartiges Amalgam aus japanischen und westlichen Einflüssen. In ihrer Wohnung unweit des Irchelparks rahmen antike Möbel («Ich liebe Art déco!») ein Herz aus Tatami-Matten. Darauf übt sie und schläft sie – «weil es meinem Rücken besser bekommt als ein ‹normales› Bett». Gegessen wird aber zu Tisch, wo sie Freunde gerne mit italienischen, französischen, japanischen Speisen bekocht. Auch sonst bleibt sie im Zürcher Alltag mit Japan in Kontakt: Mukai hört japanische Musik («aber deutschsprachige Nachrichten, als Sprachtraining!»), liest japanische Zeitschriften. Zweimal pro Jahr fliegt sie nach Japan, um sich mit Berufskolleginnen und -kollegen – bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts war die prestigeträchtige Teezubereitung Männern vorbehalten – auszu­tauschen. «Sie staunen immer, dass ich von diesem sogar in Japan recht exotischen Beruf im Ausland leben kann.»

Kein Heimweh? «In Japan könnte ich Chado an jeder Ecke ausüben.» In der Schweiz sei es eine viel bewusstere Entscheidung für diese Kultur. «Das gefällt mir: Ich fühle mich wie ein kleiner japanischer Satellit im Herzen Europas.»

Nächste Teezeremonie: Sonntag, 15. 11., 13 und 15 Uhr. Ansonsten jeden zweiten Sonntag im Monat. www.rietberg.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2015, 20:05 Uhr

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